Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Ein Vortrag im Sudhaus beschäftigte sich mit politischen Umstrukturierungen in Brasilien

Polizeigewalt und Zwangsumsiedlungen im Schatten der WM

Die Fußball-WM in Brasilien ist vorbei, viele politische und soziale Probleme in dem südamerikanischen Land aber bleiben. Wie die genau aussehen, zeigte ein Vortrag im Sudhaus.

14.07.2014
  • Fabian Renz

Tübingen. In Brasilien wurden im vergangenen Jahr Proteste gegen eine Erhöhung der Nahverkehr-Preise brutal niedergeschlagen. Für Großprojekte wie die Fußball-WM oder die 2016 in Rio anstehenden Olympischen Spiele wurden und werden hunderttausende Häuser und einfache Unterkünfte zerstört und unzählige Menschen zwangsumgesiedelt. Um die Kontrolle über die Favelas zurückzugewinnen, wurden viele von ihnen „bereinigt“, wie es die brasilianische Regierung nennt – auch eine Erhöhung der Energiepreise und eine Zunahme der öffentlichen Überwachung sind die Folgen dieser Politik.

Das sind beispielhaft drei Prozesse, welche die beiden Referenten Tobias Schmitt und Jonna Schürkes am Samstag in ihrem Vortrag „Im Schatten der WM – Umstrukturierungen und Widerstände in Brasilien“ skizzierten. Tobias Schmitt ist im Vorstand des Netzwerks KoBra (Kooperation Brasilien) und hat in Tübingen und Rio Geografie der Entwicklungsländer studiert. Jonna Schürkes arbeitet für die Tübinger Informationsstelle Militarisierung (IMI), die sich mit der Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands und der EU beschäftigt. Beide kennen sich aus mit den Zuständen in Brasilien – und präsentierten den 25 Gästen im Sudhaus neben Zahlen und Fakten auch eindrückliche Videoaufnahmen.

Dabei ging es ihnen jedoch nicht darum, die WM oder die FIFA als Auslöser all der schlechten Entwicklungen in Brasilien anzuklagen: „Die WM ist vielmehr Teil einer Umstrukturierung, die sich in Brasilien ohnehin vollzieht“, sagte Schmitt. Und nicht nur das: „Die WM wird außerdem genutzt, um repressive politische Maßnahmen zu legitimieren.“

Diese politischen Maßnahmen beschrieben die beiden Referenten auch ganz konkret: Menschen würden aus ihren Heimatorten verdrängt, um Platz für neue Bauprojekte zu schaffen. Ein Video zeigte anschaulich, wie Bulldozer in einer Favela anrücken, um die Häuser platt zu machen. Regt sich Widerstand, wird der brutal niedergeschlagen. Die Verdrängten bekommen zwar ein neues Heim im sozialen Wohnungsbau – oft jedoch weit vom alten Wohnort entfernt. „Stellen Sie sich mal vor, welche Auswirkungen das für Sie hätte, wenn Sie plötzlich 50 Kilometer entfernt von ihrem bisherigen Wohnort leben müssten“, sagte Schmitt.

Auch die Menschen in den Favelas, die bestehen bleiben, spüren die Folgen der Umstrukturierungen. Jonna Schürkes beschrieb, wie Spezialeinheiten der Polizei wochenlang ausgewählte Favelas nach Drogen und Kriminellen durchforsten und anschließend eine massive Überwachung des öffentlichen Raums beginnen. In diesen Favelas übernehmen schließlich private Anbieter die Wasser- und Stromversorgung, die Energiekosten wie auch die Immobilienpreise steigen. Vielen ärmeren Leuten bleibe dann nichts anderes übrig, als wegzuziehen, sagte Schürkes.

Damit nicht genug: Die brasilianische Regierung strebe offiziell eine „Wiederherstellung der Ordnung im öffentlichen Raum“ an. Auch hier hat das, was zunächst vernünftig klingt, für einige Menschen verheerende Folgen: „Alle, die die öffentliche Ordnung stören, wie Obdachlose oder Prostituierte, werden unter Zwang aus den Großstädten vertrieben“, so Schürkes.

Als Rechtfertigung für all diese Maßnahmen dienten der Regierung dann immer Großereignisse wie die WM. Unglauben erfasste die Zuhörer im Sudhaus, als sie ein Interview mit einem Bürgermeister hörten. Der gab in einem TV-Interview offen zu, dass er alles, was er durchsetzen möchte, ganz einfach mit der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2016 rechtfertigt. „Wenn man das alles sieht, kann man schon eher verstehen, warum viele Brasilianer keine Lust mehr auf die WM hatten“, sagte Schmitt. Auch an der WM selbst gebe es einiges zu kritisieren, wie die hohen Ticketpreise oder der teure Bau riesiger Stadien, die nach der WM nicht mehr gebraucht werden.

Schon zu Beginn des Vortrags zeigte ein erschütterndes Video, wie die Polizei gegen die Demonstranten vorging, die im Juni 2013 gegen Fahrpreiserhöhungen protestieren – selbst auf Journalisten wurde brutal eingeprügelt. Während der WM seien die Proteste im Land dann deutlich kleiner ausgefallen: „Das Ziel, die WM gut über die Bühne zu bringen, ist erreicht worden“, befand Schmitt. Es habe jedoch schon weitere Proteste gegeben, die allerdings kleiner, kreativer und auf speziellere Ziele ausgerichtet seien – und über die in den Medien wenig berichtet worden sei.

Viele der Proteste hätten – das war die positive Botschaft des Abends – auch Erfolge gebracht: Zerstörungen einiger Favelas seien verhindert worden, Obdachlose hätten sich eine Zusage für neue Wohnungen erkämpft, viele Menschenrechtsverletzungen seien gut dokumentiert worden. Der größte Erfolg der vergangenen Monate sei jedoch, so Schmitt, die Politisierung der Menschen. „Es war die politischste WM aller Zeiten. Noch nie stand die FIFA so in der Kritik wie jetzt.“ So schloss Schmitt den Vortrag auch mit einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft: „Durch die Proteste in Brasilien wurde viel erreicht – daran kann und daran wird angeknüpft werden.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

14.07.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball