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Nicht mit den Vereinen anlegen

Prof. Hans-Georg Wehling zur Bürgermeisterwahl in Kirchentellinsfurt

Der Reutlinger Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling kennt die baden-württembergische Kommunalpolitik wie kein anderer. Im Interview sagt er, warum Kirchentellinsfurt für Bürgermeisterkandidaten so attraktiv ist. Außerdem gibt er seine Einschätzung zu „Kandidaten von außen“ und warnt davor, den Bürgermeister-Job auf die leichte Schulter zu nehmen.

25.09.2014
  • Interview: Manfred Hantke

Herr Prof. Wehling, Kirchentellinsfurts Bürgermeister Bernhard Knauss war über dreieinhalb Jahrzehnte im Amt. Wie bewerten Sie seine Amtszeit?

Prof. Hans-Georg Wehling zur Bürgermeisterwahl in Kirchentellinsfurt
Es gibt genügend qualifizierten Bürgermeisternachwuchs, sagt der Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling. Bild: Hantke

Prof. Hans-Georg Wehling: Er hat einen guten Job gemacht. Das muss man also sagen. Aber: das liegt generell auf der Linie in Baden-Württemberg. Wir haben durch die Bank sehr gute Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, die ihren Job können, und da gibt es auch eine Tradition: Die Bürger passen sehr genau auf und halten sich auch an strenge Qualitätsmaßstäbe für die Bürgermeister.

Wie groß sind seine Fußstapfen, die er hinterlässt?

Bei jedem erfolgreichen Bürgermeister spricht man davon, dass die Fußstapfen groß sind. Aber es gibt auch genügend qualifizierten Nachwuchs, was man ja auch an der Bewerberlage in Kirchentellinsfurt sieht.

Gleich sechs Bewerberinnen und Bewerber bemühen sich um die Nachfolge. Nicht ein einziger Spaßkandidat ist dabei. Was bedeutet das für Kirchentellinsfurt?

Das ist zunächst einmal ein Kompliment für die Gemeinde. Sie ist gut aufgestellt, sie liegt interessant zwischen Tübingen und Reutlingen, nach Stuttgart ist es nicht weit, auch zum Flughafen ist es nicht weit, schuldenfrei ist sie weitgehend – von daher ist das eine sehr attraktive Gemeinde.

Haben es Frauen generell schwerer, Bürgermeisterin zu werden?

Wir hatten vor 1990 keine einzige Frau auf dem Job eines hauptamtlichen Bürgermeisters. Seit Beate Weber in Heidelberg hat sich das geändert. Wir haben zur Zeit ungefähr etwas über 50 Frauen, die hauptamtlich Bürgermeisterinnen in Baden-Württemberg sind. Die machen ihren Job gut, und die Wählerinnen und Wähler haben überhaupt nichts gegen Frauen. Sie schätzen Frauen, sie wählen sie auch gerne, aber das Hauptproblem besteht darin, dass sich zu wenig Frauen bewerben.

Frauen sind vielleicht auch ein Stück klüger, indem sie sagen, ich möchte nicht, dass ich keine Privatheit mehr habe, dass ich keine Freizeit mehr habe, und von daher will ich diesen Job nicht haben. Es liegt daran, kurz gesagt, dass zu wenig Frauen kandidieren. Wenn sie kandidieren, werden sie sehr gerne gewählt und sie sind auch sehr erfolgreich.

Zwei der Kandidaten sind im Gemeinderat. Haben Sie dadurch einen Vorteil?

Im Gemeinderat zu sein und sich von dort zu bewerben, ist in der Regel alles andere als ein Erfolgsversprechen der Kandidatur. Da hätte ich immer abgeraten und hätte gesagt, da bist du schon von vornherein mit bestimmten Positionen auch verbunden im Gemeinderat – und Gemeinderat ist keine Verwaltungserfahrung. Und die Bürgerinnen und Bürger wollen Bürgermeister haben, die Verwaltungserfahrung aufweisen. Das ist das Handicap. Dagegen kann man was machen. Man kann sich überlegen, wo liegen denn meine Stärken, wenn ich aus dem Gemeinderat komme, um das Handicap zu überwinden. Ich gehe davon aus, dass sich die beiden Kandidaten da auch Mühe geben in der Richtung.

Verschafft eine frühe Bewerbung einen Vorsprung?

Wenn man von außen kommt, hat man dann mehr Zeit, sich bekannt zu machen Es ist ja auch ganz wichtig, dass die Leute einen kennen. Es sind ja Persönlichkeitswahlen. Von daher ist es auch wichtig, dass es eine offizielle Kandidatenvorstellung der Gemeinde gibt – überall, bis hin nach Stuttgart gibt es das. Von daher ist es kein Fehler, wenn man sich früh bewirbt. Diejenigen, die sich spät bewerben, die achten darauf, wie sieht denn bisher die Kandidatenlage aus? Ist da für mich etwas drin? Wenn sie zu dem Ergebnis kommen, diejenigen, die sich dort bewerben, die sind dem Amt nicht gewachsen, dann melden sie sich dann, nachdem sie das gesamte Kandidatenangebot schon beurteilen konnten.

Haben Bewerber, die von „außen“ kommen, einen Bonus?

Es hängt natürlich generell immer ab von der gesamten Kandidatenkonstellation. Aber in der Regel ist es ein Nachteil, wenn man aus der Gemeinde selbst kommt. Man ist dann vielleicht zu bekannt, auch mit seinen Schwächen zu bekannt, und ein Vorteil ist es, wenn man von außen kommt.

Die Bürgerinnen und Bürger wollen einen Neuanfang, sie wollen einen Bürgermeister haben, der nicht schon vorweg seine Freunde, Feinde und seine Verwandten in der Gemeinde hat – von daher hat immer der von außen Kommende einen Vorteil.

Wie hoch schätzen Sie die Macht der Vereine ein?

Man darf sich nicht mit den Vereinen anlegen. Ganz wichtig ist im übrigen die Freiwillige Feuerwehr. Mit der Freiwilligen Feuerwehr muss man sich gut stellen, auch während der gesamten Amtszeit später. Die Freiwillige Feuerwehr ist sehr mächtig, und eigentlich wird jeder Wunsch, den die Feuerwehr hat, im Prinzip erfüllt. Also, auch da muss man darauf achten, dass man da ein gutes Verhältnis von vornherein hat.

Wie anstrengend ist eigentlich so ein Bürgermeister-Job?

Wir gehen davon aus, dass man im Schnitt 80 Stunden in der Woche aufwenden muss für das Amt. Die Angaben, die wir von Bürgermeistern erhoben haben, sind da unterschiedlich. Das hängt aber davon ab, ob die Bürgermeister die Teilnahme an Vereinsfesten als Arbeit ansehen oder als Vergnügen. Wer das als Arbeit ansieht, der kriegt natürlich eine höhere Stundenzahl zustande.

Wichtig ist festzuhalten, dass man als Bürgermeister oder als Bürgermeisterin keine Freizeit und keine Privatheit hat. Es passiert nichts in der Gemeinde, wo man nicht hineingezogen wird. Egal, was passiert. Selbst wenn ein Reh totgefahren wird, ruft man zur Not eben noch sonntagnachmittags an und sagt: „Was soll ich jetzt machen? Was muss ich jetzt tun?“ Also, er ist immer gefordert – und das auszuhalten, ist eine ganz schwierige Sache.

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25.09.2014, 12:00 Uhr

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