Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Poroschenkos Wunderkind
Volodimir Groisman. Foto: dpa
Groisman soll ukrainischer Premier werden - Zweifel an Reformwille

Poroschenkos Wunderkind

Nach dem Rücktritt Arseni Jazenjuks gilt Volodimir Groisman als designierter Premierminister der Ukraine. Aber es ist zweifelhaft, ob der Favorit von Präsident Poroschenko die Reformen voran bringen wird.

12.04.2016
  • STEFAN SCHOLL

Kiew. Mit 12, 13 Jahren habe ihm sein Vater ein Moped geschenkt. "An seiner Stelle hätte ich das nicht getan. Wenn wir auf den Mopeds losrasten, haben wir nicht auf den Tacho geschaut." In Interviews protzt Volodimir Groisman wie viele ukrainische Politiker mit Tollkühnheit. Doch er ist kein echter Draufgänger. Klar, er möge Motorräder, Autos, Ski, erklärte Groisman ein andermal. "Aber wahnsinnig Extremes mag ich nicht." Das hätte auch Präsident Petro Poroschenko sagen können, Groismans großer Gönner.

Groisman, verheiratet, dreifacher Vater, wird wohl mit 38 Jahren bislang jüngster ukrainischer Premier. Schon vor dem lang erwarteten Rücktritt seines Vorgängers Arseni Jazenjuk hatte ihn der "Block Petro Poroschenkos" zum designierten Regierungschef gekürt. "Ein Wunderkind", schreibt die Zeitung "Westi". Mit 14 Jahren begann Groisman im Betrieb des Vaters. Mit 16 war er Direktor einer anderen väterlichen Firma. Mit 24 wurde er in den Stadtrat von Winnyzja gewählt. Vier Jahre später war er Bürgermeister, unterstützt von Poroschenko.

Groisman war ein populärer, ja, populistischer Bürgermeister. Zwar wird gemunkelt, er habe dem Vater Flächen für ein Einkaufszentrum zugeschustert und Bauaufträge an Verwandte vergeben. Doch stopfte er auch Schlaglöcher, renovierte Parks und kaufte in der Schweiz ausrangierte Straßenbahnen. Anhänger feierten Winnyzja als "ukrainisches Zürich", bei seiner Wiederwahl erhielt Groisman 77,8 Prozent.

Groisman gilt als Favorit des Präsidenten, gerüchteweise sind sie verwand. Groisman wirkt äußerlich wie ein Bruder des zwölf Jahre älteren Präsidenten. Wie Poroschenko kam Groisman als Geschäftsmann in die Politik, sie mögen keine Skandale und unnötige Risiken. Beide geben sich liberal, prowestlich, aber tanzen auch mal auf zwei Hochzeiten. Poroschenko etwa war 2012 Wirtschaftsminister unter dem prorussischen Staatschef Viktor Janukowitsch. Ein Jahr später finanzierte er die Maidan-Revolution gegen den Autokraten. Groisman verteidigte Janukowitsch noch kurz vor dessen Sturz öffentlich. Das hinderte Poroschenko nicht, Groisman nach dem Sturz Janukowitschs zum Vizepremier und dann zum Parlamentsvorsitzenden zu machen.

Boris Loschkin, Chef der Präsidialverwaltung Poroschenkos, beschwört: "Groisman ist kein Avatar des Präsidenten." Glauben will ihm das allerdings niemand. "Groisman ist ein sehr fähiger junger Mann", sagt der Politologe Wadim Karasjew unserer Zeitung. Aber er werde sich an Poroschenko orientieren. "Groisman ist keine selbstständige Figur", bestätigt auch Kollege Wladimir Fesjenko. "Er wird im Schatten Poroschenkos arbeiten."

Poroschenko selbst ist umstritten - nicht erst, seit in den Panama-Papieren auch Offshore-Firmen des Oligarchen auftauchten. In Kürze soll das Parlament Groismans Kandidatur bestätigen. Es wird gemunkelt, Poroschenkos Leute wollten die nötige Mehrheit zusammenkaufen. Es bleibt fraglich, ob Groisman Reformen anpackt und das Land von Filz und Korruption befreit.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.04.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball