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"Stoß in den Rücken"

Putin droht Türkei nach Kampfjet-Abschuss mit ernsten Folgen - Ankara sieht sich im Recht

Mit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs im syrisch-türkischen Grenzgebiet drohen neue Spannungen zwischen dem Westen und Moskau. Die Türkei und der Kreml stellen den Vorfall konträr dar.

25.11.2015
  • ULRICH HEYDEN GERD HÖHLER

Es dauerte ein paar Stunden bis Wladimir Putin auf den Abschuss des russischen Kampfflugzeuges SU 24 reagierte. Offenbar mussten die russischen Stellen den Vorfall erst noch untersuchen. Denn wer in dem unübersichtlichen Kriegsgebiet schießt, ist nicht immer sofort klar erkennbar. Das Flugzeug war nördlich der syrischen Stadt Latakia abgeschossen worden und brennend in eine Berggegend auf syrischem Gebiet abgestürzt.

Als der russische Präsident dann am Nachmittag in Sotschi bei einem Treffen mit Jordaniens König Abdullah zu dem Abschuss Stellung nahm, wirkte er nicht angriffslustig, sondern eher verzweifelt. Er sprach gleichförmig, ohne die Stimme zu heben. Offenbar wollte Putin Emotionen unterdrücken. Doch das machte seine Stellungnahme nur noch dramatischer.

"Man hat uns in den Rücken gestoßen", sagte Putin und fügte hinzu, der Stoß sei von "Helfern der Terroristen" abgegeben worden. Das russische Kampfflugzeug habe sich in 6000 Metern Höhe und einen Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze entfernt befunden. Es sei von einer Luft-Luft-Rakete getroffen worden, abgefeuert von einem türkischen F-16-Kampfflugzeug. "Unsere Piloten haben das Territorium der Türkei nicht bedroht. Das ist eine offensichtliche Tatsache", sagte Putin.

Der Kreml-Chef erklärte weiter, nördlich von Latakia hätten sich Terroristen konzentriert, die aus Russland kommen und "jede Sekunde" dorthin zurückkehren könnten. Die Angriffe gegen diese Terroristen seien Präventivschläge zum Schutz der Russischen Föderation. Für die russisch-türkischen Beziehungen werde der Abschuss "ernste Konsequenzen" haben, betonte Putin. "Wir dulden solche Verbrechen nicht." In der Türkei habe der Islamische Staat (IS) schon eine Milliarde Dollar durch den Verkauf von Öl verdient. Offenbar deshalb trete diese Organisation "so frech mit dem Terror in Europa" auf.

Harte Worte fand Putin auch zur Haltung der Nato, die über den Abschuss sprechen und Russland zur Rechenschaft ziehen wolle. "Will sich die Nato in den Dienst des IS stellen?", fragte er. Die Türkei ist Mitglied der Nato.

Das russische Verteidigungsministerium hatte in einer ersten Stellungnahme am Vormittag erklärt, das Kampfflugzeug sei "wahrscheinlich vom Boden" abgeschossen worden. Auch der ehemalige Leiter der russischen Luftabwehr, Sergej Chatylew, hielt dies für möglich. Chatylew meinte gegenüber der Zeitung Kommersant, der Beschuss von türkischer Seite sei "lange geplant" gewesen.

Die türkischen Streitkräfte teilten derweil mit, das Flugzeug sei in den türkischen Luftraum eingedrungen. Die Piloten seien innerhalb von fünf Minuten zehn Mal gewarnt worden. Der Generalstab veröffentlichte Radar-Aufzeichnungen, aus denen hervorzugehen scheint, dass der russische Jet über Syrien kreiste und dann bei der Provinz Hatay in den türkischen Luftraum eindrang. Die Türkei hatte Russland wiederholt vor einer Verletzung seines Luftraums im Syrien-Konflikt gewarnt.

Ein Video, das auf dem Internet-Portal der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi veröffentlicht wurde, zeigt, wie das Kampfflugzeug über einer bergigen Gegend abstürzt und dabei Feuer fängt. Auf einem weiteren Video sieht man, wie die beiden Piloten, die sich offenbar aus ihrer Maschine katapultiert hatten, an Fallschirmen Richtung Erde segeln. In diesem zweiten Video sind Explosionen zu hören, was auf Kämpfe an der Absturzstelle hindeutet.

Nach einer Meldung von "CNN Turk" stürzte das Flugzeug auf ein Zeltlager syrischer Turkmenen im Dorf Jamadi in Bezirk Latakia. Wie die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti unter Berufung auf den türkischen Kanal Ulusual mitteilte, wurden dabei zwei Personen durch Flugzeugtrümmer verletzt.

Westliche Medien berichteten, türkische Hubschrauber hätten versucht, den abgestürzten russischen Piloten zu Hilfe zu kommen. Die Hubschrauber seien jedoch vom Boden beschossen worden. Laut Kommersant soll auch Russland Hubschrauber losgeschickt haben, um seine Piloten zu retten.

Einer der Piloten sei nun in den Händen turkmenischer Aufständischer in Syrien, so "CNN Turk". Bewaffnete Turkmenen würden versuchen, auch den zweiten russischen Piloten zu fangen. Dessen Schicksal war aber unklar. Nach unbestätigten Berichten könnte er ums Leben gekommen sein. Die Türkei, die sich als Schutzmacht der Turkmenen in Syrien sieht, hatte bereits vor dem Abschuss eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates gefordert, auf der russische Angriffe auf Turkmenen erörtert werden sollten. In Syrien leben etwa 200 000 Turkmenen - Nachfahren ethnischer Türken, die nach dem Zusammenbruch des Osmanenreichs dort verblieben.

Mit dem Flugzeugabschuss hat sich der Syrienkonflikt gefährlich verschärft. Dies könnte zu neuen Spannungen im ohnehin schwierigen Verhältnis des Westens zum Kreml führen. Russland hat wegen seines militärischen Engagements, aber auch als Mitglied des UN-Sicherheitsrats eine Schlüsselrolle bei einer Lösung des Syrienkonflikts.

In der Bewertung des Syrienkonflikts sind Russland und die Türkei in wichtigen Punkten diametral unterschiedlicher Ansicht. Während die türkische Regierung seit Beginn des Bürgerkrieges auf einen Sturz von Staatschef Assad hinarbeitet, stützt Russland, das im syrischen Tartus seine einzige Marinebasis im Mittelmeer unterhält, das Regime in Damaskus - seit Ende September auch militärisch. Das wird zu einer immer größeren Belastung für die zuvor guten türkisch-russischen Beziehungen. Beide Länder arbeiten vor allem in der Energiepolitik eng zusammen, so bei der Planung von Gas-Pipelines.

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25.11.2015, 07:30 Uhr | geändert: 25.11.2015, 06:01 Uhr

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