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Im Streit zugestochen

Prozessauftakt gegen Feuerwehrfrau wegen Totschlags

Die 27-Jährige, die am Abend des 15. Januar 2012 im Streit auf ihren 46-jährigen Ehemann eingestochen hat, muss sich seit gestern wegen Totschlags vor dem Tübinger Schwurgericht verantworten. Beide Eheleute waren in der Feuerwehr aktiv.

26.09.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen/Bieringen/Sulzau. Unter überwältigendem öffentlichem Interesse begann gestern Nachmittag der Prozess gegen die 27-jährige Ehefrau und Mutter aus Bieringen, die am 15. Januar 2012 ihren Mann tödlich verletzt hat. Etwa 20 Zuschauer mussten stehen, weil die Sitzplätze im Schwurgerichtssaal nicht für alle ausreichten.

Die Angeklagte war ebenso wie der Getötete in der Freiwilligen Feuerwehr und in etlichen Vereinen aktiv. Nach einem Fasnetsumzug habe das Paar mit den beiden Kindern im Sulzauer Haus der Eltern der Angeklagten beim Abendessen gesessen, als es laut Anklageschrift gegen 18.30 Uhr zum lautstarken Streit zwischen den Eheleuten kam. Die Eltern der Frau hätten daraufhin mit den beiden kleinen Kindern des Paares die Küche verlassen.

Unmittelbar darauf habe die Angeklagte ihrem Mann ein großes Küchenmesser in die Brust gestoßen. Die Stichbewegung soll so heftig gewesen sein, „dass Teile eines Rippenknochens absplitterten“, berichtete Oberstaatsanwalt Martin Klose. Deshalb habe die Angeklagte den Tod ihres Mannes billigend in Kauf genommen. Der um 18.36 Uhr alarmierte Notarzt konnte den 46-Jährigen nicht mehr retten und musste gegen 19.45 Uhr alle Wiederbelebungsversuche einstellen.

Scheinbar aus nichtigem Anlass

Die 27-Jährige soll zur Tatzeit deutlich alkoholisiert gewesen sein. Ihr Blutalkoholspiegel habe bis zu 1,87 Promille betragen, sagte der Oberstaatsanwalt. Der Streit zwischen den Eheleuten soll sich daran entzündet haben, ob auf dem Hexenwagen der Narrenzunft nur Hästräger oder auch andere Personen mitfahren dürften.

Der Getötete, ein in Bieringen verwurzelter Industriemechaniker, war fast zehn Jahre lang Kommandant der örtlichen Feuerwehr. Er war Mitglied des Schützenvereins Seebronn (und zuvor bei den Bad Niedernauer Schützen) und wie die Angeklagte bei der Narrenzunft Sulzau aktiv. Die gelernte Teilezurichterin war seit 2010 stellvertretende Abteilungskommandantin bei der Freiwilligen Feuerwehr Sulzau und stand für eine Frauenfußballmannschaft im Tor. Ihren Mann hatte sie als Ausbilder bei der Feuerwehr kennengelernt. Seit September 2004 war das Paar verheiratet. „Wir waren so stolz und so glücklich mit den zwei Jungs, und unsere kleine Familie war perfekt“, sagte die Angeklagte.

Nur mit Mühe konnte der Vorsitzende Richter Ralf Peters der Frau, die stets monoton und kaum hörbar sprach, die Selbstcharakterisierung entlocken, sie sei „impulsiv und direkt“. Ihr Mann sei „der ruhigere Typ“ gewesen. Über sich selbst mochte die Angeklagte gar nichts sagen. „Ich war eigentlich immer sehr lebensfroh“, meinte sie schließlich. Ihr sei immer etwas eingefallen, sie sei immer zu einem Spaß aufgelegt gewesen, sagte sie mit unverändert schleppender Stimme.

Das Gesicht hinter den Haaren verborgen

Ob es in ihrer Ehe auch Probleme gab – dazu wollte sich die Angeklagte auch auf mehrfache Nachfragen nicht äußern. Seit Juli 2010 hatte sich das Ehepaar eine weitere Belastung aufgeladen: Beide wieder voll berufstätig, hatten sie ihre Schichtarbeit so aufgeteilt, dass sie sich unter der Woche gar nicht mehr sahen. Beide hätten gedacht, so sei es für die Kinder das Beste, sagte die Angeklagte. „Wir wollten, dass immer ein Elternteil daheim ist.“

Zum Tathergang wollte die 27-Jährige sich nicht äußern, ließ aber durch ihren Verteidiger eine Erklärung verlesen. Danach sehe sie sich zurecht angeklagt, „weil sie die Verantwortung tragen will, dass ihr Mann auf so tragische Weise sein Leben verlor“. Den tödlichen Ausgang habe sie nie beabsichtigt. Sie könne sich das Geschehen – wenn überhaupt – nur dadurch erklären, dass sie zum Tatzeitpunkt außer sich gewesen sei. Während der Verteidiger sprach, verbarg die Angeklagte ihr Gesicht hinter den langen Haaren. Anders als unmittelbar nach dem tödlichen Streit streitet sie den Tathergang nun nicht mehr ab.

Die Frau sitzt seit dem 17. Januar in Untersuchungshaft. „Ich weiß ja, dass es sein muss, aber es ist sehr schwer. Meine Kinder fehlen mir, mein Mann fehlt mir, meine Familie fehlt mir.“ Am Dienstag, 2. Oktober, hört das Gericht die ersten Zeugen.

Info: Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Claus-Jürgen Hauf, Christoph Sandberger; Schöffen: Hans-Peter Evers, Fritz Peter Franz Schwägerle. Staatsanwalt: Martin Klose. Nebenklage: Jutta Rager. Verteidiger: Peter Zoll. Gutachter: Prof. Frank Wehner, Dr. Peter Winckler.

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26.09.2012, 12:00 Uhr

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