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Probenschwänzen kostete 20 Pfennige
Am Rande des 100-Jahr-Jubiläums 1961: Bezirkskapellmeister Franz Stumberger (links) aus Schwaz in Tirol fachsimpelt mit der Ergenzinger Musiker-Legende Matthäus Breuling, der als Dirigent eine ganze Musikvereins-Ära prägte.
Musikvereins Ergenzingen wird 150 Jahre alt

Probenschwänzen kostete 20 Pfennige

Der Musikverein Ergenzingen zählt zu den ältesten der Umgebung und blickt auf eine 150-jährige Geschichte zurück. In diesen eineinhalb Jahrhunderten hat der Verein das kulturelle Leben im Ort wesentlich mitgestaltet und zeigt sich auch im Jubiläumsjahr erstaunlich jung. Vom 13. bis 16. Mai feiert er seinen großen Jahrestag gebührend.

09.04.2011
  • Karl Ruoff

Ergenzingen. Die Geschichte der Blasmusik in Ergenzingen reicht eigentlich schon bis ins Jahr 1857 zurück. Damals gründete Pfarrer Eduard Fähndrich einen Musik- und Gesangschor, den er auch selbst leitete. Sänger und Musiker trennten sich bereits 1859 wieder, blieben aber weiter unter Leitung des Pfarrers. Dann schlug im Jahre 1861 die Geburtsstunde des Musikvereins, als – „auf ausdrücklichen, vielseitigen Wunsch der Gemeinde“, wie in der Pfarrchronik zu lesen ist – wiederum Fähndrich „eine neue zehn Mann starke Blechmusik errichtete“.

Zwei Jahre später 1863 war diese Kapelle bereits dreizehn Mann stark, wie eine aus diesem Jahr stammende Aufnahme zeigt. Als der musikbeflissene Pfarrer 1864 den Ort verließ, übernahm der damalige Kirchenpfleger Lorenz Weipert die Leitung der Kapelle. Aus seiner Familie kamen dann über acht Jahrzehnte, bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, die Dirigenten der Kapelle.

Im Jahre 1888 hielten es die Mitglieder, es waren damals nur Aktive, für notwendig, eine Satzung aufzustellen. Darin heißt es: „Die Zahl der Mitglieder ist vorläufig auf 12 festgestellt. Zur weiteren Aufnahme bei einer Nothwendigkeit entscheidet der Direktor.“ Es wurde auch festgehalten, dass bei einmaligen grundlosen Fehlen in den Musikproben 20 Pfennig zu bezahlen sind und bei mehrmaligem Fehlen in Folge ohne besonderen Grund ein Mitglied ausgeschlossen werden kann. Nach weiteren Festlegungen heißt es dann zum Schluss der Satzung: „Wer diese Bestimmungen meint nicht halten zu können, der möge seinen Eintritt gar nicht erklären.“

Im Ersten Weltkrieg kam die Vereinsarbeit vollständig zum Erliegen. Einige Musiker kehrten nicht mehr in die Heimat zurück. Vorsitzender Karl Renz und Dirigent August Renz erweckten den Verein jedoch zu neuem Leben. Mit zweijähriger Verspätung wurde 1923 das 60-jährige Bestehen gefeiert. Es waren große Tage für Ergenzingen, von nah und fern kamen die Musikerscharen. Und als unter Leitung von Dirigent Lorenz Weipert mehr als 200 Musiker einen Massenchor zum Vortrag brachten, soll die Begeisterung keine Grenzen gekannt haben.

In den folgenden Jahren beteiligte sich der Verein mehrmals an Wertungsspielen und holte sich Preise und Auszeichnungen. Aber es gab es auch Enttäuschungen, und von einem Misserfolg in Freudenstadt hörte man noch lange Jahre. Am 75-Jahr-Jubiläum 1936 nahmen 25 Kapellen teil, für die damalige Zeit eine stattliche Zahl.

Der Zweite Weltkrieg brachte das Vereinsleben fast vollständig zum Erliegen. Eine kleine Besetzung spielte noch bei besonderen Anlässen, und beim ersten Fronleichnamsfest nach nach Kriegsende war es bloß ein kleines Häuflein von sieben Musikern, das mit der Prozession mitlief. Nach und nach baute wiederum Lorenz Weipert die Kapelle von Neuem auf, und am 1. März 1948 berief Vorsitzender Xaver Stopper die Mitglieder zu einer Versammlung ein, in der die weitere Arbeit des Vereins festgelegt wurde. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Proben wieder regelmäßig abgehalten und einige Jungmusiker ausgebildet.

Im Jahre 1949 begann dann eine Ära, die den Verein bis heute prägt und mit dem Namen Matthäus Breuling verbunden ist. Nach erfolgreichen Besuch der Musikschule in Inzigkofen übernahm der seitherige Klarinettist die musikalische Leitung. Er stand mehr als 20 Jahre am Dirigentenpult und führte die Kapelle bei Wertungsspielen zu besondern Erfolgen – speziell bei den Bundesmusikfesten in Ravensburg als zweitbestes Ensemble in der Mittelstufe und in Ludwigsburg, wo man zu den besten Orchestern in der Oberstufe zählte. Wertvolle Unterstützung erhielt die Kapelle in jenen Jahren auch vom unvergessenen Bundes- und Bezirksdirigenten Karl Bengel aus Rottenburg, der vor allem in gezielter Probenarbeit für den letzten Schliff sorgte.

