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1000 Kilometer für Robert Piat

Radler fuhren von Arcis-sur-Aube in die Partnergemeinde Gomaringen

Im Schwarzwald lag Schnee. Drei Berge mussten sie überwinden, 240 Kilometer Strecke pro Tag, im Schwarzwald lag noch Schnee. Dennoch wirkten die zehn Radfahrer aus Arcis-sur-Aube ganz ausgeruht, als sie gestern Morgen zum Empfang ins Gomaringer Rathaus kamen.

20.05.2012
  • Gabi Schweizer

Gomaringen. Rote Trikots, Helme, Schuhe, die beim Gehen klacken, dünne Reifchen, die besser nicht auf eine Schotterpiste geraten sollten: Es waren geübte Radfahrer, die am Donnerstagabend Gomaringen erreichten. Zehn Männer, 38 bis 62 Jahre alt. Und zwei Frauen. Auf vier Rädern. „Zu weit, zu anstrengend“ hätte Marie-Claude Royer die Fahrt „en vélo“ gefunden. So transportierten sie und Odile Ebrignetti das Gepäck, die Wasserflaschen, den Proviant. Hätten die Sportler alles selbst schleppen müssen, hätten sie es wohl nicht in zwei Tagen von Arcis-sur-Aube in der Champagne ins schwäbische Gomaringen geschafft, die Partnergemeinde.

Dort kredenzte die Rathaus-Crew am Freitagmorgen Kaffee, Saft und Brezeln. Die Gaben aus Frankreich waren ebenfalls landestypisch: Drei Kisten Champagnerflaschen hatten die 480 Kilometer lange Reise mitgemacht. Nur: Wem sollte Patrick Finck sie denn nun übergeben?

Der Vorsitzende des französischen Radfahrervereins schwankte (nur im übertragenen Sinne) zwischen Geo Pflumm (Bürgermeister-Stellvertreter), Steffen Heß (noch Hauptamtsleiter, bald neuer Bürgermeister) und Thomas Steimle, dem Vorsitzenden des Gomaringer Radfahrervereins, der den Besuch mitorganisiert hatte. Schließlich nahm Pflumm – zögernd – die Gaben in Empfang – und reichte sie gleich an die Rathaus-Mitarbeiterinnen weiter. Bürgermeister Manfred Schmiderer hatte sich wegen eines Termins entschuldigen lassen.

Himmelfahrt ist auch in Frankreich ein Feiertag und eine gute Gelegenheit, das Wochenende zu verlängern. Die meisten Leute begnügen sich mit einem Spaziergang (wahlweise mit oder ohne Bier) sowie, im Gomaringer Fall, mit einer Partie Boßeln. Man kann Himmelfahrt aber auch zum Anlass nehmen, um auf 480 Kilometern ein paar Höhen und Tiefen zu übewinden. Pardon, am Donnerstag waren es ja „nur“ 240, die restlichen 244 waren am Mittwoch dran. Vogesen, Rhein und Schwarzwald liegen zwischen Arcis-sur-Aube und Gomaringen. War’s anstrengend? Eine blöde Frage, sollte man meinen. Aber Stephane Girardot, mit 38 der Jüngste, sieht es sportlich: „Ich fahre Rennen.“ Na dann.

Piat: Freundschaft über Gräbern

Nur eine Frau kam im Radler-Outfit aufs Rathaus, nämlich Margrit Brenzel, Trainerin im Bikepark. Den wollten die Freunde aus Arcis natürlich sehen. In ihrem eigenen Verein gibt es kaum Frauen, die Radsport treiben. Beziehungsweise, präzisiert Radler Jean-Paul Gil, die einzige Radsportlerin sei schon zu alt für eine solche Tour. 84 Jahre zähle sie. „Und fährt im Jahr 2000 Kilometer.“ Aber eben keine 484 am Stück. Genau genommen sind es sogar doppelt so viele, heute brechen die französischen Freunde wieder auf, am Sonntagabend wollen sie in Arcis ankommen.

Arcis-sur-Aube liegt etwa 40 Kilometer von Troyes entfernt, einem Städtchen, das bekannt ist für seine hübschen Fachwerkhäuser im Zentrum. Fürs Übersetzen haben die Gomaringer einen Profi, der nicht nur die Sprache, sondern auf die Gegend kennt: Georg Löffler war viele Jahre Französischlehrer und hat eine Zeitlang in Troyes gearbeitet.

Die Fahrt hat einen ernsten Hintergrund: Im vergangenen Jahr ist Robert Piat gestorben, ehemaliger Bürgermeister von Arcis-sur-Aube und Initiator der Partnerschaft – mit der Fahrt wollen die Radfahrer ihn ehren.

Piat, Jahrgang 1922, war 1943 in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und musste Zwangsarbeit leisten. Die Nazis kommandierten ihn nach Emden ab, wo er, als Kenner beider Sprachen, in einer Firma übersetzen musste, die Kriegsschiffe baute. „1945 kehrte er ohne jeden Groll nach Frankreich zurück“, berichtete Finck voller Anerkennung. Mit Touristen habe Piat sich immer gerne unterhalten.

1971 reisten Jugendliche des CVJM in die Champagne, um Kriegsgräber zu pflegen. Robert Piat hieß sie herzlich willkommen und traf bei der Gelegenheit auch den ehemaligen Gomaringer Bürgermeister Heinz Raff, dessen Kinder zu der CVJM-Gruppe gehörten. Am 2. Mai 1976 unterzeichneten die beiden Rathauschefs die Partnerschaftsurkunde: „Das war der Tag der Befreiung von Arcis“, erzählte Finck. Diesen Tag zu wählen habe durchaus „Wagemut“ erfordert. Ein schöner Zufall: Auch der französische Radfahrerverein wurde im Jahr 1976 gegründet.

Inzwischen gedeiht auf dem Rathausplatz von Arcis-sur-Aube eine Linde aus Gomaringen, als Bild der Gemeinschaft. Sie hat sich, so versicherte Finck, „wunderbar an das Klima in Arcis gewöhnt.“

Radler fuhren von Arcis-sur-Aube in die Partnergemeinde Gomaringen
Gut gelaunt nach fast 500 Kilometern: die Radsportler aus Arcis-sur-Aube. Bild: Franke

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20.05.2012, 12:00 Uhr

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