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Polizei startet Gegenoffensive
Bei einer Kontrolle in Stuttgart-Freiberg hat die Polizei am Donnerstag ein kleines Waffenarsenal sichergestellt. Foto: 7aktuell
Aufmärsche

Polizei startet Gegenoffensive

Im Konflikt zwischen Kurden und Türken mischen jetzt auch rockerähnliche Gruppierungen mit. Verstärkte Kontrollen und eine Null-Toleranz-Linie sollen ihnen Einhalt gebieten.

26.11.2016
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Donnerstagnachmittag, Stuttgart-Freiberg Eine Anwohnerin alarmiert die Polizei, weil sich in ihrer Straße maskierte und offenbar auch bewaffnete Männer formiert haben. Die Beamten treffen auf eine Gruppe von mehr als 30 Personen. Sie finden eine Tüte mit Hieb- und Stichwaffen, durchsuchen Autos und die Wohnungen von drei Beteiligten des Auflaufs, der offenbar zustande kam, weil ein „Provokationsvideo“ gedreht werden sollte, wie ein Sprecher sagt.

Immer wieder kam es in den vergangenen Wochen zu derlei Zusammenrottungen, die die Polizei als Machtdemonstrationen im Konflikt zwischen Türken und Kurden klassifiziert. Im Fokus stehen dabei die beiden rockerähnlichen Gruppierungen Osmanen Germania BC und die Straßengang Bahoz – ein Sammelbecken meist kurdisch geprägter junger Männer. Regionales Zentrum ihrer Aktivitäten sind derzeit die Städte Stuttgart und Ludwigsburg.

Seit jeher ist die Region Stuttgart, in der viele Menschen mit türkischen Wurzeln leben, ein Spiegelbild der Lage in der Türkei – knallt es dort, knallt es alsbald auch hier. Die Akteure zu benennen, wird jedoch zunehmend schwieriger. Neben Kurden und Nationaltürken spalten sich die Lager mittlerweile auch in Erdogananhänger und -gegner. Obendrein, und das beschäftigt die Polizeipräsidien in Stuttgart und Ludwigsburg derzeit am meisten, mischen nun eben auch jene rockerähnlichen Gruppierungen mit.

Eine Entwicklung, die auch dem LKA Sorgen bereitet. „Der Konflikt spitzt sich zu“, sagt Sigurd Jäger, Inspektionsleiter für organisierte Kriminalität. In Zahlen: Allein im Kreis Ludwigsburg wurden seit dem 6. November rund 20 Vorfälle registriert, die mit dem türkisch-kurdischen Konflikt in Verbindung gebracht werden. Dabei ging es um Aufmärsche und Auseinandersetzungen, am Mittwochabend wurde ein 24-Jähriger am Ludwigsburger Bahnhof von einer 20- bis 30-köpfigen Gruppe niedergeschlagen, am Sonntag zuvor war ein Brandanschlag auf das Auto eines deutschen Restaurantbetreibers mit türkischen Wurzeln verübt worden. Ein zweiter Brandanschlag auf ein Auto in Stuttgart am selben Wochenende wird hingegen eher der kurdisch geprägten PKK zugeordnet. Zumindest soll einer von fünf Männern, die deshalb verhaftet wurden, der verbotenen Arbeiterpartei nahestehen.

Die Polizei hat jetzt eine Gegenoffensive gestartet: Nach dem Vorfall in Stuttgart-Freiberg postete die Stuttgarter Polizei auf Facebook, dass man „keinerlei Machtdemonstrationen solcher offensichtlich kriminellen und gewaltgeneigten Banden aus dem Umfeld des Kurden-Türken-Konflikts“ dulde. Mutmaßliche Bandenmitglieder müssten mit einem konsequenten Vorgehen der Polizei sowie Kontrollen und, wenn die rechtlichen Voraussetzungen gegeben seien, auch mit Festnahmen rechnen.

Die Ludwigsburger Polizei bläst ins selbe Horn. Sie hat diese Woche eine zehnköpfige Ermittlungsgruppe eingerichtet, die sich nur um dieses Phänomen kümmern soll. Mehr als 200 zusätzliche Beamte wurden bereits in den vergangenen Wochen punktuell hinzugezogen, regelmäßig wird nun gezielt kontrolliert. Mit ersten Erfolgen: Am Dienstagabend stellten Beamte im Wagen von zwei jungen Männern aus dem Kreis Esslingen ein ganzes Waffenarsenal sicher – von Baseballschlägern und Schlagringen über Teleskopstöcke bis zu Messern und Macheten.

Die Tatverdächtigen müssen sich nun wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten. Der Ludwigsburger Polizeipräsident Frank Rebholz erklärt: „Wir werden eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch Konflikte, die rivalisierende Gruppierungen gleich welcher Prägung untereinander austragen, nicht tolerieren.“ Man wolle alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen.

Das Credo lautet: Auseinandersetzungen durch verstärkte Präsenz im Keim zu ersticken. Bei geplanten Machtdemonstrationen vor zwei Wochen war das bereits gelungen. Ein Auflauf der Osmanen, die sich zuvor an einem Parkplatz in Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg) gesammelt hatten, konnte durch gezielte Kontrollen verhindert werden. Den Auftritt einer etwa 100-köpfigen Bahoz-Truppe in Stuttgart Tage später, der wohl als Reaktion auf die Osmanen zu verstehen war, bremste die Polizei mit 60 Beamten aus. Die Marschroute für sie ist klar: Null Toleranz.

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26.11.2016, 06:00 Uhr

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