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Politisch und erotisch ist alles im Eimer
"Unterwerfung": Steven Scharf und Camill Jammal (stehend). Foto: dpa
Houellebecqs Endzeit-Europa im Theater

Politisch und erotisch ist alles im Eimer

Das Berliner Deutsche Theater macht sich Gedanken über die (Nicht-)Zukunft des Abendlandes: mit Michel Houellebecqs "Unterwerfung".

28.04.2016
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Michel Houellebecqs viel diskutierter Roman "Unterwerfung" ist eine visionäre Negativ-Utopie. Im Paris des Jahres 2022 hat das Christentum abgedankt und sich demütig kooperativ einem, wohlgemerkt, völlig gewaltlos an die Regierung gelangenden Islam unterworfen. Die Parole heißt "Stirb, alte Welt!". Ein Gedankenspiel mit allen Elementarteilchen aus der genau erfassten und diagnostizierten heutigen Wirklichkeit.

Der von allen guten Werte-Geistern verlassene Patient Europa hat die Gestalt eines Uni-Literaturhistorikers angenommen, dem die zerfallende Gesellschaft nichts mehr zu bieten hat, was ihn aus seinen Vereinsamungs-Depressionen erlösen könnte. Sex und Geld, darüber hinaus fällt ihm nichts Nützliches ein. Politisch, freiheitlich, sozial, religiös, moralisch, spirituell, psychologisch, erotisch, philosophisch, humanistisch ist alles im Eimer.

Klar, dass da ein Bürgerkrieg droht zwischen den nationalistischen Rechtsextremisten (Marie Le Pen steht kurz vor der Machtübernahme) und den eingewanderten Muslimen, die sich ledig fühlen von allen überlebten Marktgesetzen des nur noch genusssbereit materialisierten Westens. Apokalypse now. Und da legt sich unser ratloser Intellektueller angeekelt einfach ins Krankenbett, kleidet sich abendfüllend aus und wieder an. Irgendwie ist er eben auch wehleidig siech.

Mehr passiert nicht. Umso schärfer funkelt der dies alles einfach als gegeben ausdrückende, dennoch zum dialektischen Leitartikeln neigende Redefluss, den der Regisseur Stephan Kimmig mit höchst konzentriertem Understatement in seiner Inszenierung am Deutschen Theater Berlin im Fluss hält. Houellebecq ist mindestens so sehr Romantiker wie Existenzialist (Sexist und Fatalist sowieso). Der wunderbar lakonische und auch mal komische Steven Scharf hat auf seiner hoffnungslosen Suche nach (Selbst-)Erkenntnis und Daseinssinn fast wortgetreu alle Figuren aus dem Roman beigesellt bekommen, wobei vier vorzügliche Schauspieler sich in jeweils bis zu neun suggestiv ausgereizte Rollen aufteilen.

Doch nicht nur was und wie sie reden, sondern auch wo sie dies tun, verstrahlt das Klima eines Kälteschocks: Katja Hess hat einen abgedichteten Beckett-Leerraum entworfen, in dessen Mitte eine steile papierene Leitertreppe ins verschlossene Nichts führt, die beim Betreten fetzend bricht.

Am Schluss senkt sich der riesige schräge Licht-Deckel dieses unwirtlichen Gehäuses langsam, und der Held, der nun wahrlich keiner ist, rettet immerhin seinen herausgestreckten Kopf, an dessen Widerstand die erdrückende Last reißt. Dann macht er sich in seinem muslimisch regierten Heimatland auf zu einem nächtlichen Spaziergang, "aufmerksam, hellwach". Mag kommen, was will.

Sein Universitäts-Präsident, begeistert konvertiert zum neuen Staatsglauben, gibt ihm jedenfalls diese aus dem Koran gewonnene Heilsbotschaft mit auf den Weg: "Für den Islam ist die göttliche Schöpfung vollkommen. Sie ist ein absolutes Meisterwerk: ein Lob des Schöpfers und der Unterwerfung unter seine Gesetze." Die Unterwerfung der Frau im wiedereingeführten Patriarchat inklusive. Und das gefällt unserem aufmerksam hellwachen opportunistischen Eierkopf schon mal ganz gut.

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28.04.2016, 06:00 Uhr

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