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Glückliche Verwaltung, grandioser Ausblick: Das Rathaus-Intermezzo im Blauen Turm

© Meissner 02:51 min

Am liebsten nie mehr zurück

Rathaus-Truppe fühlt sich im Blauen Turm pudelwohl

So unwirtlich der Büroklotz aus den 1960er Jahren von außen auch wirken mag, die 60 Rathaus-Beschäftigten, die im Sommer in den Blauen Turm umgezogen sind, finden ihn geradezu perfekt. Wie Wilfried Raiser von der Abteilung Kommunales würden viele „am liebsten nie mehr ins alte Rathaus zurückkehren“ – nicht zuletzt wegen der „sensationellen Ausblicke“ auf Tübingen.

12.09.2012
  • Sepp Wais

Tübingen. An der Blauen Brücke deutet wenig darauf hin, dass in dem klobigen Gebäude neuerdings die Kerntruppe der Tübinger Stadtverwaltung mit OB Boris Palmer an der Spitze residiert. Keine Infotafel, kein Stadtwappen, keine Fahne. Stattdessen erweckt wie eh und je ein roter Schriftzug an der Fassade den Eindruck, der Blaue Turm hätte irgendwas mit dem „Stuttgarter Hofbräu“ zu tun. Dass die vier oberen Stockwerke über dem Fitness-Studio seit Mai die Schaltzentrale der Stadtverwaltung beherbergen, verrät allenfalls der voluminöse Briefkasten am Eingang: „Zentraler Briefkasten der Universitätsstadt Tübingen“.

Sabine Schmincke, die Chefin der städtischen Presseabteilung, hat einiges getan, um den neuen Standort mit Hinweisen im Internet, mit Schildern und Flyern in der Stadt bekannt zu machen. Bislang allerdings ohne durchschlagenden Erfolg: „Viele Leute tun sich immer noch schwer zu uns zu finden.“ Zum Glück haben die aus dem historischen Rathaus ausquartierten Stadtverwalter weitaus weniger Publikumsverkehr als etwa die Sozial- und die Bauverwaltung.

Rathaus-Truppe fühlt sich im Blauen Turm pudelwohl
Der weite Blick von der umlaufenden Terrasse im sechsten Obergeschoss des Blauen Turms gen Westen – wird nicht lange so frei bleiben: In dem Foyer-Zwickel gegenüber, wo gestern die letzten Betonbrocken der Konzertpalast-Ruine von schwerem Baugerät zertrümmert wurden, soll ein Hotel-Neubau hochgezogen werden, der den Blauen Turm möglicherweise noch um ein Stockwerk überragt.

Der höhlenartige Zugang, an dem Palmer gestern ein Dutzend Journalisten empfängt, um ihnen sein neues Domizil zu präsentieren, ist eines Rathauses unwürdig. Mit seinen düsteren, von Bohrlöchern und losen Elektrokabeln verunzierten Wänden sieht der Eingangsbereich aus, als wäre er beim Abriss der Foyer-Ruine auf der anderen Straßenseite übrig geblieben. Für entsprechende Kommentare bleibt allerdings keine Zeit, genauer gesagt keine Luft. Denn der Oberbürgermeister hat es eilig mit dem Aufstieg.

Der Aufzug ist tabu, und wenn ihn doch jemand nutzen sollte, dann wird er darin demnächst einen Hinweis lesen, den Schmincke ungefähr so formulieren möchte: „Schade, Sie haben soeben Ihr Fitnessprogramm verpasst.“ Vom Untergeschoss, wo Palmer sein Rad abstellt, bis zum Chefbüro im fünften Stock sind es 120 anstrengende Treppenstufen.

Rathaus-Truppe fühlt sich im Blauen Turm pudelwohl
Nach dem Auszug der Uni-Psychologen wollten die beiden Stuttgarter Eigentümer aus ihrem Büroturm an der Blauen Brücke einen Wohnturm machen – bis ihnen der Tübinger Oberbürgermeister ein anderes Geschäft vorschlug.

