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Genossenschaftsbanken

Raiffeisens Modell war nie so aktuell und gefragt wie heute

Fast vier Millionen Mitglieder in Baden-Württemberg bedeuten Rekord. Dank guter Konjunktur sind die Niedrigzinsen zu verkraften.

02.03.2018

Von HELMUT SCHNEIDER

Stuttgart. Vor 200 Jahren ist Friedrich Wilhelm Raiffeisen geboren, der Mann, der das genossenschaftliche Modell („Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele“) schuf. Die Volks- und Raiffeisenbanken werden ihren Gründungsvater in einer Reihe von Veranstaltungen ehren, natürlich auch in Baden-Württemberg. Verbandspräsident Roman Glaser wird dabei herausstreichen, was er gestern bei der Bilanz der 180 genossenschaftlichen Banken im Land betonte: Nie war Raiffeisens Idee aktueller als heute.

Die Zahlen belegen es: 3,75?Mio. Menschen in Baden-Württemberg sind Mitglied, 22?000 mehr als ein Jahr zuvor und so viele wie noch nie. Seit dem Ausbruch der Finanz- und Schuldenkrise vor knapp zehn Jahren ist die Zahl ständig und deutlich gestiegen, für Glaser ein Ausdruck des Vertrauens in die Solidität und Sicherheit der Genossenschaftsbanken.

Auch mit dem übrigen Zahlenwerk ist man zufrieden: Bilanzvolumen, Kredite an die Unternehmen und an die Privaten, Einlagen der Kunden, Betriebsergebnis nach Risikovororge und Jahresüberschuss – überall deutliche Zuwächse. Nur das Zinsergebnis ist leicht rückläufig. Und dass unter dem Strich ein um 18?Prozent höherer Gewinn steht, hat auch viel mit einer allgemein guten Konjunktur zu tun, in der weniger Kredite ausfallen als in unsicheren Zeiten.

Heile Welt im Volksbanken-Lager? Keineswegs. Darauf gibt der sinkende Zinsertrag einen Hinweis. Er hängt mit der von der Europäischen Zentralbank verordneten Niedrigzinspolitik zusammen. Die stößt bei den Genossen auf immer schärfere Ablehnung, je länger sie anhält. „Was wir hier sehen ist eine Enteignung unserer Kunden“, sagt der Verbandschef. Die sonst übliche Frage danach, wie lange die Null-Zinsen noch anhalten werden, wurde gestern erst gar nicht gestellt.

Umso erstaunlicher, dass die Kundeneinlagen weiter gestiegen sind; 70 Prozent davon ist täglich fälliges Geld, das nach Abzug der Inflation an Wert verliert (deshalb der Begriff „Enteignung“). Es zeigt wiederum, dass die Leute sich nicht lange binden wollen. „Die Sparer halten das Pulver trocken“, sagt Glaser, damit sie schnell umschichten können, falls die Zinsen wieder steigen sollten.

Ähnlich wie die öffentlich-rechtlich und damit politisch strukturierten Sparkassen, sehen sich die Geno-Banken in der jeweiligen Region verortet und ihr auch verpflichtet. Das zeigt sich darin, dass man sozusagen mittendrin in der Fläche mit Filialen vertreten sein möchte, gleichzeitig aber auch nicht kostendeckende Einrichtungen schließt beziehungsweise eigenständige Banken fusioniert. 180 davon gibt es aktuell, Glaser rechnet damit, dass es in einem Jahr wieder ein Dutzend weniger sein werden.

Damit einher geht ein leichter Abbau des Personals – im Verwaltungsbereich werde sich das tendenziell fortsetzen, während die Kundenberatung eher ausgebaut werden dürfte. Eine Ertragsquelle tut sich dabei aber nicht auf. Denn das Honorar-Modell ist für die Volksbanken und ihre Kundschaft kaum vorstellbar.

Negativzinsen für deren Einlagen sind es eigentlich auch nicht. Zumindest kennt der Präsident keinen einzigen Fall, dass jemand für 100?000?EUR Anlage draufzahlt. Eine Garantie für alle Zeiten will Roman Glaser aber lieber nicht geben.

Umso eindeutiger ist seine Haltung zur europäischen Einlagensicherung. Die Genossen sind sich da nicht nur mit den Kollegen von den Sparkassen, sondern auch mit der Wirtschaft im Land einig: Keine gemeinsame Haftung im Insolvenzfall. Und auch keine einheitliche Regulierungsvorgaben. Denn dies verstoße gegen das Gebot der Subsidiarität – und damit gegen ein Grundprinzip von Friedrich Wilhelm Raiffeisen.

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Erstellt:
2. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. März 2018, 06:00 Uhr

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