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Putins bunte Fernsehstunde
Im Moskauer Fernsehstudio war dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eher nach Plaudern als nach harter Politik zumute. Foto: actionpress
Russischer Präsident beantwortet in Livesendung die wohlwollenden Fragen des Volkes

Putins bunte Fernsehstunde

Es ist ein jährliches Ritual: In der Fernsehsendung "Direkte Linie" beantwortet Wladimir Putin Fragen von Bürgern. Dabei war der russische Präsident innen- wie außenpolitisch sichtlich um Harmonie bemüht.

15.04.2016
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Die achtjährige Anastasia fragte, ob sich Wladimir Putins Verhältnis zum Haferbrei mit dem Alter geändert habe. "Nur zum besseren. Ich esse jeden Tag Brei", grinste der russische Präsident. "Je weniger Zähne du hast, umso mehr magst du Haferbrei." Fröhliches Gelächter im Fernsehstudio.

Putin hatte gestern nicht nur die Lacher auf seiner Seite. Bei der 14. "Direkten Linie" Putins, einer jährlichen TV-Show, bei der ganz Russland dem Staatschef Fragen stellen darf, zeigte das Publikum vertrauensvolle Unterstützung für den 63-Jährigen. Zumindest das Publikum, das zu Wort kam.

Putin hatte noch nicht Platz genommen, da parierte er schon die erste Videofrage einer jungen hübschen Omskerin, die sich über die miserablen Straßen ihrer Stadt beschwerte. Putin antwortete mit einem gewohnt kenntnisreichen Vortrag über die Lage im russischen Straßenbau. Aber natürlich müsse man Omsk und sein Straßennetz zur anstehenden 300. Stadtjubiläum in Ordnung bringen. 25 Minuten später verkündete die Moderatorin: "Eine Eilmeldung. Die Omsker Beamten haben versprochen, zum 1. Mai 21 Straßen zu reparieren."

Putin glänzte wie immer mit Kompetenz, Zahlen- und Detailwissen. Vielleicht, weil er sich zwei Tage auf die Show vorbereitet hatte, vielleicht auch, weil er viele Fragen vorher kannte. Wie die Wirtschaftsagentur RBK gestern meldete, versammelten die Organisatoren schon vor Tagen hunderte Studiogäste in einem Pensionat bei Moskau. Dort habe man einige Dutzend Fragensteller ausgewählt, ihren Auftritt mit ihnen geübt, den Übrigen untersagt, sich während der Liveshow direkt an Putin zu wenden.

Und wie die Nowaja Gaseta schreibt, wurde am Vorabend in Ussurijsk der Bauarbeiter Anton Tjurischew festgenommen, der sich bei der letztjährigen "Direkten Linie" bei Putin über nicht gezahlte Löhne beklagt hatte. Der Präsident versprach damals, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Grund der Festnahme soll das Vorhaben Tjurischews und seiner Kollegen gewesen sein, am Tag der Liveshow eine Protestkundgebung zu veranstalten - gegen weiter unbezahlte Löhne. Putin zog es hingegen vor, zu scherzen und zu philosophieren. Auf die Frage, was er denn in den Zeiten der Wirtschaftskrise einspare, erklärte er lakonisch: "Zeit. Das ist das Teuerste, was wir haben."

Sechs Monate vor den Parlamentswahlen in Russland gab sich der Präsident mäßigend. Die Staatspartei "Einiges Russland" erhalte im Wahlkampf keinerlei Vorteile, sei aber ein "stabilisierender Faktor". Noch habe man die Wirtschaftskrise nicht überwunden, aber es zeichne sich ein positiver Trend ab.

Innenpolitisch habe sich der Präsident auf soziale und wirtschaftliche Fragen konzentriert, sagt der Moskauer Politologe Jewgeni Mintschenko. "Auch außenpolitisch war sein Ton sehr friedliebend." Zwar erklärte Putin, hinter den westlichen Medienberichten über milliardenschwere Offshore-Geschäfte in seinem Freundeskreis steckten Auftraggeber aus den USA. Aber im Gegensatz zum vergangenen Jahr verzichtete er auf schärfere Attacken gegen den Westen. Und als ihn die zwölfjährige Walja fragte, welchen seiner Hauptkontrahenten er zuerst vorm Ertrinken retten würde, den Türken Erdogan oder den Ukrainer Poroschenko, sagte Wladimir Putin: "Wenn sich jemand entschlossen hat zu ertrinken, kann man ihn nicht mehr retten. Aber ich bin bereit, jedem Partner die Hand zur Hilfe und Freundschaft zu reichen, der das will." Wieder hatte der Präsident die Lacher auf seiner Seite.

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15.04.2016, 06:00 Uhr

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