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„Raus aus der Nische“
Orgelmusik braucht ihren Raum, sagt der Ulmer Bezirkskantor Philip Hartmann. Foto: Burkhard Schäfer
Musik

„Raus aus der Nische“

Bezirkskantor Philip Hartmann über die Auszeichnung der deutschen Orgelbaukunst durch die Unesco, ihre Pflege und die Ausbildung der Musiker.

14.03.2018
  • BURKHARD SCHÄFER

Ulm. Die Orgel gilt als „Königin der Instrumente“, spielt im normalen Konzertbetrieb aber kaum eine Rolle. Kann die kürzlich von der Unesco verliehene Auszeichnung der deutschen Orgelbaukunst und -musik zum immateriellen Weltkulturerbe ihrem Ansehen auf die Sprünge helfen? Auch darüber macht sich Philip Hartmann, Bezirkskantor für das Dekanat Ulm und Mitherausgeber des Standardwerks „Handbuch Orgelmusik“, Gedanken.

Herr Hartmann, was bringt Ihnen und uns die Unesco-Ehrung?

Philip Hartmann: Wie viel es bewirken wird, muss man sehen. Auf jeden Fall hat es mediale Aufmerksamkeit erregt, was sehr gut ist. Im normalen Musikbetrieb besetzen die Orgel und die Orgelmusik ein Nischendasein. Das ist ganz einfach festzustellen und zu bedauern. Vielleicht kommen wir nun etwas aus dieser Ecke heraus.

Die meisten denken zunächst einmal an Kirchen, wenn sie das Wort Orgel hören. Muss man dem Instrument diese sakrale Anmutung nehmen? Geht das überhaupt?

Es ist ganz klar ein Kircheninstrument, und ein großer Teil der Orgelliteratur ist auch liturgisch gebunden. Dazu kommt, dass, wenn die Orgelmusik wirklich begeistern soll, sie auch einen gewissen Raum braucht. Das muss nicht zwingend ein sakraler Raum sein, aber doch zumindest ein großer für die Akustik. Da spreche ich von größeren Dimensionen, als ein Konzertsaal ihn normalerweise bietet. Und es gibt nun einfach Orgelmusik, die mit dem Raum und dem Nachhall explizit rechnet. Insofern glaube ich nicht, dass man die Orgel daraus befreien muss, da kommt sie her und da gehört sie hin. Auf der anderen Seite gibt es schon auch Literatur und einen Platz für die Orgel außerhalb der Kirche. Was den Konzertsaal betrifft, kann man an das momentan wohl prominenteste Beispiel, die Elbphilharmonie, denken, mit der Organistin Iveta Apkalna. Das hat ein enormes Medieninteresse hervorgerufen.

Die Unesco hat explizit die deutsche Orgeltradition und -baukunst zum Welterbe erklärt. Wie gerechtfertigt ist dieser nationale Bezug?

Der Zusatz ist insofern gerechtfertigt, weil die Orgelkultur in Deutschland bereits alt und bedeutend ist. Es gibt hier eine unglaubliche Dichte an Instrumenten, auch an sehr guten. Und es gibt viele Orgelbaubetriebe, vor allem im Süden. Darunter sind einige wirklich große Betriebe, die weltweit exportieren und die etwa Konzertsaalorgeln in Ländern wie China oder Russland bauen. Wichtig ist, dass Organisten in Deutschland bei der Kirche eine hauptamtliche Anstellung finden können. Hierbei meine ich zumindest eine bezahlte oder sogar gut bezahlte Anstellung. Es ist eine große Besonderheit, dass wir dazu eine hohe Dichte an Ausbildungsstätten haben: an Musikhochschulen oder an kirchlichen Hochschulen, die speziell Organisten und Kirchenmusiker ausbilden. Das gibt es in einigen anderen Ländern zwar genauso, aber nicht in dieser Menge und nicht mit der Möglichkeit, von der Kirche hauptberuflich als Organist angestellt zu werden.

Wo liegt der Unterschied zwischen evangelischer und katholischer Orgeltradition?

In der protestantischen Tradition hat natürlich der evangelische Choral eine größere Bedeutung, bei den Katholiken mehr die Gregorianik. Stark vereinfacht gesagt, spielt in der katholischen Tradition die Improvisation schon immer eine größere Rolle als in der protestantischen.

Orgeln kosten Geld – nicht nur bei der Anschaffung. Was macht die Instrumente so teuer?

Das Problem bei Orgeln ist, dass sie gepflegt werden müssen, das heißt, sie sollten jährlich einmal von einem Orgelbauer gewartet werden. Das heißt nicht, dass man jedes Jahr gleich eine Generalstimmung machen muss, es meint aber, dass ein Orgelbauer regelmäßig nach dem Rechten sieht. Dazu kommt, dass eine Orgel ungefähr alle 15 Jahre ausgereinigt werden sollte. Dabei bedeutet das harmlos klingende Wort Ausreinigung eine Komplettüberholung, bei der alle Pfeifen ausgebaut werden müssen. Und da rechnet man ganz grob etwa zehn Prozent des Neupreises der Orgel an Kosten. Es heißt immer, eine Orgel überdauere Jahrhunderte. Das stimmt schon auch – aber nur, wenn sie gepflegt wird. Daraus folgt, dass eine Orgel, egal wo sie steht, ständig laufende Kosten verursacht.

Wie steht es bei der Orgel um die Themen Ausbildung und Studium?

Wenn Sie Kirchenmusik studieren wollen, dann müssen Sie sehr früh beginnen, zumindest mit dem Klavierspiel. Klavier ist schlicht und einfach eine Voraussetzung. Danach sollte möglichst bald ein fundierter Orgelunterricht folgen. Dann müssen Sie auch noch singen können und ein gutes musikalisches Gehör haben. Die Bereitschaft muss da sein, sich voll darauf einzulassen. Für mich ist das nach wie vor einer der schönsten Berufe, aber Sie haben sehr unregelmäßige Arbeitszeiten, dafür regelmäßig Sonntagsdienst, abends Proben. Das heißt, es ist nicht unbedingt familienfreundlich. Ich selbst hatte schon begabte Schüler, die sicherlich die Fähigkeiten für das Studium gehabt hätten, die sich dann aber doch anders entschieden haben. Als Bezirkskantor mache ich seit vielen Jahren ja auch die Ausbildung der nebenamtlichen Organisten im Kirchenbezirk und da meine ich doch die Tendenz zu erkennen – und ich drücke das jetzt sehr vorsichtig aus –, dass die Schüler heute oft weniger gute Voraussetzungen mitbringen, als es vor einigen Jahren noch der Fall war.

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14.03.2018, 06:00 Uhr

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