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Käferproblematik übertrieben?

Prof. Tzschupkes Nationalpark-Kritik löst Ärger und Widerworte im Pro-Lager aus

Prof. Wolfgang Tzschupkes kritische Äußerungen wider die Einrichtung eines Nordschwarzwald-Nationalparks (siehe die SÜDWEST PRESSESamstagsausgabe) haben für einigen Diskussionsbedarf gesorgt. Die Befürworter eines Nationalpark-Vorhabens gehen jetzt in die Offensive. Am Rande des Grindenfestes auf dem Schliffkopf wurden die Pro-Stimmen lautstark vernehmlich.

23.08.2011

Von MONIKA SCHWARZ

Kreis Freudenstadt. Wenig Verständnis für Tzschupkes Haltung zeigt der Baiersbronner Kreis- und Gemeinderat Gerhard Gaiser (SPD). Gaiser ist von den positiven Auswirkungen eines Nationalparks nicht nur hinsichtlich der ökologischen, sondern gerade auch der touristischen Vorteile felsenfest überzeugt. „Dieses Alleinstellungsmerkmal wird sich positiv auf den gesamten Schwarzwald auswirken?, betonte Gaiser. Der Kreisrat hält es deshalb auch für unverantwortlich und durch nichts zu rechtfertigen, „wie Herr Tzschupke mit Halbwahrheiten und Unterstellungen versucht, Vorurteile und Ängste gegen einen geplanten Nationalpark Nordschwarzwald zu schüren. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber?, so Gaiser.

„Horrorszenarien?, wie sie von Tzschupke propagiert würden, dienten der Sache in keinster Weise, sondern disqualifizierten ihn vielmehr als objektiven und ernst zu nehmenden Gesprächspartner, so Gaiser verärgert. Auch Dr. Wolfgang Schlund, der Leiter des Naturschutzzentrums und Nationalparks-Beauftragter des Ministeriums in Sachen staatlicher Naturschutz, reibt sich an Tzschupkes Aussagen. Es sei richtig, dass die Übernachtungszahlen im Bayerischen Wald in den letzten Jahren zurück gegangen seien. Gerade aber im direkten Umfeld des Nationalparks seien sie das deutlich weniger als anderswo.

Schlund will auch das von Tzschupke zitierte Ergebnis einer Studie, wonach gerade mal 3,2 Prozent der Befragten den Nationalpark als Grund für ihren Besuch im Bayerischen Wald genannt haben, nicht einfach stehen lassen. Dazu müsse man auch sagen, dass die am häufigsten genannte Antwort ? die „ Natur? ? ebenfalls nur von elf Prozent genannt wurde. Insgesamt seien die Antworten auch sehr vielfältig ausgefallen. Gerade aber Natur und Naturpark könne man nicht getrennt voneinander bewerten.

Dass Tzschupke ausgerechnet das Ringeln des Dreizehenspechts beim Thema Artenschutz erwähnt, sei ebenso fragwürdig. „Man kann das Ringeln des Dreizehenspechts an gesunden Bäumen vielleicht mit einem Menschen vergleichen, der gerne mal einen Whisky trinkt ? aber deshalb braucht er den Whisky noch lange nicht zum Überleben.? Was ein Dreizehenspecht tatsächlich braucht, seien absterbende Fichtenwälder mit Borkenkäfern als Nahrungsquelle. Die Brut derselben sei auf die deutlich größeren Bockkäfer angewiesen, die in den toten ein- oder zweijährigen Bäumen zu finden sind. Gerade im Bayerischen Wald finde man deshalb auch eine sehr große Dreizehenspecht-Population, so Schlund.

Unbestritten ist, dass man die Bedenken der Holzindustrie ernst nehmen müsse, meint Schlund. Beeinträchtigungen in absehbarer Zeit ? etwa im Zeitraum der nächsten 30 Jahre ? seien noch nicht zu befürchten. Nach Schätzungen der Förster im Kreis werden die Einbußen beim Holzeinschlag durch den Nationalpark etwa 50 000 Festmeter pro Jahr ausmachen. Und das macht etwa 0,5 bis 0,7 Prozent des jährlichen Holzeinschlags in Baden-Württemberg aus.

Diese Einbuße könne man beispielsweise durch Zukäufe oder Neupflanzungen an anderer Stelle ausgleichen. Mit dieser Thematik werde sich nun auch das von der Landesregierung in Auftrag gegebene Gutachten noch näher befassen.

Beim Angstthema Borkenkäfer verweist Schlund auf Regelungen in anderen Bundesländern, in Österreich und in der Schweiz. Überall gehe man davon aus, dass eine Sicherheitszone von 500 bis 800 Meter ausreichend ist, um die unkontrollierbare Ausbreitung des Käfers zu verhindern.

Ähnlich äußert sich auch Kreisforstamtsleiter Georg Jehle, der auf Anfrage bestätigte, dass ein Borkenkäfer je nach Wind auch deutlich weiter fliegen kann als 500 Meter. Damit allein sei aber noch lange nicht gesagt, dass sich dadurch automatisch Probleme in der Waldwirtschaft ergeben. Einzelne Borkenkäfer genügten eben nicht, einen gesunden Baum zum Absterben zu bringen. Der wehrt sich nämlich, indem er verstärkt Harz produziert.

Problematisch wegen seiner Massenvermehrung in warmen Sommern sei von den hunderten von Borkenkäferarten sowieso nur der Buchdrucker, der nur über ältere Fichtenbestände herfällt. Und gerade hier könne man in der Entwicklungsphase des Parks gezielt entgegen wirken. Etwa, indem man verstärkt auch andere Baumarten fördert, so Jehle. „Wir müssen da einfach der Natur ein wenig auf die Sprünge helfen.?

Auch Schlund ist überzeugt, dass sich „Befallsflächen, die kommen werden, mit Sicherheit nicht ausbreiten?. Dies verhindere auch die angedachte Aufteilung des Nationalparks mit kleineren Kernzoneneinheiten, die von Entwicklungs-und Managemenzonen umgeben sind. Als Positiv-Beispiel verweist Schlund auf den Bannwald Wilder See, seit 100 Jahren ein Totalreservat. Witterung und natürlich auch Borkenkäfer haben dort unübersehbar ihre Spuren in Form von Baumskeletten und umgestürzten Bäumen hinterlassen. Es wächst aber Neuvegetation heran, die besonders vom gefährdeten Auerwild gerne aufgesucht wird. „Die Natur schafft diese lichten Stellen, die Auerhühner brauchen, ganz allein?, betont auch Kreisforstamtsleiter Georg Jehle. Im Bayerischen Wald hat die Auerhahnpopulation deshalb auch zugenommen.

Borkenkäfer – sie werden gern, siehe Beispiel Bayerischer Wald, zu einem kampferprobten Argument gegen Wald-Nationalparke ins Feld geführt.Archivbild

Dr. Wolfgang Schlund, hier beim Grindenfest. Bild: mos

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Erstellt:
23. August 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. August 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. August 2011, 12:00 Uhr

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