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So ist das Gebäude gewollt

Rat beschloss Bebauungsplanänderung für Siebenlinden III

Ökologisch und politisch motiviert waren die Gegenstimmen zur Bebauungsplanänderung „Siebenlinden III“. Mit großer Mehrheit schuf das Gremium trotzdem die Voraussetzungen für den Neubau des Kopp-Verlags.

05.07.2012
  • Gert Fleischer

Rottenburg. Es wird schon seit einigen Wochen gebaut in „Siebenlinden III“. Wie berichtet hat der Rottenburger Kopp-Verlag das gesamte 5,4 Hektar große Gewerbegebiet gekauft, für das es seit elf Jahren einen rechtskräftigen Bebauungsplan gab. Der musste allerdings, auch weil er sehr speziell gefasst war, in etlichen Punkten geändert werden. Nachdem die einstigen Hoffnungen, in „Siebenlinden III“ einen locker bebauten Technologie-Park mit Ausgründungen aus der Tübinger Universität anzusiedeln, zerstoben, war die Ratsmehrheit zur Änderung bereit.

Weil es diesen Bebauungsplan gab, zählte das unbebaute Gelände am Stadtrand als Innenbereich. Also konnte die Stadt das beschleunigte Verfahren wählen, wie Stadtplanungsamtsleiterin Angelika Garthe erklärte. Sie habe das Vorgehen vom Ministerium prüfen lassen.

Zu den Änderungen gehört eine Nachverdichtung. Die Grundflächenzahl wurde von 0,4 auf 0,6 erhöht: Statt 40 Prozent dürfen nun 60 Prozent der Bodenfläche überbaut werden. Weil das Areal im Wasserschutzgebiet liegt, musste es mit unbelasteter Erde aufgeschüttet werden, um die Deckschicht überm Grundwasser zu erhöhen. Dafür erwarb der Kopp-Verlag einen Teil des Erdreichs, das bei der Erweiterung der Firma Bitzer in „Ergenzingen-Ost“ abgetragen wurde. Dem Wasserschutz dienen unter anderem auch doppelwandige Abwasserleitungen mit Leckage-Warnsystem. Das ist der Ammertal-Schönbuch-Gruppe wichtig, die dort Trinkwasser fördert.

Der Gemeinderat hatte am Dienstagabend verschiedene Einwände abzuwägen, soweit sie nicht von der Stadtverwaltung bereits in die Festsetzungen des Bebauungsplans übernommen worden waren. Der Landesnaturschutzverband hat massive Bedenken und berief sich auf das novellierte Bundesnaturschutzgesetz. Es gebe in diesem Gebiet ein Revier der stark gefährdeten Grauammer. Auch Feldlerchen, Fledermäuse, Zauneidechse, Rebhuhn und die Dicke Trespe (ein Gras) seien in Gefahr.

Die Stadt gab eine artenschutzrechtliche Prüfung in Auftrag. In Abstimmung mit Landratsamt und Regierungspräsidium werden Ausgleichsflächen angelegt, in denen die Tiere ihr Brutrevier anlegen können. Dazu gehören Brachflächen mit einer bestimmten Flora. Auch für Sitzwarten muss gesorgt werden – Möglichkeiten, auf den sich Vögel niederlassen können, um aus erhöhter Position über die Landschaft zu spähen.

Keine Chance hatte BfH-Stadtrat Albert Bodenmiller mit seinen Bedenken. Er hält politisch begründete Brand- und Sprengstoffanschläge für möglich, weil der Kopp-Verlag in seinem Angebot auch rechtsradikale, ausländer- und islamfeindliche Publikationen hat. Oberbürgermeister Stephan Neher hielt Bodenmiller entgegen, es gehe hier um einen Bebauungsplan mit allgemeingültigen Regeln, nicht um die Gesinnung eines individuellen Bauherrn. Bodenmiller beharrte auf seinem Rederecht. Das führte dazu, dass etwa die Hälfte der Ratsmitglieder den Saal verließ, solange Bodenmiller redete. Seine Bedenken wurden überstimmt.

Grünen-Stadträtin Ursula Clauß sprach aus anderen Gründen von einem „Skandal“: Der Rohbau der 16 Meter hohen Halle stehe schon, während die Ratsleute noch über den Bebauungsplan reden. Emanuel Peter (BfH/Linke) ergänzte, die Halle überdecke eine Fläche so groß wie eineinhalb Fußballfelder. Vorerst, korrigierte Garthe, baue Kopp halb so groß. Aber im Endzustand sei dieses Ausmaß möglich.

Die Grünen, sagte Clauß, könnten den Kopp-Verlag dort akzeptieren, aber das Gebäude hätte abgestuft werden müssen. „Wir finden dieses Vorgehen völlig indiskutabel“, sagte Clauß und meinte damit die Stadtverwaltung. „Was sollen wir denn noch abstimmen? Für uns bleibt das Gebäude ein Mahnmal für eine schwache Verwaltung, die sich von einem Investor hat über den Tisch ziehen lassen.“

Der OB sah es anders: „Es ist so, wie wir es wollten.“ Der Bauherr habe auf eigenes Risiko vorzeitig begonnen, „der Gemeinderat kann heute so entscheiden, wie er will“.

Noch etliche andere Einwände wurden diskutiert, etwa die Zufahrt zum Grundstück und der Feldweg dort (Grasiger Weg). Der Feldweg wurde baulich verschwenkt, um die Radler zu bremsen. Erneut empörte sich Ursula Clauß: Die Schwachen müssten ausweichen, „die Lastwagen können durchbrettern“. Das ging Margarete Nohr (SPD) zu weit. Wenige hundert Meter weiter rege sich niemand auf, wenn diese radelnden Schüler, ohne auf die Autos zu achten, die stark befahrene Sülchen straße queren.

Rat beschloss Bebauungsplanänderung für Siebenlinden III
Auf eigenes, allerdings kalkulierbares Risiko begann der Kopp-Verlag mit seinem Neubau, noch bevor der Bebauungsplan rechtskräftig geändert war. Am Rand zur Neckaraue in Siebenlinden III zeichnet sich das Ausmaß des künftigen Firmensitzes schon in seinem Umfang ab. Der Baumarkt dahinter ist nicht mehr zu sehen.Bild: Fleischer

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05.07.2012, 12:00 Uhr

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