Noch mehr hat nur Sabine Schmincke (und ihr ÖA-Team) zu bewältigen, die im sechsten Stock den „schönsten Arbeitsplatz von Tübingen“ hat – mit einer rundumlaufenden Terrasse, die „spektakuläre Ausblicke“ eröffnet: das Neckartal runter und rauf bis zum Rottenburger Kreuzerfeld, auf den Galgenberg im Süden, den Österberg im Norden, das mächtige Schloss, das aus dem Blätterdach der Platanenallee herauswächst; über der Stiftskirche das Klinikum und die Morgenstelle…

Hätten sich die Eigentümer mit ihrer ersten Planung durchgesetzt, dann wären diese Fernsichten längst privatisiert. Nach dem Auszug der Uni-Psychologen wollten die beiden Stuttgarter Kapitalanleger den Büro- in einem Wohnturm umwandeln. Als dem Oberbürgermeister diese Idee in Form eines genehmigungsreifen Baugesuchs vorgelegt wurde, funkte er dazwischen.

Rückzug noch vor der nächsten OB-Wahl

Er bat die Eigentümer zu einem Gespräch und gewann sie schließlich dafür, die oberen Stockwerke für die nächste Zeit zu einem „angemessenen Mietpreis“ der Stadtverwaltung als Ausweichquartier zu überlassen. Ohne diesen Coup hätten die von der Rathaus-Sanierung betroffenen Mitarbeiter wohl in ein Container-Dorf auf dem Gelände des Technischen Rathauses umziehen müssen. Auf diese Notlösung war niemand im Rathaus erpicht.

Rathaus-Truppe fühlt sich im Blauen Turm pudelwohl
OB Boris Palmer ganz oben: Auch er ist mit dem Übergangsdomizil für seine Rathaus-Mitarbeiter hochzufrieden.

Doch kaum jemand, so Raiser, „hätte zu träumen gewagt, dass wir es so schön bekommen würden“. Wo immer man fragt beim Rundgang durch den Blauen Turm, wird das euphorische Lob bestätigt. Angesichts der freundlich-hellen und großzügig bemessenen Arbeitsräume trauert keiner mehr dem schönen alten repräsentativen Rathaus nach, schon gar nicht dessen engen, dunklen und verschachtelten Büros, die man im Winter nicht ordentlich heizen und im Sommer nicht kühlen konnte.

Trotzdem will Boris Palmer mit seiner ausgelagerten Truppe „möglichst noch vor der nächsten OB-Wahl“ ins historische, dann aber für sieben bis acht Millionen Euro neu aufgemöbelte Rathaus zurückkehren. Denn das war für ihn immer klar: „Das Rathaus gehört mitten in die Stadt – nicht degradiert zur historischen Kulisse, sondern als lebendige Verwaltungszentrale.“

Rathaus-Truppe fühlt sich im Blauen Turm pudelwohl
Was fürs OB-Büro gilt, gilt für alle Räume: neue Teppiche, weiße Wände und die alten Möbel aus dem Rathaus.

Die vier oberen Stockwerke im Blauen Turm, die von der Stadt als Ausweichquartier angemietet wurden, umfassen 1700 Quadratmeter. Davon stehen rund 1000 Quadratmeter für Büros zur Verfügung, in denen sechzig Arbeitsplätze eingerichtet wurden. Bei den restlichen Flächen handelt es sich um Flure, Küchen, Besprechungszimmer sowie Sanitär- und Lagerräume. Pro Monat zahlt die Stadt den Eigentümern, zwei Stuttgarter Kapitalanlegern, dafür eine Kaltmiete von 14 000 Euro. Der Mietvertrag wurde zunächst auf drei Jahre befristet. Bis dahin soll die Sanierung des historischen Rathauses abgeschlossen sein. Für den Fall, dass im Anschluss daran – wie in der Finanzplanung vorgesehen – auch noch das Technische Rathaus saniert wird, kann die Stadt ihr Ausweichquartier einige Jahre länger behalten.
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12.09.2012, 12:00 Uhr

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