Buchvorstellung

Politik der Gefühle

Selbst die Corona-Epidemie mit ihren schockierenden Bildern von Militärtransporten für Särge brachte das politische Kampfgeschrei in Italien nicht zum Schweigen.

29.04.2020

Von BETTINA GABBE

Ulrich Ladurner: Der Fall Italien. Foto: Körber Stiftung

Wer sich nördlich der Alpen angesichts eines durch nichts zu unterbrechenden Dauerwahlkampfs die Augen reibt, findet in „Der Fall Italien“ mögliche Antworten. Der Zeit-Journalist Ulrich Ladurner beschreibt darin, wie es nicht nur Italien ergeht, wenn Gefühle die Politik beherrschen. Ausgehend vom Fall des damaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi schildert er zunehmende Erwartungen an und Misstrauen in die Politik, die vor allem eine Funktion zu haben scheint: Emotionen zu bedienen. In Craxi machte die Öffentlichkeit einst den Schuldigen für ein ganzes System illegaler Parteienfinanzierung aus. Der Abend des 30. April 1993 gilt als das Ende der Parteienherrschaft. Silvio Berlusconi versprach einen Neuanfang im Zeichen der Selbstherrlichkeit und der Steuersenkungen. Wie kein anderer in Italien verkörpert er die Verachtung für Berufspolitiker. Ladurner verfolgt, wie in dieser Gemengelage die populistische Fünf-Sterne-Bewegung entstand. Mit der rechten Lega und der Splitterpartei von Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi hat sie eines gemeinsam: Sie spricht Gefühle an. Und das zählt. Wie richtig Ladurners kurzweilige Analyse ist, zeigt Italiens Nein zum EU-Rettungsschirm und der gleichzeitige Forderung nach bedingungslosen EU-Hilfen in der Corona-Krise. Bettina Gabbe Ulrich Ladurner: Der Fall Italien. Edition Körber-Stiftung. Hamburg 2019. 232 Seiten. 18 Euro.

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Erstellt:
29. April 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. April 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. April 2020, 06:00 Uhr

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