Eine Schonfrist gibt es nicht

Polizeipräsident Thomas Züfle über sein neues Amt

Thomas Züfle hat Mörder und Dealer gejagt und sich dennoch Sensibilität bewahrt. Eine der Eigenschaften, die ihm helfen sollen, im neuen Job als Polizeipräsident von Stuttgart zu bestehen.

11.07.2011

Von RAIMUND WEIBLE

Stuttgart Karriere? Darüber machte sich Thomas Züfle vor 38 Jahren keine Gedanken, als er bei der Polizei begann, ganz unten, als Schüler bei der Bereitschaftspolizei. "Ich wollte einfach ein guter Polizist werden", erzählt Züfle aus seiner Jugend. Für ihn, ein junger Mann ohne Abitur, schien damals selbst der Kommissars-Rang fast unerreichbar.

Doch dieser Mann, der so nüchtern und ohne überzogene Hoffnungen in den Beruf startete, ist seit fünf Wochen einer der höchsten Polizisten Baden-Württembergs. Als Polizeipräsident von Stuttgart leitet er eine Behörde mit rund 2500 Beamten und Bediensteten. Dieser Mann gilt jetzt als Hoffnungsträger.

Von Siegfried Stumpfs Nachfolger wird erwartet, so klug zu handeln, dass im Konflikt um Stuttgart 21 nicht wieder die Sicherungen durchbrennen wie damals am "Schwarzen Donnerstag" - weder bei der Polizei noch bei den Demonstranten. Eine Aufgabe, um die ihn niemand beneidet. "Einen schwierigeren Job als den Thomas Züfles dürfte die deutsche Polizei momentan kaum zu vergeben haben", schrieb die Süddeutsche Zeitung.

An Warnungen vor diesem Job hat es nicht gefehlt. Ob er sich diesen Schleudersitz wirklich antun wolle, wurde er von Kollegen gefragt. Noch im Frühjahr sah es so aus, als ob das kommode und ehrenwerte Amt des Kreispolizeichefs von Tübingen die Krönung der Laufbahn dieses nicht von Ehrgeiz getriebenen 55-Jährigen sei. Dort noch ein paar Jahre bis zum Ruhestand zu arbeiten, in durchaus angenehmem Umfeld, geschätzt vor Ort, das schien eine gute Perspektive.

So gab Züfle wohl dem Drängen der neuen Regierung nach, die offensichtlich eher einen erfahrenen Polizei-Praktiker im Brennpunkt Stuttgart haben wollte und keinen Juristen ohne Stallgeruch. Züfle war bereit, die große Herausforderung anzunehmen, wie zuvor schon Wolf-Dietrich Hammann, der 2009 vom Regierungspräsidium Tübingen nach Stuttgart auf die Stelle des Landespolizeipräsidenten gewechselt war.

Die ersten fünf Wochen im Präsidium auf dem Pragsattel in Stuttgart empfindet Züfle wie im Zeitraffer. "Als ob es zwei Tage gewesen wären, aber jeweils mit 100 Stunden", sagt er. Er hat keine Schonfrist genießen können, es ging mit Vollgas rein in die Materie. Züfle klagt nicht, sondern spricht von einer "reizvollen Aufgabe", die ihm "ein engagiertes Führungsteam" erleichtert. Die Kollegen erleben ihn als Menschen von hoher Sozialkompetenz, einen, der offen für Kritik ist und dialogfähig. In Tübingen heißt es in Polizistenkreisen: "Stuttgart hätte nichts besseres kriegen können." In der alten Unistadt kennt man ihn als Chef, der seine Leute von Zielen zu überzeugen weiß und sie in Entscheidungen einbindet, dabei aber auch Durchsetzungsfähigkeit und Entscheidungskraft spüren lässt.

Eigenschaften, die in Züfle während seiner vielen Jahre als Polizist in den unterschiedlichsten Bereichen gewachsen sind. Er hat sich nach und nach qualifiziert. Als er merkte, dass in ihm mehr Fähigkeiten stecken, um als Polizeihauptmeister zu enden, machte er auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und erwarb sich auf den Hochschulen der Polizei den Zugang für höhere Funktionen. Auf elf beruflichen Stationen sammelte Züfle Erfahrungen.

Der Mann aus einem Ort bei Herrenberg hat Drogendealer gejagt, Rechtsextremisten und islamistische Terroristen observiert, vor seiner Tübinger Berufung als Leiter der Kriminalinspektion im Regierungspräsidium Stuttgart Tötungs- und Staatsschutzdelikte aufgeklärt. Die eindrücklichsten Jahre erlebte Züfle als Ausbilder afghanischer Polizisten in Kabul. "Nach so einer Erfahrung sieht man einige Dinge aus einer wohltuenden Distanz", urteilt er über diese Zeit.

Weshalb es ihm recht wäre, wenn die Menschen den Konflikt um Stuttgart 21 mit weniger Emotionalität und etwas mehr Gelassenheit austragen würden. Gern erinnert er daran, dass es in Stuttgart um kein Atomkraftwerk und auch nicht um eine Endlagerstätte geht, sondern um einen Bahnhof, wenn auch um einen großen und sehr teuren.

Nach der Auseinandersetzung an der Baustelle zu Stuttgart 21: Polizeipräsident Züfle vor der Presse. Archivfoto

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Erstellt:
11. Juli 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Juli 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2011, 12:00 Uhr

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