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Albtraum aller Autofahrer

Probe für den Ernstfall: Hechinger Feuerwehr inszenierte eine Massenkarambolage

Strömender Regen, ein Bagger an einer Baustelle auf der B 27 und ganz kurz nicht aufgepasst: Die Folge könnte ein schwerer Unfall mit zehn Fahrzeugen und mehr als doppelt so vielen eingeklemmten Verletzten sein. Vor dieser kniffligen Aufgabe standen am Samstag 160 Rettungskräfte von der Zollernalb, die ihre Jahreshauptübung auf der alten B 32 abhielten.

01.09.2014
  • Susanne Mutschler

Hechingen. Drei Personenwagen sind wüst auf einen Bagger geprallt. Ein Stück weiter hat es einen Kleinwagen über eine Betonbarriere gewickelt und aufs Dach gedreht. Kopfüber hängt ein Mitfahrer auf dem Rücksitz fest und trommelt angsterfüllt ans Fenster. Nackte Beine, durch einen offenen Knochenbruch entstellt, ragen aus einem zerfetzten Chassis. Der Mann auf dem Fahrersitz hat eine triefende Wunde am Kopf. Er ist nicht ansprechbar. Langsam fließt sein Blut in Schlieren an den zerbrochenen Scheiben herunter. Aus den übrigen Autos sind Hilferufe und lautes Schmerzgeschrei zu hören.

Im Drunter und Drüber ist ein Fahrzeug die Böschung hinuntergerutscht und steckt für die Retter nur schwer zugänglich im Geäst eines Baumes fest. Das Dach eines zur Seite gekippten Wagens ist so tief eingedellt, dass sich die vielen Schaulustigen die Panik der Eingeschlossenen gut vorstellen können. Nur das im Szenario eigentlich vorgesehene schlimme Unwetter müssen sie sich am sonnigen Samstagnachmittag dazu denken.

Bei der Hechinger Feuerwehrhauptübung, die aus Organisationsgründen auf die alte Bundestraße B 32 verlegt wurde, wird viel Wert auf Authentizität gelegt. Notfalldarstellerin Heike Sauter vom DRK Schömberg geht kurz vor Übungsbeginn noch einmal mit einer großen Spritze Theaterblut von Auto zu Auto, um das gruselige Gesamtbild aufzufrischen und die Mimen der Hechinger Jugendfeuerwehr an ihre Rollen zu erinnern. „Der Eindruck von Echtheit ist wichtig“, weiß sie. Nur so lernten die Rettungskräfte, ihre eigene Anspannung zu kontrollieren. Außerdem „gehen sie mit stöhnenden Verletzten viel sensibler um als mit Puppen“.

„Das setzt den Stressfaktor hoch“, bestätigt André Weiss vom Ofterdinger „Rescue Training Center“: „Schreiende Leute müssen schnell befreit werden.“ Der hauptberufliche Tübinger Feuerwehrmann, der am Vormittag über die Einsatzregeln bei Massenverkehrsunfällen informierte, hat sich auf schonende Menschenrettung spezialisiert. „Lizenz zum Schneiden“ steht auf seinem Fahrzeug. Er weiß genau, wo man die Rettungsschere bei modernen Karosserien ansetzen muss. Für ihn war die Simulation auf der alten B 32 ein „Testlauf“, Im kommenden Jahr soll es eine Übung mit 30 Fahrzeugen dann tatsächlich auf der B 27 geben.

Bereits eine gute Stunde nach der Alarmierung sind alle 29 Personen gerettet, versorgt und – sofern nötig – in die umliegenden Kliniken abtransportiert. „Wir sind viel schneller fertig geworden als gedacht“, sagt Weiss nachher. 21 Verletzte mussten die Einsatzkräfte mit Rettungsschneidern, -spreizern und -zylindern aus ihren Fahrzeugen befreien. Nur für einen der Fahrer – in der Übung war das ein Dummy – kam jede Hilfe zu spät. Weiss: „Bei Karambolagen muss man mit Verlusten rechnen.“

Weil „solche Massenunfälle immer häufiger werden“, hatten der Ofterdinger Rettungsspezialist dem Hechinger Feuerwehrkommandanten Mike Bulach und seinem Stellvertreter Frank Brecht dieses Übungsszenario empfohlen. Stefan Hermann, Kreisbrandmeister Zollernalb, beobachtet, wie die Feuerwehrleute bei jedem Ensemble der verkeilten Schrottautos eine andere Rettungsvariante trainieren. Ging es bei dem kopfstehenden Auto zunächst ums Stabilisieren des Fahrzeugs, mussten beim nächsten die Fensterholmen mit der Rettungsschere gekappt, die Scheiben verletzungsfrei zertrümmert oder das Dach mit dem Spreizer aufgebogen werden. „Innere Retter“ heißen diejenigen Feuerwehrleute, die als erste durch die Heckklappen in die Unglücksfahrzeuge hinein klettern. Sie leisten Erste Hilfe, beruhigen und stellen sicher, dass sich beim gewaltsamen Öffnen der Blechhülle nichts nach innen wölbt. Dass die Verletzten auf untergeschobenen Brettern abtransportiert werden, sei Standard, sagt Hermann.

Austretende Schmieröle seien bei solchen Unfällen immer brandgefährlich, erläutert er, als die Helfer vom Technischen Hilfswerk zwei der Motoren zum Qualmen bringen. Zu diesem Zeitpunkt haben die vereinten Rettungskräfte, die mit zehn Fahrzeugen aus Hechingen, Rangendingen, Bisingen, Grosselfingen, Burladingen und Balingen angerückt sind, längst eine Löschleitung über die ganze Strecke gelegt.

Obwohl ebenso viele DRK-Einsatzwagen präsent waren, vermisst Weiss in seiner Bilanz bei den Sanitätern ausreichend „Manpower“. Vier Schwerverletzte mit gravierenden Brandwunden und 17 aufgeregte Leichtverletzte brachten die Ersthelfer an der „Patientenablage“ unter Druck. Im Ernstfall wären zusätzliche Krankenwagen und Hubschrauber aus dem Umkreis angefordert worden, beruhigt er.

Info: Weitere Bilder zur Rettungsübung in Hechingen gibt es auf www.tagblatt.de

Probe für den Ernstfall: Hechinger Feuerwehr inszenierte eine Massenkarambolage
Ein Toter, vier Schwerverletzte und zehn Autos mit Totalschaden: Das wäre die traurige Bilanz gewesen, wenn es sich bei der Massenkarambolage am Samstag bei Hechingen nicht bloß um eine Übung gehandelt hätte.Bild: Rippmann

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01.09.2014, 12:00 Uhr

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