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Frisch, frischer, Wochenmarkt

Regionale Produkte, Bio und Zeit für ein Schwätzchen sind für viele Tübinger ein Muss

Der Tübinger Wochenmarkt auf dem Marktplatz und bei der Jakobuskirche lockt regelmäßig Hunderte Besucherinnen und Besucher an. Doch was gibt es hier, das die Kunden woanders nicht finden?

30.06.2015
  • Philipp Koebnik

Tübingen.„Die Leute kommen wegen des persönlichen Kontakts, sie suchen das Gespräch mit den Händlern“, sagt Thomas Schmidt, stellvertretender Marktsprecher und Inhaber einer Gärtnerei in der Weststadt. „Hier herrscht eine ganz besondere Atmosphäre.“ Er weiß, was die Kunden am Wochenmarkt schätzen: „Maßgebend ist die gute Qualität, die Frische und Vielfalt der regionalen Produkte. Was heute geerntet wird, kommt morgen auf den Markt.“ Dass frische Lebensmittel vom Markt generell teurer seien als im Supermarkt, hält Schmidt für einen Irrtum. „Der Salat zum Beispiel: Der ist zwar im Laden etwas billiger, aber dafür sind die Salatköpfe auch viel kleiner als bei uns.“

Die regionale Herkunft der Produkte sei vielen Leuten wichtig. „Im Frühling kommen viele Kunden und fragen, wann es wieder unsere Tomaten gibt. Die haben keine Lust auf Industrie-Tomaten ohne richtigen Geschmack.“ Leidenschaftlich gern mache er seine Arbeit, sie sei wie eine Sucht. „Der Markt – das ist einfach Leben, buntes Treiben, immer ist hier etwas los“, schwärmt Schmidt. Viele Kunden kenne er mit Namen.

Dem Druck, die Waren ansprechend zu präsentieren, können sich jedoch auch die Händlerinnen und Händler nicht entziehen. „Um 5 Uhr morgens fangen wir an aufzubauen, das dauert etwa zwei Stunden. Alles muss optimal platziert sein und gut aussehen, es muss etwas darstellen“, so Schmidt.

Rund 40 Händler bieten ihre Waren beim Tübinger Wochenmarkt an – Montag, Mittwoch und Freitag von 7 bis 13 Uhr auf dem Marktplatz sowie samstags von 8 bis 13 Uhr bei der Jakobuskirche. „Am Samstag ist das meiste los, da herrscht morgens Stress pur“, sagt Frank Schmidt. Der 30-Jährige arbeitet seit 2006 im Betrieb seines Vaters und gehört zur fünften Generation der Schmidt-Gärtnerei. Verkäuferinnen und Verkäufer, die schon richtig lange dabei sind, gebe es inzwischen kaum noch. „Die Jungen kommen jetzt nach“, sagt Thomas Schmidt.

Das Geschäft der meisten Standbetreiber läuft nach deren eigener Auskunft gut. Aber auch Misstöne sind zu hören. „Noch vor ein paar Jahren gingen mehr Leute auf den Markt. Vielleicht liegt das daran, dass man hier in der Nähe nicht mehr parken darf“, meint Debora Ingarozza. Seit drei Jahren verkauft er in Tübingen italienischen Käse. Er ist jedoch zufrieden. „Mein Käse ist sehr gefragt“, sagt er selbstbewusst.

Gerhard Schreiner verkauft Kräuterpflanzen, Blumen und Setzlinge. Er sieht den „Knackpunkt“ woanders, das Angebot sei inzwischen einfach zu groß: „In allen Ortsteilen gibt es Märkte. Aber nicht zuletzt die vielen Einzelstände, die es in der ganzen Altstadt gibt, nehmen dem Wochenmarkt seine Attraktivität.“

Die Konsumenten sind kritischer geworden

Dennoch gehen viele Tübingerinnen und Tübinger gerne auf ihren Wochenmarkt, samstags herrscht hier stets ein Getümmel. Die Konsumenten seien heute kritischer als noch vor einigen Jahren, hat Bärbel Kolb vom Obstgut Bläsiberg festgestellt. „Die Leute wollen wissen, wo das Gemüse herkommt, wie es angebaut wird, ob Chemie eingesetzt wird und ähnliches.“

Auch Spezialitäten gibt es zu entdecken. Etwa die süßen Leckereien des „Minikuchen-Bäckers“ Udo Kräft: Mini-Obsttorten, „Pralinékuchen“ oder marokkanische Orangenschnitten mit gehackten Pistazien. Einen ungewöhnlichen Snack gibt es bei Hubert Heider: getrocknete Kugelfeigen. „Die bekommt man nur im Iran“, sagt der Händler, der vor allem Gewürze und Tee feilbietet.

Herzhaften Bergkäse hat Gunter Weber aus Kirchentellinsfurt im Angebot. Einmal wöchentlich bekommt er eine Lieferung aus Tirol, seinen Käse bezieht er „direkt von kleinen Sennereien“. Weichkäse und Schnittkäse, mild bis „ganz würzig“ gibt es, außerdem Schafs- und Ziegenkäse. Der Renner seien die Kaminwurze, kalt geräucherte Würste aus Schwein und Rind oder aus Lamm.

Eine etwas ältere Kundin begutachtet die vielen Käselaibe, sie kann sich nicht entscheiden. „Hier habe ich einen tollen Bergkäse, der 16 Monate gereift ist“, sagt Weber und zeigt auf einen großen Brocken. „Dann probier‘ ich den mal, letztens hatte ich einen jüngeren.“ Lächelnd schlendert sie weiter, der nächste Kunde wartet schon.

Regionale Produkte, Bio und Zeit für ein Schwätzchen sind für viele Tübinger ein Muss
Einkaufen, bummeln, schwätzen, sich begegnen: Die Tübinger lieben ihren Wochenmarkt. Bild: Sommer

Seit Längerem schwelt ein Konflikt zwischen den Betreibern des Wochenmarkts und den Gastronomen am Marktplatz. Im Kern geht es darum, ob die Stände das Geschäft der Gastronomen schädigen. Derzeit ruht die Auseinandersetzung. Den Inhabern des Ranitzky und der Marktschenke war ihr Unmut zwar anzumerken, doch wollen sie den Streit „nicht wieder aufwärmen“. Auch bei der Weinstube mochte sich niemand dazu äußern. Marktsprecherin Susanne Binder war zu einem Interview nicht bereit. Viele Standbetreiber zeigen indes Verständnis für die Sorge der Gastronomen. Auf den Platz verzichten können sie freilich nicht.

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30.06.2015, 12:00 Uhr

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