Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Nagelbombe

Ratlos am Rhein

Ein Zwölfjähriger soll einen Sprengstoff-Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen geplant haben. Die Menschen vor Ort plagt vor allem eine Frage: Warum?

17.12.2016
  • DPA

Ludwigshafen. Der Verkehr fließt, Menschen kaufen ein, auf dem Weihnachtsmarkt öffnen die ersten Stände: Es ist ein ganz normaler Freitagmorgen im Dezember im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen. Nichts deutet darauf hin, dass die Stadt möglicherweise nur knapp einem Anschlag entgangen ist, den ein zwölfjähriger Junge auf dem Weihnachtsmarkt geplant haben soll. Doch die Menschen sind beunruhigt.

Eine Frau mit einem Kinderwagen sagt, sie plane in diesem Jahr keinen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. „Ich bin total verunsichert.“ Einen Steinwurf entfernt soll der mutmaßliche junge Bombenleger am 5. Dezember eine Tasche deponiert haben. Die Experten des Landeskriminalamtes fanden darin ein Glas mit vermutlich pyrotechnischem Material, wie es in Feuerwerkskörpern vorkommt.

Die Stadt darf nur wenig sagen

Die Gefahr ist gebannt, die Unsicherheit bleibt. Auch weil die Informationslage weiterhin sehr lückenhaft ist. Die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) lud zwar zu einer Pressekonferenz, konnte dann aber nur beschränkt Auskunft geben. Der Zwölfjährige sei an einem sicheren Ort, weshalb keine Gefahr mehr von ihm ausgehe, sagte sie. Nun sind die Behörden am Zug und diese arbeiteten mit Hochdruck an einer „tragfähigen Lösung“. Was auch immer das heißen mag. Außerdem habe das Land zugesagt, das städtische Jugendamt nicht allein zu lassen. Und da endet bereits die Auskunftsfreudigkeit der Stadt. Mehr könne sie nicht sagen, weil es einen sogenannten Auskunftsvorbehalt der Bundesanwaltschaft gebe. Das habe die Stadt nicht gewusst, als sie am Mittag zu der Pressekonferenz eingeladen habe.

Weitere Informationen zur Tat kommen von Magazin „Focus“. Demnach soll der Junge am 26. November versucht haben, einen Sprengsatz auf dem Weihnachtsmarkt zu zünden, was misslang. Das Magazin beruft sich auf Angaben der Justiz- und Sicherheitsbehörden. Am 5. Dezember habe der Junge den in einem Rucksack versteckten Sprengsatz dann in einem Gebüsch nahe dem Rathaus deponiert.

Radikalisiert im Internet

Heute verkauft eine Frau auf dem Weihnachtsmarkt Kartoffelpuffer. „Was wollen diese Leute eigentlich von uns?“, fragt sie. Der junge Deutsch-Iraker soll Verbindungen zu Extremisten haben. „Das alles macht mich nachdenklich. Aber auch zornig.“ Ein Mann neben ihr sagt, Ausländerfeinde und sonstige Hetzer könnten den Fall instrumentalisieren. „Das Thema ist brisant. Wir sollten es nicht so stark pushen.“

Radikalisiert könnte sich der Junge nach Auffassung eines Terrorismusexperten im Internet haben. „Dort könnte er mit einem Rekruteur in Syrien in Kontakt gekommen sein, der ihn gewissermaßen über Messengerdienste in Echtzeit ferngesteuert hat“, sagte Peter Neumann vom King‘s College in London. Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) sei so schon in der Vergangenheit mit jungen Menschen verfahren.

„Es ist schon ungewöhnlich, einen Zwölfjährigen zu sehen, aber es ist keine vollkommene Überraschung“, sagte Neumann. „Denn wir wissen, dass der IS auch sehr, sehr junge Rekruten hat. In Deutschland war der jüngste Syrien-Kämpfer 13 Jahre alt.“ Ob auch das Elternhaus oder das sonstige Umfeld eine Rolle bei der Entwicklung des Jungen gespielt habe, sei ungewiss. „Wir haben aber durchaus schon einige Fälle gesehen, wo sehr junge Kinder sich auf eigene Faust zu dieser Ideologie und Gruppe im Internet durchgekämpft haben.“

Was bleibt, ist eine verunsicherte Stadt mit verunsicherten Schaustellern auf dem Weihnachtsmarkt. Marcus Endlich zum Beispiel. Er betreibt einen Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt und weiß aus Erfahrung, dass die Besucher äußerst sensibel auf Meldungen wie die von dem möglichen Anschlag reagieren. „Im vergangenen Jahr haben sich die Anschläge in Paris auf die Besucherzahlen ausgewirkt“, sagt der 40-Jährige. „Ich gehe davon aus, dass es diesmal auch so sein wird, zumal es um ein Ereignis direkt vor unserer Haustür geht.“ dpa

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

17.12.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball