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Abbrüche

Problemherd Ausbildung

Jedes Jahr werfen etliche Lehrlinge vor der Abschlussprüfung das Handtuch. Doch es gibt Hilfe für Betroffene, um genau das zu vermeiden.

05.12.2016
  • NADINE RAU

Ulm/Stuttgart. Nette Kollegen, ein kompetenter Ausbilder, angemessene Aufgaben – so sollte eine gute Ausbildung aussehen. Viele Lehrlinge fühlen sich jedoch nicht wohl in ihrem Betrieb. Das kann am Umfeld liegen, am Beruf – oder am Ausbilder. In der Hotel- und Gastronomiebranche zeigt es sich deutlich: Jeder zweite angehende Koch bricht seine Lehre vorzeitig ab, oft sind Demütigung und fehlende Vorbereitung aufs Berufsleben vonseiten des Küchenchefs der Grund. Auch Gewalt kommt in mancher Küche vor.

Im Ausbildungsreport 2015 des Deutschen Gewerkschaftsbunds gehört der Koch zu den Berufen mit den schlechtesten Bewertungen. „Mein Chef verlangt von mir, dass ich mich nach acht Stunden Arbeit ausstemple und ohne Zeiterfassung weiterarbeite“ schreibt etwa ein Betroffener an den „Dr. Azubi“ im Jugendforum des Deutschen Gewerkschaftsbunds.

Kilian Krumm von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten in Baden-Württemberg kennt diese Schwierigkeiten. „Neun von zehn Problemfällen, die bei mir auf dem Tisch landen, kommen aus dieser Branche“, erklärt der Jugendsekretär. Weil die Ausbildungsbedingungen vielerorts katastrophal sind, kämpft er dafür, dass sie besser werden.

Zu lange Einsatzzeiten

„Wenn bei den drei Faktoren Vergütung, Arbeitszeit und Ausbildungsqualität zwei nicht zufriedenstellend sind, entscheidet sich ein Lehrling natürlich gegen die Ausbildung“, so Krumm. In den Küchen komme das häufig vor. Ein Lehrling im ersten Lehrjahr verdiene bei einer 39-Stunden-Woche nur 620 EUR. „Der Ausbildungscharakter fällt zudem oft völlig weg“, sagt Krumm. „Schade, dass leidenschaftliche Azubis dazu gezwungen werden, den Kochlöffel abzugeben.“

Daniel Ohl, Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbands in Baden Württemberg, erklärt sich die vorzeitigen Lösungen aus den Verträgen anders: „Wir arbeiten eben, wenn andere frei haben“, sagt er. Zudem habe es vor wenigen Jahren mehr Bewerbungen als Stellen für die Hotel- und Gastronomiebranche gegeben, weshalb viele sich nur mit der zweiten Wahl begnügt hätten und später unzufrieden waren.

Mit welchen Problemen angehende Beschäftigte aus jedweder Branche auch immer zu kämpfen haben: Es gibt Hilfe, um einen Abbruch zu verhindern. Die Gewerkschaften und Berufsverbände, die Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie die Handwerkskammern bieten ihre Unterstützung an.

Im Rahmen der Ausbildungsbegleitung versucht zum Beispiel Matthias Hinkel, der bei der IHK Ulm für die Konfliktberatung in der Ausbildung zuständig ist, Lösungen zu finden.

Ein Auszubildender kann sich bei Hinkel melden und entscheiden, ob er für ein persönliches Gespräch in die IHK kommen möchte. Lehrlinge unter 18 müssen von einem Erziehungsberechtigten begleitet werden.

Kompetente Begleitung

Im Gespräch kann der Azubi alles erzählen, was ihm auf dem Herzen liegt. „Das kann dreieinhalb Stunden dauern“, erzählt Hinkel. Seine Aufgabe ist es, zuzuhören und nachzufragen. Warum wurde der Beruf gewählt? Wie ist die Stimmung im Betrieb? „Was die Azubis erzählen, ist deren eigene Welt. Ich versuche, mich hineinzuversetzen, bleibe aber neutral“, erklärt Hinkel. Er unterliegt der Schweigepflicht und behandelt alles vertraulich.

Wenn der Betroffene es wünscht, geht Hinkel mit ihm gemeinsam auf den Betrieb zu. Dann erarbeitet der Berater mit dem Lehrling Ziele und organisiert ein Treffen im Unternehmen. „Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Wahrheit meistens in der Mitte liegt“, sagt Hinkel. Nach dem Besuch im Betrieb verfasst er ein Ergebnisprotokoll, das für beide Seiten verbindlich gilt.

Vonseiten des Hotel- und Gaststättenverbands gibt es ein ähnliches Angebot: „Wir bieten unserem Nachwuchs an den Landesberufsschulen eine Sprechstunde an“, erklärt Ohl.

Krumm hat indes eine forschere Herangehensweise. „Bei der Gewerkschaft geht es vor allem um die Durchsetzung von Interessen“, erklärt er. Wenn sich etwa jemand während der Lehrjahre über unbezahlte Überstunden beschwert, setzt Krumm alles daran, dass derjenige zu seinem Geld kommt. Auch vor Gericht würde die Gewerkschaft mit ihm ziehen.

Kommunikation ist wichtig

Doch die Hilfsangebote können Abbrüche nicht immer verhindern. In Hinkels Bericht zeichnet sich eine Hauptursache dafür ab. Über die Hälfte der Personen, die er 2016 schon betreut hat, hatten sich wegen Problemen mit dem Ausbilder gemeldet. Das bedeutet nicht, dass diese per se ihren Job falsch machen. „Oft kommt es wegen mangelnder Kommunikation so weit“, sagt Hinkel. Oder die beiden Parteien stellen zu hohe Ansprüche an den anderen.

„Der Azubi hat eine Lernpflicht, der Ausbilder eine Lehrpflicht“, erklärt Patrizia Förg, stellvertretende Abteilungsleiterin für Ausbildung der IHK Ulm. Das werde immer wieder vergessen. Förg will deshalb die Kommunikation in das Berichtsheft miteinbeziehen. „Das ist schließlich unsere Bibel“, so Hinkel. Intern soll öfter darüber gesprochen werden, was gelehrt wurde und wo es noch hakt. Wer es darauf anlegt, kann leider trotzdem tricksen. Informationen des „Spiegels“ zufolge zwingen manche Küchenchefs ihre Azubis dazu, ihr Berichtsheft zu fälschen.

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05.12.2016, 06:00 Uhr

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