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Aufräumen in Rom

Prozess gegen gewaltiges Mafia-Netz - Profit mit Müll und Migranten

Mafia? Nicht bei uns - mögen Römer bisher gedacht haben. Doch dann hob die Justiz ein Netz von Kriminellen und korrupten Stadtvätern aus. Nun steht die "Mafia Capitale", die Hauptstadtmafia, vor Gericht.

04.11.2015
  • BETTINA GABBE

Rom Ein Euro pro Flüchtling am Tag: So viel verdiente der Migrationsexperte Luca Odevaine als Vermittler zwischen der öffentlichen Verwaltung und Genossenschaften, die Migranten versorgten. Gemeinsam mit dutzenden Politikern, Beamten und Unternehmern gehört er zum Kreis der Verdächtigen im Korruptionsskandal "Mafia Capitale", denen von morgen an in Rom der Prozess gemacht wird.

Als das römische Korruptionsnetz Ende 2014 ans Licht kam, wurde zunächst über eine Auflösung des Stadtrats wegen krimineller Machenschaften spekuliert. Noch ein Jahr hielt sich Bürgermeister Ignazio Marino von der Regierungspartei der Demokraten im Amt. Er war eigentlich angetreten, um den Korruptionssumpf auszutrocknen und die mancherorts buchstäblich im Müll versinkende Stadt zu säubern.

Doch die Fähigkeiten des Chirurgen erwiesen sich im Kampf gegen alteingesessene kriminelle Netze als machtlos. Politiker sowohl der Demokraten als auch der Rechtspopulisten von Marinos Vorgänger Gianni Alemanno stehen auf der Liste der 46 Angeklagten. Sie sind wegen Bildung einer mafiösen Organisation, illegaler Bieterabsprachen, Erpressung, Geldwäsche und Wucher angeklagt. Besonders einträglich waren die Geschäfte von "Mafia Capitale" laut Ermittlern bei der Versorgung von Flüchtlingen und bei der Müllabfuhr.

Die Hauptangeklagten, der ehemalige Rechtsterrorist Massimo Carminati und Salvatore Buzzi, Chef einer sozialen Genossenschaft, hatten nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft das kriminelle Netz ins Leben gerufen. Aus Angst aufzufallen, verzichteten sie weitgehend auf Gewalt. Wer nicht zur Zusammenarbeit bereit war, verlor sein Amt oder wurde versetzt. Dafür sorgten Schmiergeld und die Vergabe von Posten.

"Mensch, wir haben sie wirklich alle gekauft", staunte Emilio Gammuto, einer von Buzzis Mitarbeitern, 2013 in einem abgehörten und seither zum Symbol des Skandals gewordenen Telefonat über den eigenen Erfolg. Carminati umschrieb das System in einem anderen Telefonat: "Einen Funktionär kauft man oder man entlässt ihn."

Eine Liste mit 101 öffentlichen Funktionären und Angestellten der Stadt- und Provinzverwaltung, die kurz vor Prozessbeginn veröffentlicht wurde, legt die gute Vernetzung des Duos zutage. Die Ermittler beschrieben in ihrem Bericht die "Existenz einer mafiösen Struktur, die in der Hauptstadt als Bindeglied zwischen dem kriminellen Ambiente, Politikern, Verwaltern und Unternehmern aktiv war".

Die mafiöse Einflussnahme sei nach Mustern erfolgt, "die auch nach dem Wechsel an der Spitze der Stadtverwaltung intakt blieben", heißt es trocken im Bericht der Ermittler. Die beiden Hauptangeklagten dürfen "aus Sicherheitsgründen" nicht persönlich an den Gerichtsverhandlungen teilnehmen, sie werden per Video zugeschaltet.

Ein Jahr nach Bekanntwerden des Skandals warf der römische Bürgermeister, der alles anders machen wollte, wegen privater Abendessen, die er als Spesen abrechnete, das Handtuch. Obwohl die Mehrheit der Bürger ihm vorwarf, die Stadt in einem Chaos aus Schlaglöchern und noch schlechter als bisher funktionierenden öffentlichen Verkehrsmitteln versinken zu lassen, wähnt Marino sich als Opfer einer Verschwörung. Seit wenigen Tagen wird die Hauptstadt von einem Regierungskommissar verwaltet, der die Gunst von Ministerpräsident Matteo Renzi genießt.

