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Politikstar der Linken rockte 900 Volksbank-Genossen - und streichelt die Seelen der Mittelständler
In der Sporthalle von Gomaringen konnte Gregor Gysi reden, so lange er wollte. Das wünscht er sich auch für den Bundestag. Eingeladen hatte ihn die VR Bank Steinlach-Wiesaz-Härten. Bild: Rippmann
Gregor Gysi: Geboren, um zu reden

Politikstar der Linken rockte 900 Volksbank-Genossen - und streichelt die Seelen der Mittelständler

Gregor Gysi hat einen Traum. Er möchte solange im Bundestag bleiben, bis er das älteste Mitglied ist. Dann darf er als Alterspräsident die erste Sitzung eröffnen. Wenn er als Alterspräsident das Parlament betritt, steht der ganze Bundestag auf. Und Gregor Gysi hätte eine besondere Genugtuung: „Dann muss sich auch die CDU/CSU vor mir erheben.“

25.11.2016
  • Wolfgang Albers

Das Zeremoniell hielte für ihn dann noch eine Besonderheit bereit: „Es gibt dann noch keinen Bundeskanzler, keinen Bundestagspräsident – niemand steht über mir. Und keiner kann in meine Eröffnungs-Rede eingreifen - ich kann reden, so lange ich will!“

Politik und das Reden darüber - das ist das Lebenselexier des Gregor Gysi, das hat ihn zum Politikstar der Linken gemacht, das hat ihm die Wahl der Tübinger Rhetoriker zur besten Rede des Jahres gebracht – und ein treues Publikum republikweit. Auch in Gomaringen: Kaum hatte die Volksbank ihn eingeladen, war der Abend auch schon ausverkauft. Und 900 Interessierte, das Maximum des Zulässigen, drängten sich am Mittwoch Abend in der Gomaringer Sport- und Kulturhalle.

Eine Bank holt einen Linken? Ein paar Mitglieder hatten da schon die rote Linie des politisch Zulässigen überschritten gesehen und ihr Fernbleiben angekündigt. Vorstand Reiner Futter sah dem Abend entspannter entgegen: „Wir sind doch auch Genossen“, sah er eine zumindest sprachliche Brücke.

Gregor Gysi machte gleich zu Beginn mit einem Kompliment klar, dass er sich in Gomaringen nicht in den Klauen des Großkapitals wähnte: „Ich spreche hier gerne, denn die Genossenschaftsbanken und die Kreissparkassen haben als einzige gar nichts mit der Finanzkrise zu tun.“ Spätestens da war vielen klar, dass ihr erster Blick auf das schon aufgebaute reichhaltige Büffet sie nicht getrogen hatte: Es würde ein netter Abend werden.

Ein Thema hatte Gysis Vortrag auch. Es ging um Europa, dazu hatte er ein Manuskript mitgebracht, das er eher hastig runterratterte, wie um Zeit reinzuholen für das Eigentliche. Dann nahm Gregor Gysi das Rednerpult in beide Hände, pausierte eine Sekunde, fixierte sein Publikum und legte frei los. Über: Afrika, Bismarck, Le Pen („Bei ihrem Sieg wäre die EU tot“), den VEB Putzteufel, den Daimlerarbeiter am bulgarischen Strand, Trump („Ich glaub’, der hat die Namen Bach und Mozart noch nie gehört“), Afghanistan, Russland, die CDU („Muss in die Opposition und wieder eine konservative Partei werden. Das ist ihre Aufgabe, nicht meine“), Syrien, China, die AfD – also eigentlich über alles und jeden.

In seinen Analysen und Forderungen ist Gregor Gysi kompromisslos, gerade auch im Blick auf den Süden Europas. Da sieht er deutschen „Wohlstands-Chauvinismus“ am Wirken, und ein Resultat sei das Ablehnen der EU-Staaten gewesen, Flüchtlinge aus Deutschland zu übernehmen: „Ich habe selten so vergnügte Regierungschefs gesehen, die uns den Mittelfinger zeigten.“

Gregor Gysi fordert Solidarität gerade mit Europas Süden, um die EU zu retten: „Noch nie gab es zwischen EU-Mitgliedern Krieg. Wenn wir in die alten Nationalstaaten zurückkehren, kommen auch die alten Konflikte wieder.“

Natürlich hofft Gregor Gysi auf Rot-Rot-Grün. Vermutlich wird die Mehrzahl des Publikums nur bedingt dieser Wahlempfehlung folgen. Aber Gregor Gysi schafft es trotzdem, die Leute für sich einzunehmen. Indem er etwa den Mittelstand lobt: „Ich sage meinen Linken immer: Wir brauchen das Bündnis mit denen, sonst haben wir keine Chance gegen die Großkonzerne.“

Er packt die Leute mit vielen Gags. Etwa zu seiner Biographie, die auch die Ausbildung zum Facharbeiter für Rinderzucht enthält: „Ich kann mit Hornochsen umgehen - und wenn du das nicht kannst, hast du keine Chance in der Politik.“

Eine Stunde Redezeit war vorgesehen, nach zwei Stunden
war Gregor Gysi fertig. Bekam viel Beifall und zwei Flaschen Kirschwasser. Das nutzte er, um ein letztes Mal das Mikro zu entern und einen letzten Spruch rauszuhauen: „Je älter ich
werde, um so mehr Alkohol bekomme ich geschenkt. Aber vieles im Leben ist auch nur im Suff zu ertragen.“

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25.11.2016, 01:00 Uhr

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