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Geschichten aus der Neske-Bibliothek

Porträts der Bonner Republik

Ein kleiner Verlag und die Hebel der Macht: Ende der 1960er-Jahre knüpfte der Pfullinger Verleger Günther Neske immer engere Kontakte nach Bonn.

25.08.2010
  • Matthias Reichert

Pfullingen. Das erfolgreichste Buch des Neske-Verlags war der 1951 erstmals erschienene Band „Geliebtes Sibirien“ des Arztes und Schriftstellers Traugott von Stackelberg – er brachte es auf 18 Auflagen. Als Titelblatt schickte Stackelberg eine Tuschzeichnung mit weitem Himmel, endlosen Schnee, zerzausten Bäumen. Der gebürtige Balte erzählt von seiner Zeit als junger Arzt in Sibirien – das Bild einer heilen Gegenwelt vor der russischen Revolution.

Blick hinter Bonner Kulissen

West-Ost-Betrachtungen waren somit schon früh ein Standbein des Verlages – auch, als sich in den 1960er-Jahren Neskes Kontakte nach Bonn vertieften. Mit dem Fotografen Paul Swiridoff gab er drei aufwändige Porträtbände in Kupfer-Tiefdruck aus dem geistigen, wirtschaftlichen und politischen Deutschlands heraus, so die Titel. Sein Einstand auf dem Bonner Parkett war ein Empfang zum Erscheinen des dritten Bandes am 23. Januar 1969 in der Bundespressekonferenz – mit Kiesinger, Wehner, Scheel. Freund Hans Mayer sprach vom „frühlingshaften Flirt mit den Bonner Potentaten“. Der Rat vom Literaturprofessor: „Maß halten.“

Neske knüpfte Kontakte, weitere Aufträge folgten – darunter Porträts des Bundestags und des Bundesrats. Er blickte hinter die Bonner Kulissen. Hermann Kusterer, seit 1951 Chefdolmetscher im Auswärtigen Amt, beleuchtete in einem Buch die Freundschaft zwischen Adenauer und de Gaulle: „Der Kanzler und der General“.

Man sah Neske oft auf der Pressetribüne des Bundestags, auch 1972 bei Rainer Barzels gescheitertem Misstrauensvotum gegen Willy Brandt. Er wurde geschätzter Gesprächspartner und Berater politischer Delegationen, so begleitete er in den 70er-Jahren Reisen nach Persien und Chile, sprach als einer der ersten Ausländer nach dem Umsturz mit Pinochet. Polit-Größen wie Kiesinger und Wehner besuchten ihn in Pfullingen. Bonner Bilder zeigen Neske mit Brandt, Kohl und Weizsäckers.

Schon seit 1966 veröffentlichte sein Verlag die Reihe „Politik in unserer Zeit“ – die Themen reichten vom Grundgesetz bis zu Maos Kulturrevolution. Er beschäftigte sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus, gab einen Band über den 20. Juni 1944 heraus und entdeckte den Widerstandskämpfer Edgar Julius Jung als „konservativen Revolutionär“. Jung hatte 1934 die Marburger Widerstandsrede des Ex-Reichskanzlers Franz von Papen verfasst, wenig später ermordeten ihn die Nazis.

Noch eine Rarität in der Neske-Bibliothek: Ein Bildband, den der 1941 mit Familie deportierte tschechische Grafiker und Redakteur Bedrich Fritta im KZ Theresienstadt für seinen Sohn Thommy zum dritten Geburtstag gezeichnet hatte. Farbenfrohe Bilder zeigen dem Kind die Welt außerhalb des KZs. Fritta und seine Frau kamen in Auschwitz ums Leben, der Sohn überlebte. Das Buch überdauerte den Krieg eingemauert in der KZ-Wand.

Der Verlag ging an Klett-Cotta

Neskes Credo: „Verlegen, wie es hier geschieht, ist eine persönliche Angelegenheit des Verlegers, womit keineswegs gesagt sein soll, dass nur maßgebend ist, was er findet und verlegen will, sondern in gleichem Maße das, was ihn findet und was von ihm verlegt werden will.“ Nicht alles, was ihn fand, wurde gleich ein Erfolg. So wollte die erste Grieshaber-Biographie von Wilhelm Boeck für 28 Mark keiner haben, später wurde sie zur antiquarischen Kostbarkeit.

Populär waren Neskes Städte-Bildbände zwischen Bonn, Tübingen und Reutlingen. Sein Verlag porträtierte Ballett-Größen wie Richard Cragun, Neske drehte mit Regisseur Walter Rüdel zehn Jahre lang Fernsehfilme über Indianerreservate und die Magellanstraße. Oder begleitete Auslandsreisen des Stuttgarter Balletts unter John Cranko: „Er hat alle geistigen Strömungen seiner Zeit eingefangen“, sagt Bibliothekarin Felicitas Vogel, die die Neske-Bibliothek eingerichtet hat. Im März 1993 übergab Günther Neske den Verlag an Klett Cotta in Stuttgart. Eine Reihe von Titeln liefen zunächst als Imprints weiter. Und Neske beriet Klett Cotta – bis er dann im Juli 1997 starb.

Auf Neskes Spuren – vom Verlag zur Bibliothek

Seit Juni erinnert die von Bibliothekarin Felicitas Vogel ehrenamtlich mit dem Marbacher Literaturarchiv als literarische Gedenkstätte eingerichtete Pfullinger Neske-Bibliothek in der einstigen Verlegerwohnung Klosterstraße 28 an den gleichnamigen berühmten Verlag von Günther und Brigitte Neske. Sie ist von Mai bis Oktober sonn- und feiertags zwischen 14 und 17 Uhr zu besichtigen.

In einer kleinen Serie erzählen wir aus der 42-jährigen Verlagsgeschichte, in der rund 430 Bände namhafter Autoren erschienen.

Porträts der Bonner Republik
Günther Neske (links) mit dem damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann.Archivbild: Bundesbildstelle

Porträts der Bonner Republik

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25.08.2010, 12:00 Uhr

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