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Rathgebers aus Mähringen fangen mit dem Boden an und hören dann noch lange nicht auf
Markus Rathgeber hat sich seine Profession, den Parkettleger, auch auf den Arm tätowieren lassen.
Sie können praktisch alles

Rathgebers aus Mähringen fangen mit dem Boden an und hören dann noch lange nicht auf

Mitten in Mähringen – dort, wo Fuchs und Has‘ sich gute Nacht sagen, aber auch drei Straßen aufeinandertreffen, fällt ein mit Graffiti bemaltes Scheunentor auf. Auf einer kleinen Aussichtsterrasse daneben sitzen Ingrid und Markus Rathgeber – jedenfalls dann, wenn „Das Projekt“ ihnen Zeit dazu lässt.

26.07.2012
  • Ulla Steuernagel

seinen „Präsentierteller“ nennt Markus Rathgeber die kleine Terrasse. Da kann man den Rathgebers bei einer Tätigkeit zuschauen, die auf den Härten eigentlich verpönt ist: beim Nichtstun nämlich. Welcher Handwerker kann sich das schon leisten, bei so etwas erwischt zu werden? Die Rathgebers sind zwar Handwerker und Inhaber eines Handwerksbetriebs, aber zwischen jenem Betrieb, der schräg gegenüber und mit ordentlich gekämmten Kundenparkplätzen an der Immenhäuser Straße angesiedelt ist und ihrem „Projekt“-Betrieb liegen Welten. Ingrid und Markus Rathgeber schert das wenig. „Unser Betrieb ist Chaos pur“, sagt der Chef lachend und ohne Negativwerbung zu befürchten.

Als ob sie jedem Zweifel am Chaos zuvorkommen wollten, hatten die Rathgebers bis vor kurzem immer wieder altes Zeug vorm Haus aufgetürmt. Ein Flohmarkt, der wie von selbst entstand. „Das kam zu uns“, sagt Ingrid Rathgeber. Zwar fing es damit an, dass sie Häuser entrümpelten. Manches darin schien ihnen zum Wegwerfen zu schade und so verkauften sie es für wenig Geld an der Straße. Bald aber schleppten Nachbarn und Vorbeifahrende ihre eigenen Sachen an. So wurde dieses kleine, aber voluminöse Nebengeschäft den Rathgebers dann doch zu viel. Ein paar Geschichten sind ihnen allerdings geblieben. Etwa dass Ingrid Rathgeber bei der Entrümpelung des eigenen Schreibtischs einen uralten rostigen Locher eigentlich hatte wegschmeißen wollen. An der Straße stieß er dann aber auf einen glücklichen Liebhaber. Einen sehr glücklichen, denn genau dieses Modell habe seiner Sammlung gefehlt. „Das ist das Schöne am Flohmarkt“, so Ingrid Rathgeber, „man lernt Gleichgesinnte kennen.“ Ein anderer Nebeneffekt: „Es gibt so ziemlich nichts, was ich nicht habe“, so ihr Mann.

Klar ist, die Beiden sind einfach keine „Kehrwochentypen“. „Haben wir überhaupt schon mal je eine Kehrwoche gemacht?“ fragt Rathgeber seine Frau verschmitzt. Sie antwortet trocken: „Ja, ein Mal!“ Obwohl sie keine Einheimischen sind, sind sie dennoch gut vernetzt und gelitten. „Wir haben sogar mehr Kontakt zu den Ureinwohnern als zu den Zugezogenen“, betonen sie. Und das obwohl Markus Rathgeber aus dem Ruhrgebiet stammt und gebürtiger Niederländer ist. Ingrid Rathgeber kommt auch aus einem anderen Kulturkreis, sie wurde in Tübingen geboren. „Wir haben uns von Anfang an mit den Mähringern verstanden“, sagt die Chefin. Auch wenn ihr Vorgarten nur ein bunter Gerätepark ist und keine Blumenrabatten vorweist.

Als Ingrid und Markus Rathgeber ihr altes Haus kauften, hatten sie zunächst andere Pläne als „Das Projekt“. „Ich sollte das Haus renovieren und sie das Geld ranschaffen“, sagt Rathgeber. Dann verlor die studierte und damals noch angestellte Innenarchitektin ihren Job. 2005 meldeten die Beiden den Betrieb dann als Vollgewerbe an und machten bald die Erfahrung, dass es funktioniert.

