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Auf Sand gebaut

Recyclingbeton und Primärbaustoffsteuer gegen Rohstoffknappheit

Es gibt Engpässe, weil die Kies- und Sandvorkommen zum großen Teil nicht ausgebeutet werden können. Recycling soll das Problem lösen.

06.03.2018

Von CAROLINE STRANG

Vor einem Jahr schreckte ein Schild die Bewohner der Nordseeinsel Spiekeroog auf. Darauf stand, dass ein weltweit operierendes Unternehmen prüfen wolle, ob sich der Sandstrand zum Abbau eigne. Die Aufregung war groß. Das Schild stellte sich als Aktion eines Künstlers heraus, der auf den Raubbau in anderen Ländern aufmerksam machen wollte.

In Marokko ist schon die Hälfte der Sandstrände verschwunden. Abgetragen. Auch in Indien oder Jamaika werden aus Stränden Felsküsten. Die ökologischen Folgen sind drastisch. Eine Art Sandmafia betreibt zusätzlich zur genehmigten Gewinnung illegalen Raubbau und Handel.

Größter Abnehmer weltweit für Sand ist das Wüstenemirat Dubai. Wüstensand ist zu glatt fürs Bauen, die Körner erlangen im Beton keine Bindung, weil sie vom Wind so stark abgeschliffen sind. Dubai importiert vor allem Sand aus Australien. Dort tragen Bagger die Küsten teils 100 Meter tief ab – mit entsprechenden Auswirkungen für Umwelt und Grundwasserspiegel.

Und hierzulande? „Aufgrund seiner Entstehung gibt es in Deutschland eine fast unendlich große Menge an Sand“, teilt der Geologe Harald Elsner mit, Autor einer Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Nur in ganz wenigen Regionen wie in den Großräumen München oder Stuttgart bestehe Knappheit. „Allerdings hat die geologische Verfügbarkeit von Sand nur zu einem geringen Teil mit der tatsächlichen Situation zu tun.“ So drohen zumindest regional Versorgungsengpässe, zum Beispiel in der Region Mannheim-Karlsruhe oder auch in Berlin.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die meisten Vorkommen sind überbaut oder liegen unter Schutzgebieten. In Baden-Württemberg sind 85 Prozent der Fläche so verplant. Immer weniger Bauern verkaufen ihre Äcker an Kieswerke, weil die Bodenpreise steigen. „So mussten bereits in einigen Gebieten Deutschlands Kieswerke aufgrund fehlender Erweiterungsflächen geschlossen werden“, sagt Elsner. Zusätzlich erschwerten langwierige Genehmigungsverfahren für Kieswerke die Versorgung mit Sand.

Sand ist unverzichtbar für die Herstellung von Beton. Wird er rar, wird er teurer und dadurch könnten die Kosten fürs Bauen steigen. Ohne Sand gibt es auch kein Glas oder kein Plastik.

„Kies lässt sich ersetzen, Sand nicht“, erklärt Hermann Keßler, Referatsleiter Ressourcenschonung beim Umweltbundesamt. Derzeit brauche Deutschland jährlich eine Abbaufläche in der Größe von 2240 Fußballfeldern. Die Rohstoffknappheit werde aufgrund der demographischen Entwicklung nachlassen. „Wir sind ein schrumpfendes Volk und werden immer älter, darum werden mit der Zeit weniger Neubauten und mehr Sanierungen benötigt“, sagt Geßler.

Warum nicht importiert?

Warum wird Sand in Deutschland eigentlich nicht einfach importiert und das Problem so zumindest national gelöst? „Baustoffe zu transportieren ist teuer, da zählt jeder Kilometer“, erklärt der Experte. Deshalb habe man in Deutschland regionale Märkte mit überwiegend mittelständischen Unternehmen.

Eine Alternative für die Baubranche ist Recyclingbeton aus aufbereitetem Bauschutt. Wiederverwerteter Sand selbst sei noch eine eher „exotische Spezialiät“, sagt Keßler. Aber wenn ein Gebäude abgebrochen wird, kann der Beton wieder aufbereitet werden – und landet als Gesteinskörnung in neuem Beton. Allerdings: „Man muss bei diesem Verfahren sehr vorsichtig sein, denn wenn zum Beispiel Gips im Bauschutt ist, kann man den Sand und den daraus hergestellten Beton nicht mehr verwenden.“

Die Zweitverwendung soll gefördert werden, wie Geßler der SÜDWEST PRESSE verrät. Das Bundesumweltamt werde in den kommenden Wochen die Einführung einer „Primärbaustoffsteuer“ in Höhe von 3 EUR pro Tonne fordern. Denn bisher sind recycelte Baustoffe im Schnitt 2 EUR teurer als neue. „Durch die Steuer und damit eine Verteuerung des Rohstoffes könnte recyceltes Material marktfähiger werden“, sagt Geßler.

Dann kann man auch den Sand auf Spiekeroog in Ruhe lassen. Das wird die Inselbewohner beruhigen.

Die Preise sind regional sehr unterschiedlich

Pro Jahr werden in Deutschland rund 100 Mio. Tonnen Bausand gewonnen, Tendenz steigend. Die Preise des für die Bauindustrie wichtigen Rohstoffes für Großkunden sind regional sehr unterschiedlich und betragen im Großraum München 15 € pro Tonne, in der Region Stuttgart 13 €, im Großraum Berlin 6 € und in Mecklenburg-Vorpommern 3 €. Bausande und -kiese sind die wichtigsten mineralischen Rohstoffe, auf die weit über ein Drittel der heimischen Rohstoffproduktion entfällt. Kiese, Sande und gebrochene Natursteine werden zu 95 Prozent in der Bauindustrie verwendet. Hier dienen sie als Zuschläge für Beton, Mörtel oder Asphalt. ?cast

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Erstellt:
6. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. März 2018, 06:00 Uhr

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