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Aus alten Nehrener Aufsatzheften (Teil 2)

Recht brav und fleißig sein

Im Jahr 1926 fängt der aus Nehren stammende Hermann Schmid als Lehrer an der Schule an. Karl Buck schreibt in seinem Aufsatz. „Heute zum ersten Mal ist unser neuer Lehrer bei uns. Er hat uns schon viele Freude gemacht."

22.08.2007
  • Susanne Mutschler

Der Grundschüler schreibt auf, was der scheidende Kollege den Kindern fürs gute Auskommen mit dem Neuen ans Herz legte: „Wenn ihr recht brav und fleißig seid, so wird’s auch gut gehen. Wenn man recht brav und fleißig ist, so geht es bei jedem Lehrer gut.“

Der neue Lehrer scheint den Kindern das Bravsein nicht besonders schwer gemacht zu haben. Karls anschauliche Aufsätze lassen sogar Einflüsse der Reformpädagogik erkennen. „Fünf Minuten auf der Straße“ heißt einer, für den der Lehrer die Kinder zur Beobachtung mit vor das Schulhaus genommen hatte. Karl schrieb alles auf, was er sah: „Ein Wagen mit Gras kam daher. Der Fuhrmann schrie: Hü, Alte! Ein Kind saß darauf. Es lächelte ein wenig. Es dachte vielleicht: Was wollen die Buben da unten, die müssen doch in die Schule. Herr Gammerdinger kam in den Sonntagkleidern an uns vorbei. Er sagte freundlich Guten Morgen, Herr Schmid! Ich weiß aber, wo er hingegangen ist: Nach Mössingen auf den Markt. Lustiges und munteres Treiben war auf der Straße. Aus dem Haus kam ein Mädchen heraus, die hatte gar nicht nach uns gesehen. Ein blaues Kleid hatte sie an und ein weißes Kopftuch auf dem Kopf. Ein paar Buben standen auch bei uns, da machte jeder ein dümmeres Gesicht hin als der andere. Sie schauten uns ganz verächtlich an. Wir mussten lachen. Da sagte unser Lehrer: Ihr Buben, geht heim, sonst schaffen wir nichts. Die fünf Minuten sind nun herum, wir müssen wieder in die Schule.“

Aus Ilse Fausers Aufsätzen spricht 1935 eine andere Art von Bravsein. In ihrem Aufsatz „Unser Führer“ schreibt die Viertklässlerin ganz harmlos nach, was sie gelernt und gehört hat: „Wenn Adolf Hitler nicht gekommen wäre, so wäre das deutsche Volk verloren.“ Als hätte das Mädchen schon damals einem einzelnen Mann einen solcher Kraftakt nicht ganz zugetraut, schließt sie mit dem Wunsch „Ich möchte nur auch einmal diesen starken Mann sehen“.

Die Schülerin wusste längst, das ein braves Kind ohne Widerworte folgsam und fleißig zu sein hatte. Wie die meisten Nehrener Kinder musste sie zu Hause und in der Landwirtschaft tüchtig mitschaffen. Ihre Ferien hatten wenig mit Erholung zu tun. „Meine Sommerferien“, beschreibt sie so: „Als wir Ferien hatten, musste ich Ährenlesen und manchmal hinter dem Wagen drein rechen. Alle Tage musste ich spülen und die Milch in die Molkerei tragen. Dann kam der Öhmdet, da musste ich zusammenrechen, laden, manchmal auch hinter dem Wagen drein rechen. Einmal musste ich meiner Mutter auch helfen abladen. Meine Mutter war auf dem Wagen und ich auf dem Heubarn. Da kam ich gar nicht mit.“ Ihr nächster Ferienaufsatz hatte die Überschrift „Herbstfreuden“. Für Ilse hieß das: „Beim Kartoffelgraben musste ich alle Tage mit meiner Mutter. Ich musste immer auflesen“.

Wenn beim Mithelfen aus Unachtsamkeit Dinge kaputt gingen, die Geld kosteten, setzte es Hiebe. Das war für die Kinder so sicher wie der Donner nach einem Blitz. Die Aufsätze der Viertklässlerin erzählen von dieser Strenge wie von einem Naturgesetz. In „Was mir einmal passierte“ zerbrach ihr beim Salzumfüllen ein Gefäß: „Ich erschrak und weinte. Dann sprang ich schnell zu meiner Mutter. Sie sagte: Warum weinst du? Ich wollte zuerst gar nichts sagen. Dann dachte ich: Wenn ich es gleich sage, dann bekomme ich keine Schläge. Dann sagte ich es doch. Meine Mutter schlug mich und sagte: Jetzt habe ich den Salzschöffel schon seit der Hochzeit und du musst ihn jetzt zerbrechen. Seither, wenn meine Mutter Salz von der Schüssel nehmen muss, schimpft sie mich immer.“

Als der Lehrer das Aufsatzthema stellte „Warum ich Schläge bekam“, erzählt Ilse vom heruntergefallenen Bügeleisen, und wie froh sie war, dass sie nur mit einer Tracht Prügel davon kam: „Einmal musste ich bügeln, in der Küche. Meine Mutter ging in die Stube. Als ich ein Weilchen gebügelt hatte, fiel mir das Bügeleisen aus der Hand und fiel auf den Boden. Meine Mutter hörte es und kam schnell. Ich weinte sehr. An dem Bügeleisen war oben etwas weggebrochen. Meine Mutter langte den Kochlöffel und sie schlug mich, dass ich überall blaue Mäler hatte. Als am Abend mein Vater heimkam, sagte sie es ihm. Mein Vater wollte mich auch noch schlagen, aber meine Mutter sagte: Sie hat von mir schon Schläge bekommen und sie nahm mich in Schutz. Sie sagte: Nächstes Mal nehme ich dich nicht mehr in Schutz und lass ihn schlagen. Meine Mutter sagt immer wieder so. Aber immer nimmt sie mich in Schutz.“

============Über das alte Nehrener Schulhaus wurde viel berichtet. Wie es den Kindern ging, die früher jeden Tag dort aus und ein eingingen, was sie dachten und erlebten, darüber weiß man nur wenig. In den alten Aufsatzheften von Karl Buck und Ilse Fauser finden sich einige Hinweise. Die heute 81-jährige Ilse Harm, geborene Fauser, hat ihre alten Schulhefte aufgehoben und sie bei der 100-Jahr-Feier der Schule einer kleinen Ausstellung zur Verfügung gestellt. Die Hefte des inzwischen verstorbenen Karl Buck haben bei seinen Enkeln überlebt. In einer kleinen Serie lassen wir die damals zehnjährigen Schüler erzählen, wie sie ihre Ferien verbrachten, was sie sich zum Geburtstag wünschten und was sie tun würden, wenn sie reich wären.==========

Recht brav und fleißig sein
„Beim Kartoffelgraben musste ich alle Tage mit meiner Mutter. Ich musste immer auflesen.“ Ilse Fauser beschrieb 1935 die „Herbstfreuden“.


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