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Polizisten als Schutzengel

Prügelvideo treibt Tübinger Schulen um und sorgt für grundsätzliche Überlegungen

Medienerziehung und Prävention werden für Schulen immer wichtiger. Das ist eine der Konsequenzen aus der Prügelattacke auf eine Tübinger Schülerin und deren Bloßstellung durch ein Video.

27.11.2014
  • Ute Kaiser

Tübingen. Die Betroffenheit ist gut anderthalb Wochen nach der Gewalttat noch immer spürbar. Gleich nachdem sich die Nachricht wie ein Lauffeuer in Schülerkreisen verbreitet hatte und über Medien publik wurde, haben Lehrer mit ihren Klassen darüber gesprochen. Dazu bedurfte es an der Geschwister-Scholl-Schule (GSS), die das Opfer besucht, keiner Anweisung von oben. „Meine wunderbaren Lehrer“, sagt Schulleiterin Cornelia Theune, „haben es von sich aus aufgegriffen.“

Lehrer haben Schüler, die rund um die Schule von Boulevard-Medien bedrängt wurden, geschützt. Journalisten hätten sogar versucht, durch Geldofferten an Informationen über Opfer und Täterinnen zu kommen, sagt Theune. Ein dickes Lob spricht sie den Polizisten vom Revier auf Waldhäuser Ost aus: „Sie waren wie Schutzengel für uns.“ Die Polizei hatte ihre Streifen verstärkt und schirmte die Schule ab.

Auch Lehrer am Tübinger Wildermuth-Gymnasium besprachen mit ihren Klassen den Vorfall. Schulleiter Helmut Janisch bedrückt nicht nur, „dass Konflikte mit Gewalt gelöst werden“. Noch schlimmer ist für ihn, dass die demütigende Situation gefilmt und an jemanden weitergegeben wurde, für den keine Verantwortung übernommen werden könne. „Da gehen Werte verloren“, bedauert der geschäftsführende Schulleiter der Tübinger Gymnasien.

Nicht nur an diesen beiden Schulen bemühen sich die Lehrerkollegien, ihren Schülern von der fünften Klasse an Kompetenz im Umgang mit Medien zu vermitteln. Dabei geht es nicht nur um Fertigkeiten wie die Erstellung von Word-Dateien oder um die Recherche im Internet.

Schulen sprechen über Gefahren und Grenzen

Von Anfang an wird über Gefahren und Grenzen geredet. Themen sind, wie die Schüler sich im Netz darstellen. Was erlaubt und was illegal ist. Oder: Wie Kinder und Jugendliche verantwortungsvoll mit ihren Daten umgehen können. Außerdem können sich Schulen über verschiedene Programme Fachleute für Veranstaltungen mit Schülern und Eltern ins Haus holen. Sie tun das auch. Mehr noch: Lehrer der Scholl-Schule haben sich speziell zum Thema Persönlichkeitsstärkung der Kinder und Jugendlichen fortgebildet. Das soll jetzt „noch mehr in ein Konzept zur Prävention eingebunden werden“, so Theune.

Nach der Attacke auf die Schülerin gab es zunächst „ein großes Ohnmachtsgefühl“, sagt sie. Was die Schulleiterin und viele Kollegen umtreibt, ist die Frage „nach einem ganz anderen Lebensgefühl“ junger Leute. Sie achteten nicht mehr darauf, „ihre Privatsphäre zu schützen“. Theune beobachtet „ein grenzenloses Mitteilungsbedürfnis“. Es umfasst auch intimste Details. Die Kommunikation mit einer Generation, die die Notwendigkeit, Persönlichkeitsrechte zu wahren, nicht kennt, ist aus Sicht von Theune „für Lehrer sehr schwer“. Alle Anstrengungen der Schulen, zu sensibilisieren und auf die Gefahren hinzuweisen, sind für Theune „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Der Konflikt um das, was geht und was nicht, so die Schulleiterin, „ist zu Hause aber noch viel dramatischer“. Ihr Kollege Helmut Janisch nimmt die Eltern in die Pflicht: „Die Schule allein kann das nicht regeln.“ Väter und Mütter müssten überlegen, welches Gerät sie ihren Kindern schenken: Muss es wirklich ein Smartphone mit Internetzugang sein, wenn es auch ein Handy täte?

Viele Eltern wissen nicht, in welchen virtuellen Welten ihre Kinder unterwegs sind. Oder sie können es nicht einordnen, weil sie sich nicht so gut auskennen. Deshalb chatten schon Kinder auf ask.fm. Dort wie bei Facebook müssen Nutzer mindestens 13 Jahre alt sein. Whats App schreibt in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen ein Mindestalter von 16 Jahren vor. Doch es wird nicht kontrolliert, wie alt diejenigen sind, die diese App installieren.

Das Gewaltvideo hat viele aufgewühlt und auch Ängste geweckt. Die GSS hat zur Unterstützung gleich die Schulpsychologische Beratungsstelle eingeschaltet. Für sie ist beim Regierungspräsidium (RP) Tübingen Michael Bleicher zuständig. Er hat unter anderem ein Trainingsprogramm zum sozial-emotionalen Lernen für die Klassen 5 und 6 mitentwickelt. Nicht nur den Mädchen anderer Schulen, die für die Attacke verantwortlich sind, fehle „das Bewusstsein, was es heißt, das Video online zu stellen und nicht zurückholen zu können“, sagt Bleicher.

Projekte sensibilisieren für Umgang mit Gewalt

Sensibilisieren dafür können die zehn Präventionsbeauftragten der Regionalgruppe Reutlingen/Tübingen des RP. Eins ihrer Schwerpunktthemen ist Gewaltprävention nach dem Konzept „stark.stärker.Wir“, entwickelt nach dem Amoklauf von Winnenden. Die Präventionsbeauftragten bilden unter anderem Lehrer fort oder wirken an pädagogischen Tagen und Elternabenden mit.

In Schulen gehen auch die Tübinger Initiativen Tima und Pfunzkerle mit ihrem Projekt „Herzklopfen – Beziehungen ohne Gewalt“. In ihren Workshops wollen die Mitarbeiter Schüler für Warnzeichen von Gewalt sensibilisieren und zeigen, wie sie in Konflikten respektvoll miteinander umgehen können. Tima hofft, dass die Städte Tübingen und Rottenburg auch 2015 Mittel dafür bereitstellen.

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27.11.2014, 12:00 Uhr

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