Während Rom sich auf Neuwahlen vorbereitet, versuchen die Richter zu klären, wer für das kriminelle Netz verantwortlich ist, das Geld in dunkle Kanäle fließen ließ. Skandale um öffentliche Ausschreibungen sind in Italien nicht selten. Neu war den Ermittlern, dass die mutmaßlichen Täter zu dem Zweck eine mafiöse Vereinigung gründeten.

Diese verfügte über einen eigenen militärischen Arm aus Kleinkriminellen, mit dem Unwillige bei Bedarf auch bedroht wurden. Allein die Figur des mutmaßlichen Chefs der Organisation, des Ex-Terroristen Carminati, flößte aufgrund zahlreicher Verbrechen, mit denen er in Zusammenhang gebracht wurde, Beamten und Unternehmern Angst ein. Das Geschäftsmodell basierte jedoch in vielfältiger Weise auf Korruption in Form von Schmiergeld, Beteiligung an Profiten, fiktiven, aber gut bezahlten Beraterverträgen sowie Posten für Verwandte und Freunde.

Als besonders einträglich erwies sich in den vergangenen Jahren wegen des wachsenden Zustroms das Geschäft mit der Unterbringung und Versorgung von Bootsflüchtlingen. Italiens Regierung stellt 35 Euro pro Person am Tag zur Verfügung. Im Gegenzug für die Zuteilung von Flüchtlingen kassierte der Ex-Chef der römischen Provinzpolizei Luca Odevaine nicht nur in Rom. Er steht überdies im Verdacht, die Vergabe des Auftrags für die Lebensmittelversorgung in Europas größtem Flüchtlingslager in Mineo bei Catania gesteuert zu haben.

Ganz so verdeckt agierte die Mafia übrigens nicht: Man trat auch offen auf. Mitte August machte der römische Familienclan der Casamonica von sich reden, als er sein verstorbenes Oberhaupt Vittorio zu Grabe trug. Eine Kutsche mit sechs Pferden karrte den Sarg zur Kirche, ein Hubschrauber warf über den Trauernden rote Rosenblätter ab. Und eine Kapelle mit Tuben und Posaunen spielte ganz dreist die Titelmelodie des Films "Der Pate".

Prozess gegen gewaltiges Mafia-Netz - Profit mit Müll und Migranten
Dreister Auftritt: Zur Bestattung von Vittorio Casamonica spielte eine Kapelle die Melodie des Films "Der Pate". Fotos: dpa

Prozess gegen gewaltiges Mafia-Netz - Profit mit Müll und Migranten
Im Dezember 2014 wurde einer der Bosse, Massimo Carminati, verhaftet.

  • Mafia Italiens organisierte Kriminalität ist unter dem Begriff „Mafia“ bekannt. Die wichtigsten Organisationen:
  • >Cosa Nostra Sie hat ihren Ursprung im Westen Siziliens und wurde 1865 zum ersten Mal erwähnt. Anfang des 20. Jahrhunderts fasste sie auch in den USA Fuß. Nach den Attentaten auf die Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellini 1992 ging der italienische Staat verschärft gegen sie vor. Viele Bosse sitzen im Gefängnis.
  • >’Ndrangheta Sie stammt aus Kalabrien und gilt heute als mächtigste Mafia-Organisation Italiens. Sehr lange wirkte sie im Verborgenen. Sie hat ein weltweites Netz geschaffen und macht Milliardenumsätze mit Drogen-, Waffenhandel und Geldwäsche.
  • >Camorra Sie ist in und um Neapel beheimatet, mit ihren kriminellen Geschäften aber weit über Italien hinaus aktiv. Mit der illegalen Entsorgung von Giftmüll verseuchte sie die Umwelt im Kampanien. Verfeindete Clans lieferten sich immer wieder blutige Kämpfe. Nach der Verhaftung vieler Bosse rückten sehr junge Anführer nach.
  • >Mafia Capitale Laut Ermittlern handelt es sich dabei um Gruppen des organisierten Verbrechens in Rom. Sie verbündeten sich mit Politikern und Stadtbeamten und zogen gegen Schmiergeld Aufträge für ihre Firmen an Land, meist ohne Blutvergießen. Ende 2014 flog die Bande um den Ex-Neofaschisten Massimo Carminati auf. dpa

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04.11.2015, 12:00 Uhr

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