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"4000 Jahre Pfahlbauten": Große Landesausstellung in Bad Schussenried und Bad Buchau

Raum für das unsichtbare Welterbe

Die Große Landesausstellung "4000 Jahre Pfahlbauten" in Bad Schussenried und Bad Buchau führt den Besucher über mehrere Jahrtausende in die Vergangenheit. Die wird dabei sehr lebendig und präsent.

15.04.2016
  • PETRA WALHEIM

Bad Schussenried/Bad Buchau. Nein, Kaugummi ist keine Erfindung der modernen Industriegesellschaft. Es gab ihn schon vor 6000 Jahren. Allerdings bestand er damals nicht aus chemischen Stoffen, er war durch und durch natürlich. Bio-Kaugummi sozusagen. Er war aus Birkenpech, das die Menschen in der Jungsteinzeit selbst hergestellt haben. Jedoch ursprünglich nicht, um darauf herumzukauen, sondern um damit zum Beispiel Steinwerkzeuge an Holzschäften zu befestigen, um zerdeppertes Keramikgeschirr zu reparieren oder als Abdichtmasse für Einbäume.

An der archäologischen Fundstelle Hornstaad-Hörnle am Bodensee wurden 200 dieser seltsam geformten bräunlich-schwarzen Klumpen mit Zahnabdrücken gefunden. Einige sind Ausstellungsstücke in der Großen Landesausstellung "4000 Jahre Pfahlbauten", die das Landesamt für Denkmalpflege und das archäologische Landesmuseum in Zusammenarbeit mit dem Federseemuseum in Bad Buchau und den Staatlichen Schlössern und Gärten zeigt. Die Schau, die morgen eröffnet wird, gibt einen umfassenden Überblick über das Leben, Arbeiten, Wohnen und Sein in der Jungsteinzeit sowie in der Bronzezeit (2200 bis 800 v. Chr.). Gezeigt werden einzigartige Fundstücke, die seit 1979 bei Ausgrabungen überwiegend im Alpenraum entdeckt wurden. Sie geben dem Besucher einen Einblick in eine Zeit, die für viele Menschen unvorstellbar weit weg ist. Durch die Ausstellung wird sie präsent. Die Schau will den Besuchern auch das Unesco-Welterbe "Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen" näher bringen. Denn der Großteil dieses Welterbes befindet sich unter Wasser und ist damit für die Öffentlichkeit unsichtbar.

Dem Besucher wird empfohlen, sich die Schau in chronologischer Abfolge anzuschauen. So ist der Start im Schussenrieder Kloster mit den Fundstücken aus der Jungsteinzeit. Im Federseemuseum in Bad Buchau wird die Reise in die Vergangenheit mit der Bronzezeit fortgesetzt. In Schussenried gibt es Handwerkszeug und Ackergeräte, Keramiken und etliche Modelle von Pfahlbauten zu sehen. Ein einzigartiges Stück ist das älteste Rad Europas, vielleicht sogar der Welt. Es wurde im Laibacher Moor in Slowenien gefunden. Einige Vitrinen weiter ist schon die Verbesserung des Rades aus der Zeit von 2900 bis 2500 v. Chr. zu sehen. Im gleichen Raum erfährt der Besucher, dass es damals bereits Rucksäcke gab.

Die Ausstellungsstücke stammen nicht nur aus Deutschland. Auch Fundstücke aus Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und Slowenien werden gezeigt. Aus dem Uferbereich des Bodensees stammt das Kulthaus von Ludwigshafen. Es ist eine der bedeutendsten Entdeckungen. Es hat Jahre gedauert, bis es als solches interpretiert und zugeordnet werden konnte. Bei den Ausgrabungsstücken handelt es sich um reliefartige Brüste, auf die mit weißer Kalkfarbe weiße Tupfen gemalt worden sind. Wie diese Kultwand ursprünglich ausgesehen haben könnte, wird in einer faszinierenden Computer-Animation mit Licht gezeigt.

Vor den Augen des Besuchers entstehen die acht Meter langen Wandmalereien. In der Vitrine vor der Leinwand liegen die originalen Fundstücke dazu. Mit der Kultwand bekamen die Archäologen erstmals eine Idee davon, dass es schon in der Jungsteinzeit rituelle Handlungen und Ahnenverehrung gegeben haben muss. Denn auf der Kultwand sind Ahnenreihen aufgezeichnet. Dazu passend ist im gleichen Raum eine weibliche Tonfigurine zu sehen, die das gleiche aufgemalte Kreuzband aufweist wie die Figuren auf der Kultwand. Helmut Schlichtherle, Chef der Feuchtgebiets- und Unterwasser-Archäologie, betont die Einzigartigkeit dieser Tonfigur. "99,9 Prozent der keramischen Funde aus dieser Zeit sind nicht figurativ, sondern abstrakt", sagt er. Deshalb sei diese Darstellung eines Menschen "extraordinär". Das kann auch von der Totenmaske gesagt werden, von der nur noch ein kleines Stück übrig ist. Doch auch sie vermittelt einen Einblick in das rituelle Leben der Menschen dieser Zeit.

Auch im Federseemuseum Bad Buchau gibt es einzigartige Funde zu sehen. Dabei stehen die Veränderungen, die die Bronzezeit mit sich brachte, im Mittelpunkt. Als Attraktion bietet die Ausstellung die Gelegenheit, direkt bei einer Ausgrabung im Olzreuter Ried, zwei Kilometer östlich von Bad Schussenried, dabei zu sein. Es ist keine Schaugrabung, sondern aktuelle Forschungsarbeit, und die Archäologen erklären dort ihre Arbeit.

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15.04.2016, 06:00 Uhr

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