Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Außerdem

Rausgemobbt?

Nachdem einer alleinerziehenden Mutter die Überstunden zuviel geworden sind, hat ihr die Horber Firma „rm-elektrik“ gekündigt – angeblich aus der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers heraus.

16.10.2010
  • Andreas Ellinger

Das ließ Rechtsanwalt Winfried Mühlebach anklingen. Er vertrat den Betrieb seines „Lions“-Bruders Robert Müller (rm) am Freitag vor dem Arbeitsgericht. Der „Gütetermin“ begann mit einer Überraschung: rm-Geschäftsführerin Christine Müller war nicht gekommen. „Schade“, sagte Arbeitsrichter Matthias Menn. „Ihr Erscheinen war angeordnet.“

Nach Filter-Volz (2009) hat nun „rm-elektrik“ erlebt, dass das Arbeitsrecht auch für Firmen ohne Betriebsrat gilt. Die Geschäftsführung hatte in einem Schreiben behauptet, sie habe das Arbeitsverhältnis mit der Frau mündlich im Einvernehmen beendet. Der Richter erklärte: „Eine einvernehmliche Auflösung bedarf der Schriftform.“ Sie müsse von beiden unterschrieben sein. „Insofern werden wir das hier als Kündigung behandeln. Es steht ja auch Kündigung drüber.“ Das angebliche Einvernehmen hat der Mutter womöglich besonders geschadet. Wer ohne „wichtigen Grund“ seinen Arbeitsvertrag auflöst, dem kann eine Arbeitslosengeld-Sperre von bis zu 12 Wochen drohen, wie die SÜDWEST PRESSE bei der Arbeits-Agentur erfragt hat.

Rechtsanwalt Mühlebach sagte, die Frau habe der Geschäftsführerin mitgeteilt, sie könne aufgrund von Schmerzen nicht mehr arbeiten. Wortwörtlich habe sie gesagt: „Die Firma hat mich krank gemacht.“ Die Betroffene widersprach. Aber der Anwalt wiederholte seine Version mehrfach – bis der Richter entgegnete: „Sie waren nicht dabei.“ Daher habe er die Geschäftsführerin geladen gehabt.

Die gekündigte Mutter schilderte den Sachverhalt so: „Ich habe Frau Müller gebeten, meine Überstunden zu reduzieren, weil wir seit Ende des letzten Jahres Überstunden machen. Es sind bis zu 44 Stunden, die wir pro Woche arbeiten. Aber ich habe einen Arbeitsvertrag über 37 Stunden unterschrieben. Da ich alleinerziehend bin, leiden meine Kinder unter der Mehrarbeit.“ Zudem handle es sich um eine körperlich schwere Tätigkeit. Neun Stunden pro Tag seien zuviel. „Es ging nur um die Überstunden.“

Der Richter fragte nach, ob die Überstunden bezahlt worden seien. Die Antwort: „Das mit den Überstunden ist so eine Sache…“ Ob sie angesammelt oder ausbezahlt würden, entscheide die Geschäftsleitung. Es habe auch schon geheißen, es seien keine Überstunden, sondern geänderte Arbeitszeiten. „Wir haben nichts schriftlich.“

Rechtsanwalt Mühlebach bot an: „Wenn Sie eine ärztliche Bescheinigung bringen, dass Sie nicht in der Lage sind, die Arbeit zu tun, dann können Sie am Montag wieder anfangen.“ Der Richter stellte klar: „Es bescheinigt kein Arzt, dass sie nur 37 Stunden arbeiten kann.“

Eine Abfindung wollte der rm-Vertreter nicht anbieten. Dem Vergleichsvorschlag des Richters, der eine Weiterbeschäftigung der Frau für 37 Stunden pro Woche vorsah, stand er offen gegenüber. Die Mutter konnte sich jedoch aufgrund des Verhaltens der Firmen-Führung keine Rückkehr vorstellen. Sie wies auf Vorwürfe in den Anwalts-Schreiben hin, die unzutreffend seien. Mühlebach erwiderte, es handle sich nicht um Vorwürfe – inhaltlich widersprach er nicht.

Das Ergebnis? Ein Vergleich, der eine Kündigung ohne Verschulden der Arbeitnehmerin zum 31. Oktober vorsieht – nach fünf Jahren im Unternehmen. Bis dahin soll der Lohn weiterbezahlt werden. Damit sind Urlaubs- und Überstunden-Ansprüche abgegolten. Zudem ist ein Arbeitszeugnis mit der Note „gut“ vereinbart worden.

Ist da eine Alleinerziehende kostengünstig rausgemobbt worden?

In den Grundsätzen des „Lions Clubs“ heißt es: „Ich werde meinen Mitmenschen helfen, indem ich […] den Bedürftigen mit meinen wirtschaftlichen Mitteln beistehe.“ Wenn rm-Chef Robert Müller das als ehemaliger Lions-Präsident beherzigt, dann bezahlt er der Mutter mit zwei Kindern wenigstens noch eine anständige Abfindung. Sie hat bei ihm nur runde 7 Euro pro Stunde verdient. Ihr Arbeitslosengeld ist vermutlich so niedrig, dass sie Wohngeld oder „Hartz IV“ beantragen muss.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.10.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball