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Baby auf Rammert-Parkplatz zur Welt gebracht

Prozess: Angeklagte ließ Neugeborenes erfrieren

Einstweilen schweigt die Angeklagte im Kindstötungs-Prozess. Kriminalbeamte nannten aber bisher unbekannte Einzelheiten zu dem Familiendrama von Bodelshausen.

13.10.2010
  • raimund weible

Tübingen. Seit Dienstag untersucht die 5. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Tübingen den Fall von Kindstötung, der im Februar dieses Jahres die Öffentlichkeit aufgewühlt hat. In Handschellen erschien im Saal 120 eine schmale, zierliche Frau mit halblangem, schwarzen Haar.

Die 44-jährige Mutter von sechs Kindern im Alter zwischen fünf und 19 Jahren ließ das Gericht schon nach wenigen Minuten wissen, dass sich ihre Auskunftsfreudigkeit in Grenzen hält. Zunächst wollte sie nicht einmal die Frage nach ihrem Alter, ihrem Beruf und ihrem Familienstand beantworten. Erst als Vorsitzender Dr. Ralf Peters ein zweites Mal um Angaben bat, antwortete sie etwas flapsig: „Also, dann machen wir das.“

Nach der Verlesung der Anklage unterbrach Peters die Sitzung und gab der geschiedenen Hausfrau aus Bodelshausen 45 Minuten Zeit, um darüber nachzudenken, ob sie sich über ihren Lebenslauf und zum Tathergang äußern will. Danach erhielt er den Bescheid, dass sie am Dienstag im Beisein ihres – am Dienstag abwesenden – zweiten Verteidigers Auskunft erteilen werde. Peters zog darauf Zeugenaussagen zweier Kriminalbeamter vor, die über Details des Falls sprachen, die der Öffentlichkeit bisher unbekannt waren.

Die Frau war im Februar/März 2009 wiederum schwanger geworden, verheimlichte aber die Schwangerschaft gegenüber ihrem Umfeld. Doch Freunde und Bekannte beobachteten die Frau misstrauisch, weil sie schon einmal eine Schwangerschaft verschwiegen hatte. Im Jahre 2004 hatte sie einen neugeborenen Sohn in der Damentoilette des Universitätsklinikums abgelegt. Erst eine Woche später, als der Fall publik wurde, nahm sie ihn zu sich auf.

Die Story von Pavel, dem Heiler am See

Eine der aufmerksam gewordenen Frauen sprach die Bodelshäuserin auf ihren Bauch an und erhielt zur Antwort, sie habe eine Totgeburt erlitten und die Wölbung sei noch eine Folge davon. Nach anonymen Hinweisen an das Landratsamt Ende Oktober 2009 schaltete sich das Jugendamt ein. Die Mutter lehnte eine Kooperation jedoch ab. Am 12. November verlief auch eine Anhörung vor dem Familiengericht Tübingen erfolglos. Doch schließlich verdichteten sich die Hinweise darauf, dass die Frau das Kind gleich nach der Geburt am 19. November 2009 verschwinden lassen hat.

In der Untersuchungshaft gestand die Festgenommene einer Kriminalbeamtin, dass sie an jenem Tag mit dem Auto zu einem Waldparkplatz im Rammert zwischen Bodelshausen und Hemmendorf gefahren sei und dort ihr Kind allein zur Welt gebracht habe. Sie wickelte das neugeborene Mädchen in zwei Vliestücher und legte es in den Kofferraum des Wagens. Daheim angekommen, versorgte sie erst die Kinder, telefonierte mit ihrem in Paris weilenden Lebensgefährten und schlief darauf erschöpft auf dem Sofa ein.

Am anderen Morgen kurz vor sieben Uhr schaute sie nach dem Kind. Es war tot. Wie sich später ergab, herrschten in der Nacht Temperaturen zwischen vier und 8,5 Grad. Todesursache war Unterkühlung. Die Frau holte die Leiche aus dem Kofferraum und verstaute sie zunächst in einem Rollschrank in der Scheuer. Zwei Wochen später versteckte sie das Kind in einer Brötchenschachtel ganz hinten an der Wand der Scheuer, verdeckt von Sperrmüll, Altkleidern und Unrat. Am 2. Februar 2010 entdeckte die Polizei im zweiten Anlauf die teilweise verweste Leiche.

Zuvor hatte die Frau der Polizei verschiedene Versionen für das Verschwinden des Kindes geliefert. Erst sagte sie, sie habe es in einer Babyklappe abgegeben. Als dies ausgeschlossen worden konnte, brachte sie einen Heiler namens Pavel aus Friedrichshafen ins Spiel, der ihr eine Abtreibungsspritze gegeben habe. Auch dies stellte sich als eine erfundene Geschichte heraus – den Heiler vom See gab es nicht.

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13.10.2010, 12:00 Uhr

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