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Kunst

Quappi aus Künzelsau in New York

Im Weihnachtstrubel bereichern Leihgaben aus Deutschland die Museen in Manhattan. Die Sammlung Würth ist in der großen Beckmann-Ausstellung vertreten.

22.12.2016
  • CLAUS DETJEN

New York. Es ist Einkaufszeit in New York, bei Amerikanern aus allen Teilen der USA und bei Touristen aus aller Welt die beliebteste des Jahres. Die Hotels sind voll, verlangen ihre höchsten Preise. Manhattan ist eine einzige Shoppingmall. Die Fassade von Saks on Fifth Avenue protzt mit einer Lichterinszenierung in schreienden Farben, die den traditionellen Weihnachtsbaum gegenüber im Rockefeller Center in den Schatten stellt. Um den nahen Trumptower, in dem der künftige Präsident der USA seine Macht aus Geld, Politik und Administration organisiert, hat die Polizei einen Sperrgürtel gelegt, an dem sich die Menschenmassen vorbeischieben.

Eine gute Zeit für Besuche in den Museen. Selbst im Metropolitan Museum hängen vor den begehrtesten Sehenswürdigkeiten keine Menschentrauben. Mit deutschen Künstlern und seltenen Dokumenten der Reformation setzen das Metropolitan Museum, das Museum of Modern Art (MoMa), das Whitney Museum und die Morgan Library europäische Akzente der Historie, der klassischen und der zeitgenössischen Moderne. Wo sonst kann man, wie zur Zeit hier in New York, den Einfluss so eindrucksvoll erleben, der von Deutschland auf die bildende Kunst, auf Architektur, Tanz, Fotografie ausging, bevor die Nationalsozialisten ihren pompösen Kitsch zum Maßstab aller Dinge machten?

Beckmann aus Hohenlohe

Im MoMa drängt sich in der Ausstellung „A Revolutionary Impulse: The Rise of the Russian Avantgarde“ eine Parallele auf. Während in Deutschland die Nazis die Avantgarde aus dem Land trieben, erstickte in Moskau in den dreißiger Jahren unter Stalin die Diktatur des Sozialistischen Realismus die vielversprechende Moderne in allen ihren Ausdrucksformen.

Das Metropolitan zeigt Max Beckmann als visionären Maler des Untergangs der mondänen Welt, in der er unter Wohlhabenden und Gebildeten in Frankfurt am Main seinen Aufstieg machte, aus der er als von den Nationalsozialisten Verfemter nach Holland und dann in die USA emigrierte. Das Selbstbildnis, das im Mittelpunkt der Ausstellung steht, lässt in seinem distanzierten und skeptischen Blick die Zwiespältigkeit erahnen, in der Beckmann seine letzte Lebensstation New York erlebte. Beckmann malte dieses letzte seiner vielen Selbstporträts im Winter und Frühling 1950. Er starb am 27. Dezember 1950 an der Ecke Central Parkway West und 69ste Straße an einem Herzinfarkt, als er von seinem Studio in der Upper West Side durch den Central Park zum Metropolitan Museum gehen wollte, in dem das Bild ausgestellt wurde.

Die Kunstsammlung Würth aus Künzelsau hat zwei Werke zur Ausstellung beigetragen: den „Brillenladen“, den der Katalog in eine Beziehung zu Giorgio de Chiricos Surrealismus setzt, und „Quappi in Blau im Boot“. Quappi war die Frau Beckmanns. Die Ausstellung führt das ikonische Werk aus der Sammlung des Unternehmers aus Hohenlohe mit einer Reihe anderer Bilder Quappis zusammen, in denen Beckmann seine schöne Frau in gesellschaftlichem Kontext gemalt hat: als Vaudeville-Künstlerin mit einem Banjo, als Genießerin bei Austern und Champagner, als rätselhafte Schönheit in Grau, als elegante Luxusfrau, als freizügigen Blickfang in einer rätselhaft tumultuösen Badeszene.

Das Badebild entstand 1926, nur wenige Jahre nach der Stuttgarter Uraufführung von Oskar Schlemmers Triadischem Ballett. Jetzt begegnen wir beiden Werken in New York. Eine 1970 von der Bavaria-Film produzierte neue Einstudierung des für die Avantgarde im 20. Jahrhundert wegweisenden Zusammenspiels von Tanz, Design und zeitgenössischer Musik gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung „Dreamlands: Immersive Cinema and Art, 1905-2016“ im neuen Whitney-Museum. In der verwirrenden Vielfalt vom experimentellem Film aus den Anfängen der Celluloidzeit bis zu digitalen Unverständlichkeiten beweist das Triadische Ballett mit Farbenpracht, Poesie und spielerischer Bewegung im Verein mit Erich Ferstls von Hindemith adaptierter Musik, wie Avantgarde in zeitloser Faszination Beständigkeit erfährt.

Schlemmer und das Bauhaus

Schlemmer war ein Bauhaus-Protagonist, wie Josef Albers, der 1933 in die USA emigrierte und dort blieb. Am Bauhaus haben sich beide getroffen. Die Spuren davon sind bis heute sichtbar, auch im Film im Whitney in den geometrischen Figuren und deren Ausstattungen. Albers ist im MoMa mit einer Einzelausstellung seiner spät entdeckten Fotografien präsent („The Bauhaus Photocollages of Josef Albers“).

Dem deutschen Künstler Kai Althoff gibt das MoMa Raum für eine sein Ego ausbreitende Installation: . . . and leave me to the common swift (und dann überlasst mich den Mauerseglern) Ihm ist eine alle Ausdrucksformen und Rückgriffe auf Vorläufer nutzende Virtuosität eigen, die als Anknüpfung an die Neuerer der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts (miss-)verstanden werden kann. Auf vergleichbare Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Relevanz kann daraus nicht geschlossen werden, auch wenn das MoMa Althoff als einen der einflussreichsten zeitgenössischen Künstler Deutschlands preist.

Ein riesiger Gedankensprung führt zu einem nicht weit vom MoMa entfernten, weniger bekannten Ort. In der Morgan-Library begegnen wir dem Weltveränderer, der in der Reformation Politik, Religion und Kunst wie kein anderer Mensch vorher zusammenwirken ließ: Martin Luther. Dort sind ein zeitgenössischer Erstdruck der 95 Thesen, Briefe des Reformators und seiner kaiserlichen und päpstlichen Gegner, von ihm genutzte Gebets- und Gesangbücher, von ihm verfasste fromme Lieder, von ihm inspirierte sowie ihm gehörende Kunstwerke und das Original eines koffergroßen Eisenkastens zu sehen, in dem Ablassgelder gesammelt wurden.

Auf dem Heimweg durch den Luxus der Geschäftswelt Manhattans bleibt das Bild des schweren Eisenkastens als Metapher für die moderne Welt präsent, in der auch in der Weihnachtszeit offenbar alles am Geld hängt, zumindest in Manhattan. Wie selig kann Shopping die Menschen machen, die nicht mehr wissen, was ein Fegefeuer ist?

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22.12.2016, 06:00 Uhr

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