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Wo der Einkauf mehr zählt als Ware und Geld

Rasthaus und Kleiderkammer in der Stadtlanggasse

Seit Juni ist das Rottenburger Rasthaus schon offen, kommenden Dienstag wird die Notunterkunft offiziell eingeweiht. In dem Unterschlupf und in der benachbarten Kleiderkammer herrscht schon reges Treiben.

15.09.2012
  • Martin Zimmermann

Rottenburg. Eine junge Frau steht mit einer Plastiktüte voller Habseligkeiten vor dem Rasthaus in der Stadtlanggasse. Sie ist bereits der siebte Gast, seit das Haus im Juni erstmals öffnete. Nach einem kurzen Gespräch erzählt Elke Mildner: „Sie ist bei ihrem Freund rausgeflogen. Aber sie hat Arbeit, wird wohl in einigen Tagen wieder auf eigenen Beinen stehen.“

Das ist nicht immer so. „Nicht allen kann man helfen“, sagt Mildner. Die Leute kämen entweder vom Ordnungsamt oder sie stünden einfach vor der Tür. Einige sind rückfällige Säufer, die aus Mildners therapeutischer Wohngemeinschaft Oase rausgeflogen sind. „Für die gibt es zwei Möglichkeiten: Entzugstherapie oder Absturz in einer der städtischen Sozialwohnungen. Die Nacht durchsaufen und tagsüber im Bett bleiben gibt es im Rasthaus nicht.“

Im Erdgeschoss des Hauses in der Stadtlanggasse sollen künftig auch Beratungsgespräche stattfinden. Nebenan in der Kleiderkammer geht es inzwischen zu wie in einem Taubenschlag. Eine Nachbarin bringt aussortierte Kleider, gewaschen und gebügelt. Vieles aber kommt in Säcken, muss von Karin Storz und ihrem Mann Raffaele Tiboni sortiert und zusammengelegt werden, bevor es von den Oase-Bewohnern nach oben gebracht wird.

Dort sind die Räume eingerichtet wie in einer Boutique. Es gibt eine Umkleidekabine, Schuhregale und Kleiderschränke. Frauen- und Männerkleider sind getrennt sortiert. Es gibt sogar Krawatten.

Ein Mann aus Ghana kauft Kleider für seine Familie. Manfred Maile aus der Oase kassiert ein bis zwei Euro pro Teil. „Wir simulieren Verkauf. Was nichts kostet, hat keinen Wert“, sagt Milder. Einst sei da nur ein Sparschwein gestanden, in das kaum einer eine Spende eingeworfen hätte. „Früher kamen professionelle Händler, die tütenweise die besten Sachen abgeholt haben, um sie auf dem Flohmarkt zu verkaufen“, erzählt Karin Storz.

Die Krankenschwester, die die Kleiderkammer ehrenamtlich organisiert, hat gelernt durchzugreifen. Wer sich nicht benimmt, der bekommt vier Wochen Hausverbot. Von den rumänischen Bettlern und Straßenkünstlern etwa darf derzeit nur einer kommen. Diese, erzählt sie, würden in Autos auf dem Schadenweiler Parkplatz schlafen. Weil sie dort ihre Kleider nicht waschen können, kommen sie in die Kleiderkammer. „Sie haben alles durchgewühlt, sich umgezogen und die stinkenden, alten Kleider zurückgelassen.“

Storz ist durch eine „dickköpfige Greisin“ zum ersten Mal mit der Kleiderkammer in Kontakt gekommen. „Jedes Mal, wenn ich mit meiner 90-jährigen Schwiegermutter einkaufen war, meinte sie ’Das ist hier so teuer, da schau ich lieber, was ich noch daheim habe‘“. Irgendwann reichte es Storz. Sie ging mit der Greisin in die Kleiderkammer, um einzukaufen und blieb, um als Ehrenamtliche zu helfen. „Am meisten Spaß macht es mir, wenn ich das Zeug sortiere und mir dabei schon überlege, wem das Teil stehen könnte“, sagt Storz. „Die Stammkundschaft kennt man ja bereits.“

Im Eingangsraum hat Manfred Maile Kaffee gekocht, denn die Kleiderkammer ist auch ein Treffpunkt. Hier geht es nicht nur um Mode, sondern auch darum dazuzugehören, einen Platz und eine Aufgabe zu haben. Diese Aufgabe kann auch Trauerarbeit sein, wenn Witwen die Kleider der verstorbenen Ehepartner bringen.

Info Das Einweihungsfest von Rasthaus und Kleiderkammer (Stadtlanggasse 46) beginnt am Dienstag, 18. September, um 19 Uhr.

Rasthaus und Kleiderkammer in der Stadtlanggasse
Auch Dunja Baumgartner arbeitet in der Kleiderkammer. Hinten im Regal liegen die sortierten Klamotten. Bild: Zimmermann

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15.09.2012, 12:00 Uhr

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