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Wir haben‘s halt gemacht

Querfeldein bringt neue Note ins kulturelle Leben der Stadt

Studenten leben in ihrer Freizeit nur im sozialen Netzwerk? Von wegen. Es müssen nur die richtigen Leute die richtigen Angebote machen. Dem Verein Querfeldein gelingt genau das, er lädt prominente Gäste aus Kunst, Kultur und Medien zum Gespräch dorthin, wo man sie sonst allenfalls in der Freizeit vermuten würde – in eine Kneipe. Und die ist immer ausverkauft.

02.12.2014
  • Peter Ertle

Tübingen. Der Rapper MC Fitti, die Journalisten Nils Minkmar, Jörg Armbruster oder Markus Feldenkirchen, Literaturkritiker Denis Scheck, Feminismus-Bloggerin Anne Wizorek oder Islam-Kritiker Hamed Abdel Samad – um nur einige Namen zu nennen – sie alle waren Gast des Vereins, der binnen kurzem zu einem der erstaunlichsten Phänomene der studentischen Szene Tübingens avancierte.

Querfeldein bringt neue Note ins kulturelle Leben der Stadt
Lesung mit dem Rap-Experten Marcus Staiger im Ribingurumu.

Wie alles begonnen hat? Maximilian Clar, Max Scherer und Franziska Stärk schauen sich an, dann sagt Franziska Stärk: „Ich glaube, das ist ein klassische Frage an Max.“ Und dann erzählt Max Scherer, wie sein Kommilitone Kevin Tiedgen damals das Buch vom Politwahlkampfstrategen Frank Stauss las und sie sich dachten, Mensch, den einzuladen, das wäre was. „Also machten wir Schnick Schnack Schnuck wer bei der Agentur anruft. Und das bin ich gewesen.“

Da gab es noch keinen Verein? Nein, sagt Max Scherer, es gab auch keinen Raum und keine Finanzierung, nichts. So richtig klar wurde ihnen das erst, als Stauss im Sommer 2013 überraschenderweise sofort zusagte. „Stauss sagte, wow, junge Leute lesen mein Buch, das ist ja toll, ich komme, in drei Wochen.“

Und dann?

„Dann habe ich aufgelegt und gedacht: Was jetzt? Es war doch nur eine Spaßidee gewesen.“ Rasch organisierten sie den Löwen als Raum. Clever wurde ein weiterer Vortrag von Stauss an der Uni eingefädelt, so rentierte es sich für Stauss, und so beteiligte sich die Uni etwas an den Kosten der von sich selbst überrumpelten Veranstalter. Das Modell haben sie später wiederholt. Vor allem Bernhard Pörksen von den Medienwissenschaftlern war hier sehr entgegenkommend, beziehungsweise er profitierte ja auch davon. Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen, FAZ-Kulturchef Nils Minkmar, ARD-Reporter Jörg Armbruster waren untertags bei den Medienwissenschaftlern, abends in der Kneipe, eine lohnende Kooperation.

Am Abend nach der Veranstaltung mit Frank Stauss kamen viele Studenten auf Max Scherer und Kevin Tiedgen zu. Sie sagten, dass es toll war, dass sie weitermachen müssten und dass sie gerne mitmachen würden. Rasch waren sie zu siebt. „Mit sieben kann man einen Verein gründen“, sagt Maximilian Clar.

Warum gab es so was wie Querfeldein denn nicht schon früher, haben sie da eine Erklärung? „Überlegt haben sich das sicher schon viele, aber wir haben’s halt gemacht“, sagt Max Scherer und fügt hinzu: „Oder wie Max Weber sagt: ‚Der Einfall ersetzt die Arbeit nicht.‘“ Max Scherer studiert Soziologie. Und Max Weber ist neben Maximilian Clar und Max Scherer nun schon der dritte Max am Tisch.

