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Porno ist nur eine Phase

Reale Beziehungen sind für Jugendliche wichtiger als Internetsex

Schlagworte wie „Generation Porno“ treffen das Sexualverhalten von Jugendlichen nicht, sagt die Hamburger Soziologin Silja Matthiesen. „Jugendliche wünschen sich Sex in Beziehungen“, so die Sexualforscherin am Mittwochabend vor zirka 200 Zuhörern im Kupferbau.

03.07.2015
  • Dorothee Hermann

Tübingen. „Jugendliche unterscheiden klar zwischen ihrer realen und der virtuellen sexuellen Welt“, sagt die Diplom-Soziologin Silja Matthiesen vom Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf. Dort leitet sie das Forschungsprojekt „Sexuelle und soziale Beziehungen von 17- bis 18-jährigen Frauen und Männern“, für das 160 Jugendliche von Schulen in Hamburg und Leipzig befragt wurden. In Tübingen sprach die 47-Jährige in der Studium-Generale-Reihe „Jugendliche Lebenswelten“, die unter anderen vom hiesigen Institut für Erziehungswissenschaften organisiert wird.

Online-Pornographie sei heute so zugänglich wie noch nie, sagte Matthiesen. „Viele Jungen nutzen das. Mädchen sind pornoskeptischer.“ Sie sagten sich häufig: „Das will ich selber nicht sein.“ Mädchen fühlten sich stärker von Casting-Shows wie „Germany’s Next Top Model“ angesprochen und motiviert, „sich in eine internationale Model-Karriere hineinzufantasieren“.

Ein Pornokonsum im Teenie-Alter habe meist keine Auswirkungen auf das spätere Sexualverhalten, sagte die Soziologin. Die Ausnahme sei eine Minderheit „männlicher Intensivkonsumenten von Gewaltpornographie“. Sie hätten ein höheres Risiko, „übergriffig zu werden“.

Häufig verlören die Jugendlichen von sich aus das Interesse an Pornos: Weil sie eigene sexuelle Erfahrungen machen, weniger Langeweile haben, oder nur in einer bestimmten Phase, beispielsweise nach einer Trennung, auf Pornos zurückgriffen. Das fanden die Forscherin und ihr Team in ausführlichen Gesprächen heraus.

Eine Sexualkunde-Lehrerin unter den Zuhörern schilderte die meist mit Ekel geäußerte Standardreaktion ihrer Schülerinnen auf Pornos: „Muss ich das alles machen?“ Den Jungen hingegen würde vermittelt: „Das bekomme ich alles.“

Doch die Referentin plädierte für Gelassenheit: „Jugendliche haben ganz viele Bilder im Kopf, was Sex sein kann, was Sex sein sollte.“ Im Sexualkunde-Unterricht sei es wichtig, an Grenzsetzungen zu arbeiten: „Wie komme ich in eine Situation, dass in der Sexualität das geschieht, was ich will?“ Teenager sollten sich Zeit nehmen, um sich klarzumachen: „Was will ich? Was will ich nicht?“

Eine weitere Zuhörerin fragte, ob das Internet nicht stereotype Normen für Körperbilder (Penislänge, große Brüste) aufbaue, lange vor dem ersten Sex? Wieder hatte die Forscherin eine andere Perspektive: Das Internet zeige eine unglaubliche Vielfalt an sexuellen Orientierungen, Vorlieben, Wünschen und auch Körpern, entgegnete Matthiesen. Unzählige Amateurfotografen präsentierten Männer- und Frauenkörper „in einem breiten Spekt-rum“. So könne das Netz das Feld sexueller Fantasien und Verhaltensweisen erweitern. Ratsuchenden Jugendlichen biete es Infos schnell, anonym, kostengünstig und unabhängig vom Wohnort. Das Problem dabei: Eine Qualitätskontrolle der Infos fehlt.

Teenies nutzten das Internet längst auch, um Kontakte anzubahnen. „Online- und Offline-Dating sind kaum mehr voneinander zu trennen, weil sich beides ständig mischt.“ Wenn es zum ersten realen Treffen kommt, kann das den sogenannten Offline-Schock auslösen. Für Partnerbörsen fühlten sich die meisten Jugendlichen noch zu jung und sagten: „So verzweifelt bin ich noch nicht.“

Internet-Kontakte können auch zur sexuellen Belästigung durch Fremde führen. Ein besonderes Risiko trügen Mädchen ab 15 Jahren, die sehr häufig im Netz sind, sich dort in Chaträumen bewegen und Online-Kontakte mit Fremden eingehen – und die zudem eine geringe Bindung zu den Eltern, Konflikte zuhause, Drogen- oder Missbrauchserfahrungen haben. Andererseits sei es sehr einfach, einen Netzkontakt zu beenden, sagte die Soziologin.

Eine der befragten Jugendlichen berichtete aber auch, dass sie es „ziemlich gruselig“ fand, als sie von einem Chatpartner zuhause angerufen wurde – obwohl sie es strikt vermieden hatte, dem Mann „irgendeine reale Information“ über sich mitzuteilen. Sie hatte damals aufgelegt: Zum Glück sei nichts weiter passiert.

Matthiesen nannte auch den Fall eines gemobbten Jungen, den Mitschüler mit einem konstruierten Mädchenprofil dazu brachten, Nacktbilder von sich selbst zu posten, die sie dann weiterverbreiteten. Sie betonte: „Wer solche Bilder gegen den Willen des Dargestellten verschickt, begeht eine Straftat.“

Jugendsex gibt es erst seit der sexuellen Revolution in den sechziger Jahren, sagt die Sexualforscherin Silja Matthiesen. Waren junge Menschen hierzulande zuvor beim ersten Geschlechtsverkehr im Schnitt 21 Jahre alt, verlegte sich damals der Zeitpunkt für den ersten Sex um drei oder vier Jahre nach vorne auf 17 bis 18 Jahre. „Daran hat sich kaum etwas geändert.“ Beratungstipps holten sich Jungen eher im Internet, Mädchen bevorzugten Jugendzeitschriften oder Aufklärungsbroschüren. 89 Prozent der Teenager fühlten sich zu Sexualität und Beziehungen gut informiert. Beratungstipps gibt es unter profamilia.sextra.de oder www.loveline.de

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03.07.2015, 12:00 Uhr

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