Das Projekthafte an ihrem Betrieb liege auch darin, dass sie eine andere Art von Bauleitung anbieten und ganz viele verschiedene Gewerke abdecken können. Dabei müssen sie nicht unbedingt alles selber machen, sie geben auch Arbeiten an andere Handwerker weiter. „Ich kann eine Mannschaft von hundert Leuten zusammenkriegen“, sagt Markus Rathgeber.

Aber eigentlich kann er fast alles selber. Daran scheiterte auch die Mitarbeit im Härten-Netzwerk, das auf dem Austausch von Fähigkeiten und Dienstleistungen basiert. „Es gab da niemanden, der eine Leistung brachte, die wir hätten brauchen können.“ So entschlossen sie sich, lieber unorganisiert und unbürokratisch Hilfe anzubieten. „Klar“, sagt Rathgeber, „wenn ich helfen kann, dann helf‘ ich.“

Das Paar, das demnächst auch einen Lehrling ausbilden wird, hat zur Zeit jedoch viel zu tun. Ingrid Rathgeber ist für alles Organisatorische zuständig, ihr Mann sagt von sich, er hätte dafür kein Talent. Aber die 47-Jährige schafft auch selber mit auf dem Bau. Selbst schwere Männerarbeit stellt für sie kein Problem dar. Rückenschmerzen habe sie eher gehabt, als sie noch am Schreibtisch saß. Ihr Mann hat mehr mit dem Rücken zu tun. „Das ist ein Männerproblem“, sagt die Chefin. „Wenn sie jung sind, sparen sie sich jeden Weg und laden sich zu viel auf.“ Mittlerweile sagt aber auch er: „Parkettleger ist der schönste Beruf der Welt – wenn nur die Schlepperei nicht wäre.“

Goldene Nasen wollen sich die Beiden nicht verdienen. „Ich will nur am Ende des Monats meine Rechnungen bezahlen“, so Markus Rathgeber. Und da er markige Sprüche liebt, klärt er gleich auf: „Ich bin Handwerker, ich kann mir keinen Handwerker leisten.“

Allzu viele scheint er auch nicht brauchen, denn Rathgebers machen praktisch alles selber. Der 40-Jährige hat Koch und Metzger gelernt – er koche auch gerne mal für hundert Leute, sagt er. Aber genauso gerne schraubt er am Auto herum. Gerade hat er dem Hänger eine neue Achse verpasst. Das Haus ist nahezu überall Werkstatt, demnächst wird in die Scheune eine Hebebühne eingebaut und im ehemaligen und etwas dämmrigen Schweinestall besichtigt die Kundschaft vorerst – und bis zum Ladenanbau – die Parkettproben.

Irgendwie fühlen sich die Rathgebers konkurrenzlos: „Wo andere aufgeben, kommen wir ins Spiel.“ Eigentlich ist „Das Projekt“ ein Betrieb, der Parkett legt, pflegt, abschleift und Böden verlegt. Doch beim Boden bleibt es selten. Das Parkett ist nur der Einstieg. Wenn die Rathgebers erst im Haus sind, kommen die Folgeaufträge: „Meistens fangen wir mit einer Kleinigkeit an – und es hört nie wieder auf“, sagt er lachend.

So ergänzen sie sich also prima mit den Häuslebauern. Eigentlich passen sie sogar richtig gut auf die Härten, wo noch 85-jährige Frauen auf den Traktor steigen und eine Landwirtschaft umtreiben. „Wir kriegen keine Rente“, sagen sie. „Aber wir wollen sowieso arbeiten bis zum Umfallen.“

Rathgebers aus Mähringen fangen mit dem Boden an und hören dann noch lange nicht auf
Wenn die Rathgebers (hier mit Hund Kapo) vor der Werkstatttür stehen, kommt meist ein Bekannter im Auto vorbei, hält an und ein Schwätzchen. Ach ja, Hunde haben sie auch schon mal gezüchtet, aber das ist eine andere Geschichte.Bilder: Steuernagel

Rathgebers aus Mähringen fangen mit dem Boden an und hören dann noch lange nicht auf
Das Innere vom Projekt-„P“ war rausgefallen und musste neu angeleimt werden. Jetzt hat das P erst einmal eine Schraubzwinge verpasst bekommen.

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26.07.2012, 12:00 Uhr

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