„Uns hat von Anfang an was gefehlt in Tübingen“, erklärt Max Scherer und erzählt von steifen Uni-Veranstaltungen und bildungsbürgerlich am Wein nippenden Zuhörern bei Lesungen in Buchhandlungen. Dazwischen? Nada. Fehlanzeige.

Aber ist das jetzt, bei den Querfeldein-Lesungen nicht genau andersrum? Ist das Ribingurumu nicht eine Hemmschwelle für Ältere? Doch, lachen sie und berichten von älteren Leuten, die sich erst mal vor der Kneipe herumdrücken, dann hinein gehen und sich betont lässig an die Theke stellen, als wären sie hier Stammgast – dann aber etwas verunsichert fragen, ob es denn in Ordnung wäre, wenn sie auch eine Karte bekämen. „Ob es in Ordnung wäre? Wir sagen natürlich, klar, jeder ist uns willkommen“, sagt Max Scherer. Das studentische Publikum wird nur insofern bevorzugt, als am Donnerstag vor Veranstaltungen in der Kneipe, also fürs hauptsächlich studentische Stammpublikum, bereits eine Kartenausgabe stattfindet.

So ist das jetzt. Aber wie war das damals, zu Beginn, nach der Lesung von Frank Stauss?

„Da gingen wir erst mal Kneipe für Kneipe ab und schauten, was passt.“ Denn der Löwen mit seiner Bühne sah ihnen noch zu sehr nach Frontalunterricht aus. Sie wollten Wohnzimmeratmosphäre. Das Ribingurumu gefiel ihnen. Und dem Wirt gefiel ihre Idee.

„Ja und dann kam eins zum anderen“, sagt Maximilian Clar, „Homepage bauen, Logo, Sponsoren, Verein gründen, Namen finden.“

Mit dem Namen sind sie sehr zufrieden. „Querfeldein heißt: Wir sind thematisch nicht festgelegt, die einzige Bedingung ist ein interessanter Gast.“ In Zukunft wollen sie noch breiter werden. Es darf auch mal ein Sportler sein. „Ich fänd’s schön, mal einen Regisseur einzuladen und mit ihm einen Film anzuschauen“, sagt Franziska Stärk. Dass nicht jeder Abend gleich ist, dass es neben dem Gespräch andere, genau auf das Profil des Gastes zugeschnittene Ebenen gibt, ist ihnen wichtig. Ein Rapper darf natürlich auch rappen. Mit Denis Scheck machten sie eine literarische Tour-d’horizon. Schriftsteller haben einen kleinen Lesepart. Bei Pierre M. Krause, der nächsten Montag kommt, werden sie während des Gesprächs kleine Sketche einbauen.

Querfeldein bringt neue Note ins kulturelle Leben der Stadt
Sind die jung! Drei der Querfeldein-Macher, von links: Maximilian Clar, Franziska Stärk, Max Scherer.

Max Scherer sagt: „Das läuft manchmal so, dass der eine den anderen anruft und sagt: Mach mal den Fernseher an, da ist grad ein total interessanter Gast in einer Talkshow, sollten wir den nicht auch haben?“ „Zur WM“, erzählt er, „hatten wir die Idee, Mario Basler oder Lothar Matthäus einzuladen und mit ihnen ein WM-Spiel anzuschauen. Aber die waren alle in Brasilien.“

Achtzig Namen an potentiellen zukünftigen Gästen standen noch vor Kurzem auf ihrer Liste, inzwischen wurde zur Shortlist ausgedünnt.

Die Stadtwerke, die Kreissparkasse, die Kulturförderung der Stadt sind mittlerweile ihre wichtigsten Sponsoren, jüngst wurden ihnen beim Stura, der verfassten Studierendenschaft beantragte 200 Euro nicht bewilligt (inzwischen unterstützt er sie), der kommerzielle Kneipen-Betreiber als Ort und die Rauchgenehmigung waren nicht genehm. Maxilmilian Clar geht davon aus, dass das in Zukunft ausgeräumt ist. So viel zu den Finanzen. Viel Geld haben sie trotzdem nicht, zum Beispiel fehlen Eintrittsgelder. „Eintritt frei – das ist einer unserer Grundsätze“, sagt Maximilian Clar.

