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Die unerträgliche Idylle im Paradies

Rap gegen Rechts und Antilopengang am Freitag im franz.K

Ihr Titel „Beate Zschäpe hört U2“ hat der Antilopengang zu einiger Bekanntheit verholfen. Der Band droht eine Unterlassungsklage. Im TAGBLATT-Interview spricht Daniel Pongartz alias Danger Dan über das Paradies, Klick-Zahlen und über rappende Neonazis.

18.12.2014
  • Interview: Madeleine Wegner

TAGBLATT: Beate Zschäpe als Fan einer irischen Rockband – wie seid ihr auf die Idee gekommen?

DANIEL PONGRATZ: Koljah hatte im Fernsehen gesehen, dass bei der Hausdurchsuchung von Beate Zschäpe U2-Platten gefunden wurden. Es ist also gar nicht mal von uns erfunden, dass sie auch U2 hörte. Und das war für uns einfach ein schönes Bild: Die Frau hört nicht die ganze Zeit nur Death Metal oder Rechtsrock, wie man sich das vielleicht vorstellt, sondern sie hat auch ein ganz normales Gesicht und sie hatte ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft.

Der Titel hat euch einige Aufmerksamkeit beschert …

Rap gegen Rechts und Antilopengang am Freitag im franz.K
Von wegen Fluchttiere: Koljah, Panik Panzer und Danger Dan. Zusammen sind sie die Antilopengang.

Die Klick-Statistik im Internet hat uns gezeigt: Wir hatten noch nie soviel Aufmerksamkeit wie nach der Veröffentlichung dieses Liedes. Das Video hat sich schneller viral verbreitet als jedes andere, das wir jemals gemacht haben. Aber wir sind damit, glaube ich, auch viel angeeckt. Die Aufmerksamkeit war nicht überwiegend eine positive, es hat eher einen Shitstorm gegeben. Viele fühlten sich auf den Schlips getreten, das sieht man ja auch an den Kommentaren unter dem Youtube-Video.

Ein Rapper, der manchen als erster ernstzunehmender Neonazi-Rapper gilt, und den ihr in eurem Lied nennt, hat sich mit einem Disstrack zu Wort gemeldet…

Auffallend ist, dass er versucht hat, das anschlussfähig zu machen an die neue rechte Montagsdemo-Bewegung: Das ist kein typisches Nazi-Lied von ihm, in denen seine neonationalistische Einstellung sonst deutlicher im Vordergrund steht. In dem Diss fährt er nicht die ganz scharfen Geschütze auf, sondern versucht anschlussfähig zu bleiben und mit Leuten in Koalition zu gehen. Vielleicht fällt jemand darauf rein. Es kann ja sein, dass Leute da einfach reinhören und gar nicht checken, dass sie es mit einem überzeugten Neonazi zu tun haben.

Neonazis haben oft Symbole und Dresscodes von Subkulturen adaptiert und umgedeutet. Tun sie das mittlerweile also auch mit Teilen der Hip-Hop-Kultur?

Ja, es war immer schon eine Strategie von denen, andere Subkulturen zu unterwandern und umzukehren. Das klassische alte Bild von der Kameradschaft mit Bomberjacke und Glatze ist längst überholt. Da hätte auch kein Hip-Hopper reingepasst. Aber heute adaptieren sie das nicht nur, sondern es gibt auch Nazi-Rapper.

Der ehemalige RBB-Moderator, den ihr in „Beate Zschäpe hört U2“ nennt, hat ebenfalls reagiert – allerdings über seinen Anwalt.

Ja, die Reaktion von Ken Jebsen war der Gipfel der Aufmerksamkeit.

Wie ist denn der aktuelle Stand mit der Unterlassungsklage?

Im Moment heißt es immer noch abwarten und gucken, was passiert. Dann müssen wir weiter entscheiden, wie wir uns verhalten.

Die Klage war doch aber auch ganz gute Promotion: Mehrere Konzerte auf eurer aktuellen Tour sind ausverkauft.

Für uns war das gute Promotion, es war aber nicht so angelegt. Wir haben jetzt nicht gedacht: Geil, wir machen jetzt irgendein Lied, das möglichst ’ne fette Promotion werden soll. Aber es hat sich zu einer sehr guten Promotion entwickelt.

Und „Aversion“ ist euer erstes Album auf CD, oder?

Zumindest das erste auf einem Label, ja. Unsere ersten Alben gab es zum freien Download, die haben wir auch auf CD vertrieben, allerdings war das am Anfang alles handgemacht. Wir haben sogar die Farbe für die Siebdruckmaschine selbst angerührt, um die CD zu bedrucken.

Ein bisschen handgemacht ist das aktuelle Album immer noch. Ihr habt es in der Wohnung von Koljah aufgenommen, oder?

Wir haben es in drei verschiedenen Privatwohnungen aufgenommen. Aber die kompletten Gesangsaufnahmen sind alle in Düsseldorf beim Koljah im Kleiderschrank entstanden.

