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Praxistest für die Inklusion
Rollstuhlfahrer Urs Rechtsteiner kämpft um die Zulassung zum Sport-Abitur

Praxistest für die Inklusion

Urs Rechtsteiner möchte Sport-Abitur machen. Eigentlich nichts Besonderes, wenn der 16-Jährige nicht im Rollstuhl sitzen würde. Bisher wurde sein Ansinnen abgelehnt, so weit sei man rechtlich noch nicht.

25.11.2015
  • UTE GALLBRONNER

Inklusion gehört zu den wichtigsten Zielen der Bildungspolitik. Doch die Theorie ist das eine, in der Praxis wird es oft kompliziert. Das bekommt Urs Rechtsteiner zu spüren. Der 16-Jährige wurde mit einer Spina bifida geboren, einem offenen Rücken. Deshalb sitzt er im Rollstuhl, ist aber trotzdem begeisterter Sportler. Urs spielt Rollstuhl-Basketball in der 2. Liga und ist als Biathlet erfolgreich.

In seinen Zielen wollte sich der 16-Jährige nie einschränken lassen, seine Familie hat ihn dabei immer unterstützt. So auch vor vier Jahren, als Urs ins Sportprofil wollte. Das Ulmer Anna-Essinger-Gymnasium, Partnerschule des Olympiastützpunkts Stuttgart, bietet dies an. Talentierte Jugendliche können Sport als Hauptfach in den Klassen 8 bis 10 wählen. Dass ein Rollstuhlfahrer dies tut, war eine Premiere, aber die Sportlehrer haben es möglich gemacht. Als "Einzelfalllösung" ging es durch. "In meinen Augen ist es gut gelaufen", sagt Schulleiter Marius Weinkauf.

Natürlich hat es auch Reibereien gegeben. Etwa wenn ein Mitschüler beim Sport im Eifer des Gefechts über den Rollstuhl flog und sich blaue Schienbeine holte - dann folgte die entsprechend deutliche Ansage. Alles ganz normal unter Jugendlichen. "Urs ist von seiner Klasse sehr gut aufgenommen worden und voll integriert", sagt Sportlehrer Michael Klippel. Er könne bei vielen Dingen mitmachen und wird anhand von paralympischen Umrechnungstabellen bewertet. Nur bei manchen Sportarten geht es einfach nicht, Hochsprung etwa oder Turnen. "Wir haben versucht, es so fair wie möglich für ihn und die anderen zu machen", sagt Klippel.

Nun aber steht der Wechsel in die Kursstufe an - und Urs Rechsteiner will Sport vierstündig belegen und Abitur machen. Vom Regierungspräsidium Tübingen gab es bislang ein "Nein" mit Verweis auf die rechtliche Lage. Die besagt, dass es keinen zieldifferenten Unterricht in der Oberstufe geben darf.

Für Urs Mutter, Brigitte Recht-steiner, sind die Aussagen unstimmig. Denn ihr Sohn habe keinen sonderpädagogischen Förderbedarf und brauche auch keinen zieldifferenten Unterricht, nicht mal einen Nachteilsausgleich: "Es geht nur darum, Sportarten zuzulassen, die Behinderten ermöglichen, ihre sportliche Leistung zu beweisen."

Auch Professor Thomas Abel von der Deutschen Sporthochschule Köln sieht in der praktischen Umsetzung kein Problem. "Ich weiß nicht, warum das nicht gehen sollte", sagt der erste Lehrstuhlinhaber für paralympischen Sport. Die Schwierigkeit sei, die juristischen Hürden zu überwinden. "Man braucht belastbare Tabellen", sagt Abel. Aber auch das sei "grundsätzlich machbar" - nicht nur für Urs, sondern für alle Schüler mit Beeinträchtigungen. Ein Jugendlicher im Rollstuhl müsse Sport-Abitur machen können, indem er vergleichbaren Anforderungen erfüllt wie ein Fußgänger.

Nachdem die Zeit drängt und bisher alle Institutionen nur auf die Schwierigkeiten hingewiesen haben, ist Urs Rechtsteiner selbst in die Offensive gegangen. Bei einer öffentlichen Diskussion hat er Ministerpräsident Winfried Kretschmann angesprochen. Der verwies zwar auch auf die rechtlichen Vorgaben, die für die Oberstufe von der Kultusministerkonferenz geregelt werden, versprach aber, sich der Sache anzunehmen.

Schulleiter Marius Weinkauf steht in Kontakt mit dem Kultusministerium und dem Regierungspräsidium: "Wenn wir wissen, dass es eine Möglichkeit gibt, werden wir versuchen, eine Lösung für Urs zu finden", sagt er.

In den vergangenen Tagen ist einiges in Bewegung geraten. Professor Abel ist nun offiziell eingebunden. Er empfiehlt einen Modellversuch. Alle Seiten begrüßen vor allem eins: Dass Urs selbst aktiv geworden ist.

Ein Vorbild gibt es übrigens: Christopher Huber, U-23-Weltmeister im Rollstuhl-Basketball, hat 2014 im hessischen Bad Nauheim Abitur gemacht - sein fünftes Fach war Sport. Die praktische Prüfung hat er im Rollstuhl-Basketball gemacht.

Der Paragraf

Gesetz Der Paragraf 15 des Schulgesetzes Baden-Württemberg regelt die sonderpädagogischen Angebote. Unter Absatz 4 steht dort: „Besuchen Schüler mit Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot eine allgemeine Schule, können Bildungsziele und Leistungsanforderungen von denen der besuchten Schule abweichen (zieldifferenter Unterricht); für die gymnasiale Oberstufe und die Bildungsgänge beruflicher Schulen in der Sekundarstufe II gelten die allgemeinen Bedingungen.“

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25.11.2015, 08:30 Uhr | geändert: 25.11.2015, 06:01 Uhr

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