Wäre ein symbolischer Obulus von vier, fünf Euro nicht o.k., wird Kostenloses nicht oft gering geschätzt?

Nein, da lassen sie nicht mit sich reden, in den Ruch von Geschäftemachern wollen sie nicht kommen, wobei, das Argument mit der Geringschätzung, sie nicken, da haben sie schon so ihre Erfahrungen gemacht. „Es gibt Leute, die kommen auf einen zu und meckern gleich los, warum hier denn geraucht werde“, ist Maximilian Clar aufgefallen. Denen würde er gerne sagen, dass ihr Satz anders lauten muss, zum Beispiel so: „Danke, dass ihr mich eingeladen habt, danke, dass ihr euch ehrenamtlich engagiert, ich würde außerdem gerne bei euch mitmachen und jetzt hätte ich noch einen Vorschlag: wollt ihr nicht das Rauchverbot einführen?“

(Großes Gelächter am Tisch).

Und wie schaffen sie es, so prominente Gäste zu bekommen? „Wir bekommen auch Absagen, so ist es nicht,“ sagt Franziska Stärk, „aber ich glaube, wer kommt, macht es wirklich aus Überzeugung, weil er unseren Ansatz gut findet“. Viele gehen mit ihrer Gagenvorstellung sehr weit runter, übernehmen einen Teil der Kosten selbst.

Die Welt ist also doch noch ein bisschen gut.

Und je größer und prominenter ihre Gästeliste wird, desto größere Chancen haben sie bei künftigen Anfragen.

Wie Maximilian Clar studiert auch Franziska Stärk Politik und Rhetorik. Sie führte damals das Gespräch mit dem Journalisten Jörg Armbruster. „Was ich da durch die Moderation gelernt habe, diese Möglichkeit kriegst du im Studium nicht“, weiß sie. Ließe sich so was nicht ans Studium anbinden, fürs Studium anrechnen? „Also wenn ich mir vorstelle, dass zu uns Leute kommen, die es nur deswegen machen wollen, da bekäme ich persönlich Magenprobleme.“ Maximilian Clar und Max Scherer wollen nicht, dass Franziska Magenprobleme bekommt. Also: abgelehnt. Kein Wunder, bei dem Erfolg: Querfeldein expandiert. Das Konzept gibt es inzwischen auch in Heidelberg, Leipzig, Stuttgart. „Unser Fernziel ist eine Tour mit einem kleinen Reisebus, ein Gast für alle vier Orte hintereinander“, sagt Max Scherer. Werden sie allmählich etwas übermütig? Schon. Aber ohne Übermut gäbe es Querfeldein nicht.

35 Vereinsmitglieder sind es heute, die richtig Aktiven weniger, wie bei jedem Verein. 5 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr, auch das ist wenig. Die Aufgaben für die Mitglieder sind verteilt, aber niemand muss für immer in der Bookinggruppe oder der Konzeptgruppe oder der Gruppe Veranstaltunsgtechnik bleiben, man kann wechseln, vor allem kann man sich für bestimmte Gäste stark machen und sich als Moderator bewerben. Auch das ist ihnen wichtig .

Querfeldein bringt neue Note ins kulturelle Leben der Stadt
Am Montag, 8. Dezember, um 20.15 Uhr kommt Fernsehmoderator Pierre M. Krause ins Ribingurumu, Wilhelmstraße. Kartenausgabe am Donnerstagabend in der Kneipe.

Jeden Montag um 20 Uhr treffen sie sich im Verfügungsgebäude Wilhemstraße 19 gegenüber dem Irish Pub. Maximilian Clar sagt: „Wir freuen uns immer über neue Gesichter.“ Und das ist ernst gemeint.

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02.12.2014, 12:00 Uhr

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