Das war hoffentlich ein begehbarer Kleiderschrank…

Ja genau, zum Glück. Wobei da auch nicht so viel Platz war: Zu dem Zeitpunkt haben wir damals immer noch alles selbst vertrieben. Die ganze Wohnung war ein einziges Lager mit Paletten voll von CDs, Kartons mit T-Shirts, Beuteln und Briefumschläge. Uns ist das ganze Selbst-Vertreiben über den Kopf gewachsen. Irgendwann hätten wir uns eine Lagerhalle mieten müssen.

Habt ihr euch deshalb für ein Label entschieden?

Das Label kam genau im richtigen Moment auf uns zu. Aber wären sie zehn Jahre früher gekommen, hätten wir das auch gemacht.

Ist der klassische CD-Vertrieb immer noch der ideale Weg oder wird das künftig nur noch per Internet und Download laufen?

Ich weiß es nicht genau. Aber ich kann sagen: Wir haben uns mit unseren CDs immer sehr viel Mühe gegeben – wir sind ja nicht nur Komponisten der Musik und Interpreten, sondern wir haben auch die Artworks und die Grafiken selbst gemacht und haben dabei immer ein Konzept verfolgt. Dann ist es natürlich auch schön, so eine CD in Händen zu halten. Und ich glaube, dass das nie komplett wegfallen wird.

Wie hörst du Musik?

Ich selbst konsumiere Musik überwiegend über Streamingportale und kaufe mir ganz gezielt Dinge von Bands, die ich halt cool finde, die ich supporten will oder die ich gerade live gesehen habe. Dann kaufe ich mir auch so sperrige Dinge wie Schallplatten, weil ich‘s einfach schön finde. Aber einfach zum Stöbern und Reinhören ist Streaming natürlich schön und darauf möchte ich auch gar nicht verzichten. Und das wird auch in Zukunft sicher noch viel intensiver angeboten werden.

Habt ihr auch das Bild zum aktuellen Album selbst gemacht?

Rap gegen Rechts und Antilopengang am Freitag im franz.K

Wir haben das zumindest selbst konzipiert. Die Umsetzung hat eine befreundete Illustratorin übernommen. Uns war klar, dass wir den Titel „Aversion“ haben wollten. Aber wir wollten nicht klassisch etwas nehmen, wogegen man Aversionen hat. Also haben wir versucht, das Schöne so zu überspitzen, dass es schon wieder hässlich wird. Zuerst sind uns da Adolf Hitlers Landschaftsbilder eingefallen. Die eigentlich eine totale Idylle darstellen, aber wenn man weiß, wer sie gemalt hat, wirken sie noch hässlicher. Seine Vorstellung von der heilen Welt: Menschenleer und ruhig und schief sind die Bilder. Aber die Idee war uns dann doch zu plump.

Welche Bedeutung hat die Frakturschrift auf dem Album-Cover?

Die Fakturschrift finden wir nicht hässlich. Panik Panzer hat ja Typografie gelernt und er ist ein großer Fan von Fakturschrift, er sogar einige Buchstaben neu entwickelt in dem Stil. Man verknüpft die Schriftart ja immer mit Nazis oder altdeutscher Schrift. Tatsächlich war sie aber im Dritten Reich verboten. Auf dem Cover steht die Schrift im Kontrast zu dieser anderen Welt, die so rund und glatt ist.

Und wie seid ihr nun auf die Vorgarten- und Zoo-Idylle gekommen?

Irgendwann haben wir Paradiesvorstellungen der Zeugen Jehovas gefunden, also das, was sie als schön empfinden. Und uns ist aufgefallen, wie unglaublich hässlich das ist. Wir haben Figuren aus diesen Paradiesvorstellungen direkt übernommen. Menschen die mit Raubtieren kuscheln, alle lächeln und sind glücklich.

Klingt gruselig.

Das ist diese Art von Idylle wie in manchen Bilderbuch-Dörfern: Die sind so gruselig perfekt und idyllisch, da würde ich mich niemals reintrauen.

Ich glaube, die Gefahr besteht in Reutlingen nicht.

Ich war ja schon mit verschiedenen Bands in Reutlingen. Die Antilopengang hat auch eine Verbindung zu Reutlingen: Eine Szene im Video zum Diss an Prinz Pi ist dort gedreht.

Vielleicht ein kleiner Ausblick aufs Konzert am Freitag?

Unsere Konzerte auf der Tour bislang waren emotionale Achterbahnfahrten.

Warum?

Wir haben sehr traurige Balladen, die wir mit Klavier begleiten, dann haben wir wieder ganz lustige Momente und klassischen ironischen HipHop, aber auch richtig starke Punk-Einlagen. Bis jetzt hat‘s auf jedem Konzert Verletzungen gegeben beim Pogo und beim Stage-Diven. Es ist immer einer aus dem Publikum im Liegen nach Hause gekommen. Das wird wahrscheinlich in Reutlingen auch so sein: Dass wir die Feuerzeuge hoch halten und uns die Tränen über die Wangen kullern, aber es sind auch Blessuren und blaue Flecken vorprogrammiert.

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18.12.2014, 12:00 Uhr

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