Bisheriger Höhepunkt in der Vereinsgeschichte war das 100-Jahr-Jubiläum 1961, seinerzeit auch ein einmaliges Ereignis für die ganze Gemeinde. Mehr als 50 Kapellen, darunter die renommierte Stadtmusik aus Schwaz in Tirol und die Musikgesellschaft des schweizerischen Engelburg beteiligten sich am Bezirksmusikfest. Damals wurden feste freundschaftliche Beziehungen zur Kapelle aus dem Ort im Kanton St. Gallen geknüpft. Auch sie feiern heuer also ein echtes rundes Jubiläum.

Ebenfalls begonnen wurde in jenen Jahren die systematische Jugendarbeit. Edmund Wagner gründete 1965 mit mehr als 50 Jungen und Mädchen eine Jugendkapelle, die in den folgenden Jahren Nachwuchs für die aktive Kapelle brachte.

Nur vier Jahre blieb Erhard Scholtes, der den populären „Matthä“ Breuling 1969 am Dirigentenpult abgelöst hatte. Doch schon Nachfolger Horst Wengel, 1973 berufen, erwies sich wieder als Glücksgriff mit Langzeitwirkung. Als Vollblutmusiker und ausgebildeter Orchesterleiter baute Wengel das Können der Kapelle aus und führte sie bei Wertungsspielen zu beachtlichen Erfolgen. Als er 1996 nach 23 Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufhörte, hatte er von allen Dirigenten in der Geschichte des Musikvereins am längsten gewirkt.

Andreas Beilharz startete mit der 135-Jahr-Feier 1996 in seine Zeit als Dirigent der aktiven Kapelle. Unter seiner Stabführung erreichte sie bei Wertungsspielen hervorragende Ergebnisse. Mit übers ganze Jahr verteilten Veranstaltungen wurde 2001 140-Jähriges gefeiert, wobei ein Doppelkonzert zusammen mit der Musikgesellschaft Engelburg den Höhepunkt bildete. Die engen freundschaftlichen Verbindungen mit den Schweizern und (seit 1981) auch mit der Schützengilde im niedersächsischen Wildeshausen wurden in den Jahren 2002 und 2003 durch Mitwirkung bei deren Jubiläumsveranstaltungen vertieft.

Aus zeitlichen Gründen gab Andreas Beilharz 2004 die Leitung der Kapelle ab. Für ihn wurde mit Alexandr Kalinin ein besonders qualifizierter Dirigent gefunden. Es war für die Kapelle zumindest anfangs nicht einfach, die hohen Anforderungen des studierten Musikers und Orchesterleiters zu erfüllen. Er stellt nicht nur höchste Ansprüche an die derzeit 51 Musiker/innen, sondern lässt auch neue Stilrichtungen und musikalische Elemente ins Repertoire einfließen. Und das mit größtem Erfolg, wie die Konzerte und die Teilnahme am Wertungsspiel in der Oberstufe zeigen. Im Jahr 2004 löste dann Dieter Richter den langjährigen Vorstand Günther Wagner an der Vereinsspitze ab. Sein Bestreben ist es, den Verein in allen Belangen auf hohem Niveau zu halten.

Mit viel Erfolg und Nachdruck wird die Jugendarbeit mit 41 Jungmusikern zwischen sechs und sechzehn Jahren betrieben. Die Jugendlichen musizieren in einer Jugendkapelle unter Leitung von Tobias Klein sowie einem Jugendorchester. Seit 1992 wird dabei der Einzelunterricht in der Bläserklasse in Zusammenarbeit mit der Musikschule von Musiklehrern abgehalten. Vorsitzender Dieter Richter und die für die Jugendarbeit Verantwortlichen sind sich jedoch im Klaren, dass künftig der Ausbildungsweg noch schwieriger wird – auch, weil die höheren Ansprüche an Schulbildung und Berufsausbildung dafür sorgen, dass immer weniger Jugendliche als aktive Musiker dem Verein erhalten bleiben.Über dreißig GastkapellenVier Tage lang feiert der Musikverein Ergenzingen vom 13. bis 16. Mai sein 150-Jahr-Jubiläum. Programmhöhepunkte des langen Festwochenendes sind ein Unterhaltungsabend mit Peter Schad und dessen Oberschwäbischen Dorfmusikanten am Festsamstag und am Sonntagnachmittag um 13.30 Uhr dann der große Festumzug durchs Dorf mit über 30 Gastkapellen samt anschließendem Gesamtchor. Ebenfalls am Sonntagabend gastieren um 19 Uhr die Randen-Musikanten. Es folgt am Montag ab 14.30 Uhr ein Kinderumzug mit anschließendem musikalischen Ausklang. Das Jubiläumsprogramm beginnt bereits am Freitagabend mit einer „Riesen Mallorca-Party“.

Probenschwänzen kostete 20 Pfennige
In den 1930er Jahren befand sich der Ergenzinger Festplatz noch in den Heugärten westlich der Dorfmitte. Und auch die Musiker feierten gern dort.

Probenschwänzen kostete 20 Pfennige
Auch Basstubist August Weipert (Bildmitte links, mit dem mächtigsten Instrument) gehörte der Kapelle an, die hier irgendwann in der Zwischenkriegszeit die Schmalzgasse in Richtung Kirche herabmarschiert kommt – wahrscheinlich während eines größeren Musikfestes.

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09.04.2011, 12:00 Uhr

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