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Leitartikel · Ägypten

Realitätsverlust

27.11.2015
  • Martin Gehlen, Kairo

Das lukrative Geschäft mit dem Sommer an Weihnachten ist zerstört. Selbst die russische Ferienbranche streicht das Rote Meer aus ihren Prospekten. Europäische Urlauber sehen sich nach anderen Orten um. Der Absturz des russischen Charterflugzeugs könnte den ägyptischen Tourismus, der wie kaum eine andere Branche Arbeit schafft und Devisen bringt, in die schwerste Existenzkrise seit Jahrzehnten stürzen. In der populären Baderegion fällt dieser Tage mit einem Schlag mehr als die Hälfte des Geschäftes weg, im Vergleich zu den Rekordzeiten vor dem Arabischen Frühling sind es sogar zwei Drittel.

Denn das Vertrauen in Ägyptens Führung, seine Sicherheitsstrategie und Integrität ist schwer erschüttert. Längst geht es nicht mehr nur um punktuelle Schwachstellen an einzelnen Flughäfen. Es geht um Ägyptens Machtelite, ihre Fähigkeit, sich den Realitäten zu stellen und die eigenen Versäumnisse bei dem Nordsinai-Attentat einzugestehen. Das vor allem erklärt die entschiedenen internationalen Interventionen, erst von Großbritannien, gefolgt von Europa und Amerika, nun auch von Russland.

Wirklichkeitsverlust, Irreführung und Selbstbetrug haben sich im politischen Leben Ägyptens ausgebreitet wie eine Epidemie. Den Takt schlägt Ex-Feldmarschall und Präsident Abdel Fattah al-Sisi. So regelmäßig wie kaltschnäuzig bestreitet er, dass es Massenfolter, politische Gefangene und Justizwillkür gibt. Unbeirrt behauptet er, die Meinungsfreiheit sei so groß wie noch nie, die Armee habe den Sinai im Griff und den Terrorismus so gut wie ausgerottet. Sein Außenminister schilt regelmäßig westliche Medien und jüngst auch westliche Fluggesellschaften. Der von ihm versprochene Abschlussbericht zur Tragödie der mexikanischen Touristen, die vor zwei Monaten in der Westwüste drei Stunden lang per Kampfhubschrauber beschossen wurden, lässt dagegen weiter auf sich warten. Wann der ägyptische Armeepilot seinen Irrtum erkannte und ob er auch danach noch die um ihr Leben rennenden Touristen unter Feuer nahm, wird die Öffentlichkeit wohl nie erfahren. Stattdessen ereifern sich die Regime-Medien über angebliche ausländische Verschwörungen, die Ägypten zerstören wollen. Szenen einer Nation, die sich keinen Reim mehr machen kann auf sich selbst und dem, was sich in ihrem Inneren abspielt.

Dem Land am Nil fehlt der zentrale Antrieb allen gesellschaftlichen Fortschritts, die Fähigkeit zur Selbstkritik und zur Selbstkorrektur. Die Reichen machen es vor, die kleinen Polizisten machen es nach. Jeder sucht seinen eigenen Vorteil. Das Wohl des Ganzen gerät aus den Augen. Und so dreht sich an den Flughafenkontrollen vieles um das Trinkgeld, nicht jedoch alles um die Sicherheit der Besucher.

Sicherheit heißt mehr als funktionierende Scanner. Sicherheit ist das Gefühl von Bürgern und Besuchern, vor Staatswillkür geschützt zu sein und nicht ständig mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Zur Sicherheit gehört auch der Wille der Mächtigen, die Rechte der Bevölkerung zu respektieren, Andersdenkende nicht massenhaft zu kriminalisieren, auszugrenzen und mundtot zu machen. Anderenfalls haben - wie in Ägypten - immer mehr Unterdrückte und Misshandelte Rechnungen offen. Sie sinnen auf Rache und werden militant, weil sie nichts mehr zu verlieren haben. Schlimmer kann es nicht mehr kommen, lautet ihr Lebensgefühl. In solchen Zuständen gedeiht der Terrorismus, auch weil sich leicht Helfershelfer finden. Wie auf dem Flughafen von Sharm el-Scheich.

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27.11.2015, 08:30 Uhr

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