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Polizisten lernen im Haus auf der Alb, wie sie Kindern die Verkehrsregeln erklären
Hauptkommissarin Stephanie Feucht und Polizeikommissar Thomas Steigenberger erklären den Kindern aus dem Sirchinger Kindergarten mit ihren Mimikpuppen Lucy und dem kleinen Zebra, wie sie im Verkehr sicher über vielbefahrene Straßen gelangen.Bild: Haas
Puppen für die Prävention

Polizisten lernen im Haus auf der Alb, wie sie Kindern die Verkehrsregeln erklären

Um Kindern die wichtigsten Regeln im Straßenverkehr beizubringen, schlüpfen Polizisten in ungewohnte Rollen und werden Puppenspieler. Seit gestern und bis Sonntag lernen 70 Beamte aus zwölf Bundesländern im Haus auf der Alb in Bad Urach die richtige Anwendung dieser Präventionsmethode.

08.04.2016
  • Maik Wilke

Bad Urach.Unsicher steht das kleine Zebra im orangenen Pullover und der Jeans mit zwei Flicken an der Straße. Leider weiß es nicht, wie es die gefährlichen Autos umgehen soll. Dabei ist es extra aus dem Zirkus ausgebrochen, um endlich einmal die Stadt zu sehen. Zum Glück hat Lucy, die Schülerlotsin mit der grünen Latzhose und den roten Zöpfen, eine Idee: Die 20 Kinder aus dem Kindergarten in Sirchingen, einem Stadtteil von Bad Urach, könnten dem Zebra doch über die Straße helfen. Und so schicken die Kinder das Zebra, natürlich, zum Zebrastreifen.

Etwa 70 Polizeibeamte aus der Präventionsarbeit üben noch bis Sonntag im Haus auf der Alb in Bad Urach das Puppenspielen und verfolgen zum Auftakt am Donnerstagmorgen das Stück „Das Zebra ist los“. Dafür haben sie teilweise eine lange Anreise auf sich genommen: Die Teilnehmer des 24. Symposiums des Vereins zur Förderung der Methode Puppenspiel in der Kriminal- und Verkehrsprävention (VPKV) kommen aus zwölf Bundesländern – mitorganisiert wurde der Workshop vom Polizeipräsidium Reutlingen. „Wir bieten in diesen Tagen unter anderem einen Grundkurs für Anfänger an, sowie einen für Puppenbau, bei dem Kreativität gefragt ist“, erklärt Michael Kressin, Pressesprecher des VPKV. „Aus aktuellem Anlass haben wir auch einen Kurs, bei dem nonverbale Stücke geprobt werden. Die sind für Kinder von Asylbewerbern geeignet, die die Sprache noch nicht verstehen.“

Mit langsamen Schritten begleitet Lucy das kleine Zebra zur Überquerung. „Oh nein, da ist ein Zebra überfahren worden“, erschrickt das kleine Zebra. „Quatsch! Das ist doch nur aufgemalt“, rufen einige Kindergartenkinder auf die kleine Bühne. Anschließend stecken sie die Farben der Ampel von Rot auf Grün, damit das Zebra ungefährdet auf die andere Seite laufen kann.

Stephanie Feucht und Thomas Steigenberger gehören zu den geübteren Kollegen im Polizeipräsidium Reutlingen und begeistern mit ihren Mimikpuppen die Kinder. Allerdings, betont Kressin, gebe es bei der Polizei keine Puppenspieler: „Das sind ausgebildete Polizisten, die diese Methode eben in der Prävention anwenden.“ Die Beamten passten ihre Vorgehensweise jedoch immer dem Thema und der Zielgruppe an. Das Puppenspiel sei vor allem für Verkehrsprävention bei Kindergarten- und Vorschulkindern geeignet.

Über 134 Veranstaltungen hat das Reutlinger Referat für Prävention im vergangenen Jahr besucht und dabei mehr als 4200 Kinder erreicht, so Referatsleiterin Martina Kaplan. Das Polizeipräsidium Reutlingen sei für diese Arbeit gut ausgestattet – einen Wunsch hat Kaplan dennoch: „Wir hätten gerne eine stationäre Bühne, damit wir unser Angebot ausbauen können. Das wäre wesentlich effektiver, als mit der mobilen Bühne die Kindergärten und Vorschulen im Kreis zu besuchen.“ In ihrem Referat beschäftigen sich 36 Beamte mit Prävention, 25 davon speziell im Verkehr. Mindestens ein Drittel, schätzt die Leiterin, setzen die Puppen regelmäßig ein. Dazu verpflichtet wird aber keiner. Schließlich kann nicht jeder diese Methode gut umsetzen, weiß Kressin: „Dafür braucht man schon Herzblut und Kreativität. Ein reiner Analytiker wird sich nicht fürs Puppenspiel melden.“

Erfolge dieser Präventionsmethode sind schwierig zu messen. Doch es gibt Bachelor-Arbeiten, die belegen, dass Kinder sich die Regeln länger merken können, wenn diese per Puppenspiel beigebracht wurden, erklärt Kaplan: „Es ist deshalb eine effektive Methode, weil die Kinder hören, sehen und mitmachen. Sie sind Part der Geschichte. Daher werden die Inhalte auf einer emotionalen Ebene verankert.“

Das Einsatzgebiet der „Klappmaulpuppen“ sei daher sehr breit. Lediglich eine Gruppe, erklärt Kressin, entzieht sich dem Charme der Spielerei völlig: Teenies. Ansonsten gibt es mittlerweile auch Puppenspiele für Senioren – natürlich altersgemäß angepasst: „Dann erklären zwei Mimikpuppen als Oma und Opa, wie man am besten mit dem Rollator die Straße überquert oder sich vor einem Enkeltrickdieb in Acht nimmt.“ Durch die Mimikpuppen schlüpften die Polizisten in unterschiedliche Rollen, in denen sich die Zielgruppe wiederfindet.

Die Methode zur Prävention will gelernt sein

Der Verein zur Förderung der Methode Puppenspiel in der Kriminal- und Verkehrsprävention (VPKV) wurde 1997 von Polizistinnen und Polizisten der Präventionsarbeit in Hamm (Westfalen) gegründet und zählt mittlerweile über 250 Mitglieder. Neben dem jährlichem Symposium, das heuer zum ersten Mal in Reutlingen veranstaltet wird, hält der Verein alle fünf Jahre einen Bundeskongress ab. „Wer glaubt, einfach so anfangen zu können, liegt falsch“, erklärt Pressesprecher Michael Kressin. „Das Puppenspiel ist nicht umsonst ein Ausbildungsberuf.“ Wichtig sei es, einschätzen zu können, wann die Methode sinnvoll ist. „Zu sexuellem Missbrauch ist sie nicht geeignet, weil das ein sehr sensibles Thema ist. Man weiß nie, ob ein Opfer unter den Zuschauern ist.“

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08.04.2016, 01:00 Uhr

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