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„Stadt braucht das Umland“

Pro und Contra der Reutlinger Auskreisung waren schon 1973 ein Thema

Bei der Landkreisreform 1973 wurden kleinere Einheiten zusammengelegt. Gegner wie Befürworter der Reutlinger Auskreisung berufen sich heute auf damalige Konzepte. Doch worum ging es damals eigentlich?

01.06.2015
  • Matthias Reichert

Kreis Reutlingen.Landrat Thomas Reumann sagt, bei der Kreisreform 1973 seien sämtliche Argumente pro und contra eigenständige Stadtkreise schon geprüft worden – mit dem eindeutigen Ergebnis gegen Stadtkreise. Wir blicken zurück: 1973 wurden bei der Kreisreform aus 63 Landkreisen nur noch 35. Vorbereitet hatte die Reform die Große Koalition zwischen 1968 und 1972. Federführend waren Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU) und Innenminister Walter Krause (SPD).

Krauses Haus veröffentlichte Dezember 1969 ein Denkmodell. Demzufolge sollten von 63 Land- und neun Stadtkreisen nur 25 Land- und fünf Stadtkreise übrig bleiben. Anstelle von vier Regierungsbezirken wollte Krause mit zwei auskommen.

Doch bei der CDU-Basis im Land grummelte es mächtig. Im Februar 1970 veröffentlichte die sogenannte CDU-Kommission „Verwaltungsreform“ nach hitziger Debatte ein Alternativmodell. Maßgeblich beeinflusst hat das laut Tübingens Kreisarchivar Wolfgang Sannwald der damalige Ministerialrat und nachmalige Stuttgarter OB Manfred Rommel sowie der Spaichinger Bürgermeister, der spätere Ministerpräsident Erwin Teufel. Sie peilten 38 Land- und acht Stadtkreise an.

Am Ende stand der Kompromiss mit 35 Kreisen. Am 26. Juli 1971 ging die Reform im Landtag durch. Der Kreis Horb wurde beispielsweise aufgeteilt auf die Kreise Calw, Rottweil, Tübingen und – hauptsächlich – Freudenstadt. Der frühere Kreis Münsingen wurde weitgehend dem Kreis Reutlingen zugeschlagen. Die Stadtkreise blieben bestehen. Neu war die Einführung der zwölf Regionalverbände.

Verwaltung sollte leistungsfähiger werden

Ziel im ursprünglichen Denkmodell des Innenministeriums war eine erhöhte Leistungsfähigkeit der Verwaltung. Man solle Verflechtungen berücksichtigen, auch die Eingliederung von Stadtkreisen prüfen, „die mit ihrem Umland eine sozioökonomische Einheit bilden“, heißt es im damaligen Bericht. Angepeilt wurde die Zusammenfassung möglichst vieler Verwaltungszweige in einer Behörde – mit dem Ziel, größere Verwaltungsräume zu schaffen und Zentren zu stärken.

Deshalb wollte das Innenministerium die Landkreise entsprechend der regionalen Verflechtungen neu abgrenzen. Das Papier schlug vor, die Stadtkreise Baden-Baden, Pforzheim, Ulm und Heilbronn wieder in die Landkreise einzugliedern. Sie seien so stark mit dem umgebenden Raum verflochten, dass sie die Aufgaben nur gemeinsam lösen könnten. Die Eingliederung dieser Stadtkreise verspreche „eine wesentliche Förderung des gesamten Raums“, heißt es.

Krauses Ministerium schlug die Neubildung eines Landkreises Reutlingen-Tübingen-Münsingen vor. Er hätte knapp 360 000 Einwohner auf 1450 Quadratkilometer gehabt. Das Gutachten verwies auf die enge Verflechtung der Mittelbereiche Tübingen und Rottenburg einerseits und Tübingen-Reutlingen anderseits. Engere Beziehungen hätten auch die Mittelbereiche Reutlingen, Urach und Münsingen. Freilich wird hier auch auf „erhebliche Strukturunterschiede“ zwischen Albvorland und -hochfläche verwiesen.

Die CDU-Kommission hingegen ließ den Kreis Tübingen am Leben und schlug 1970 den Kreis Münsingen weitgehend Reutlingen zu. In der Empfehlung war damals von 218 000 Einwohner auf 1060 Quadratkilometern die Rede. Der alte Landkreis Münsingen hatte 43 000 Einwohner auf 700 Quadratkilometern gehabt. Damit seien die Mittelbereiche Reutlingen, Münsingen und Urach sowie der Verflechtungsbereich Zwiefalten zum neuen Landkreis Reutlingen-Münsingen vereinigt, heißt es im Bericht.

Die Empfehlung der CDU-Kommission könnte Landrat Thomas Reumann heutigen Auskreisungs-Befürwortern ins Stammbuch schreiben: „Es ist zu erwarten, dass sich der Zusammenschluss des in der Entwicklung zurückgebliebenen Gebiets der Albhochfläche mit den dichter besiedelten und stärker entwickelten Räumen um Reutlingen für die weitere Gesamtentwicklung des Landkreises günstig auswirkt.“

Sind Stadtkreise Auslaufmodelle?

Die bestehenden Stadtkreise wurden bei der Kreisreform nicht angetastet. Nun argumentiert die Stadt Reutlingen heute, Denkmodell und CDU-Gutachten von damals stünden der Gründung eines Stadtkreises nicht entgegen, weil sie der Kreisreform diesbezüglich nicht zugrunde gelegen hätten und nicht verbindlich gewesen seien. Zudem setze das damalige Denkmodell Grenzen bei der Eingliederung von Stadtkreisen: Wenn eine Stadt ein Übergewicht über den ganzen übrigen Landkreis erlange oder wegen ihrer Größe über eine besonders ausgeprägte Verwaltungs- und Leistungskraft verfüge, sei die Eingliederung von Stadt- in Landkreis nicht angemessen.

Freilich steht im damaligen SPD-Denkmodell auch, die räumliche Gliederung in Stadt- und Landkreise habe in der industriellen Gesellschaft weitgehend ihren Sinn verloren: „Die hierin zum Ausdruck kommende Unterscheidung von Stadt und Land stimmt nicht mehr mit der Wirklichkeit überein. Stadt und Umland sind so eng miteinander verflochten, die gegenseitige Abhängigkeit ist so groß, dass das Umland ebenso der leistungsfähigen Stadt bedarf, wie die Stadt des Umlandes“, so das Denkmodell. Das hat auch das Prognos-Institut voriges Jahr dem Kreis Reutlingen bescheinigt.

Die Verflechtung zwischen Stadt und Umland wird auch dadurch belegt, dass im Zug der Kreisreform 1973 die Tübinger Unteramtsgemeinden im Reutlinger Nordraum dem Kreis Reutlingen zugeschlagen wurden. Bei der Gemeindereform 1975 wurden diese dann zu den größeren Einheiten Pliezhausen und Walddorfhäslach zusammengeschlossen, die bis heute bestehen. 1973 war die Reutlinger Auskreisung noch kein Thema. Die Stadt zählte zwar auch schon 96 000 Einwohner. Aber ein Stadtkreis brauchte mindestens 100 000.

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01.06.2015, 12:00 Uhr

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