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Buchmesse

Rechte Verlage im Abseits

Der Leipziger Buchpreis geht an Esther Kinsky. Der Branchentreff wird anders als befürchtet nicht zur Plattform Radikaler.

16.03.2018
  • UWE STIEHLER

Leipzig. Vor wenigen Wochen gab es noch einen heftigen Disput über die Entscheidung der Leipziger Buchmesse, auch den rechten Verlagen Raum für ihre Präsentation zu geben. Es wurden Befürchtungen laut, rechtsradikale Verleger und Publizisten könnten sich in Leipzig eine gefährliche Plattform schaffen. Messechef Oliver Zille verteidigte die Entscheidung und sagte, die Messe stehe für Meinungsfreiheit, denn ohne sie wäre dieses Lesefest nicht denkbar. Ohne sie würde auch der agile, fruchtbare und liberale deutsche Buchmarkt nicht funktionieren. Dieses Ideal zu verteidigen, sei nicht einfach, sondern mitunter unbequem und müßig. Doch wer Meinungsfreiheit wolle und brauche, müsse sie allen gewähren, solange niemand offen zur Gewalt aufruft.

Die Realität gibt Zille Recht. Die Messe ist auch dieses Jahr nicht zum Lautsprecher rechtsradikaler Ideen geworden. Der Stand des hetzenden Compact-Magazins steht wie ein alleingelassenes, schmollendes Kind ganz hinten in Halle 3. Gewimmel gibt es nicht dort, sondern nebenan, wo Messebesucher antiquarische Bücher kaufen können. Und nebenan beim Verlag Antaios, der mit seinen kruden Bänden gegen die „gefühlslinke Lebenswelt“ kämpfen will, von der er die richtigen Deutschen umzingelt sieht, steht höchstens, wer sich ans Ende der Halle 3 verlaufen hat.

Politisch, räumlich und in der Wahrnehmung stehen die rechtsradikalen Verlage auf dieser Messe im Abseits, die sich dafür fruchtbar und reflektiert mit einem gegenteiligen Extremismus befasst: dem kommunistischen Zeitalter und dem „Sowjetischen Jahrhundert“.

So heißt das Buch des Osteuropa-Historikers Karl Schlögel, der bis zu einer Emeritierung an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder) lehrte. Für das Buch wurde er gestern mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

Ebenfalls in dieser Kategorie nominiert war „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ des Historikers Gerd Koenen, der in Frankfurt/Main lebt. Und bei den Übersetzungen durfte sich Olga Radetzkaja für ihre Übertragung von Viktor Schklowskijs „Sentimentaler Reise“ Hoffnung auf einen Preis machen, ein Roman, der von den Jahren der russischen Revolution und des Bürgerkriegs erzählt.

Bekommen haben den Übersetzerpreis aber Sabine Stöhr und Juri Durkot für ihre poetische Übertragung von Serhij Zhadans „Internat“. Ein Roman, der den vergessenen Krieg in der Ostukraine mit einer Poesie der Düsternis beschreibt.

Und auch bei den Belletristik-Bänden war mit „Dunkle Zeiten“ ein lustvoll-irrer Roman dabei, der mit beißendem Witz auf die Sowjetunion und ihr Planwirtschaftsdurcheinander schaut. Gewonnen hat in dieser Kategorie aber Esther Kinskys „Geländeroman“ „Hain“. Ein stilles, etwas abseits gelegene Orte Italiens mit Worten ausmessendes Buch, das durch Esther Kinskys Sprache Landschaften zu beseelen vermag.

Aber nicht nur die Nominierungen zeigen es, dass die Aufarbeitung des kommunistischen, sozialrevolutionären, marxistischen und sowjetischen Zeitalters ein Thema der Stunde ist. Das mag an den neuen Biografien über Karl Marx liegen, die nun zu seinem Geburtstag erscheinen, und daran, dass sich die deutsche (dieses Jahr) und die russische Revolution (2017) nun zum 100. Mal jähren.

Es hat aber auch mit dem Hinterfragen der Gegenwart zu tun. Karl Schlögel sagte bei der Preisverleihung, er hoffe, dass sein Buch „Das sowjetische Jahrhundert“ etwas dazu beiträgt, um das postsowjetische Russland zu verstehen. In dem einige sowjetische Traditionen statt eines Abgesangs inzwischen eine Renaissance erfahren.

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16.03.2018, 06:00 Uhr

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