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Rackern bis zum Ruin

Regisseur Tobias Müller war mit seiner Bauernhof-Doku "Sauacker" im Arsenal

An einem kleinen, in der Nähe von Sigmaringen gefundenen Beispiel untersucht Regisseur Tobias Müller die große Krise der bäuerlichen Landwirtschaft. Kürzlich präsentierte er "Sauacker" im Kino Arsenal, wo die Doku jetzt auch im regulären Programm gezeigt wird.

26.06.2014
  • Klaus-Peter Eichele

Mit ängstlich aufgerissenen Augen schaut das neu geborene Kälbchen in den Stall – als ahnte es, wie ungewiss seine Zukunft auf dem Hof der Bauernfamilie Kienle ist. Gegen die industrialisierte Konkurrenz hat der traditionell geführte Kleinbetrieb mit seinen paar Milchkühen und Schweinen keine Chance. Die Schulden steigen so kontinuierlich wie die Arbeitsbelastung. Noch trotzen die Kienles wacker dem von der Politik ausgegebenen Motto „Wachse oder weiche“. Aber wenn nicht alles täuscht, wird es diesen Bauernhof bald nicht mehr geben.

Tobias Müller, Jahrgang 1979, ist zwei Dörfer entfernt vom Hof der Kienles aufgewachsen. Als er klein war, hat er die Milch noch mit der Kanne vom Bauern geholt. Inzwischen kauft man sie auch in der Sigmaringer Gegend beim Aldi, und statt vieler Bauernhöfe gibt es eine Handvoll Agrarfabriken.

Die Trauer um das Verschwinden des vertrauten Landlebens hat Müller bewogen, dem Überlebenskampf der letzten bäuerlichen Kleinbetriebe einen Dokumentarfilm zu widmen. Letzte Woche präsentierte der in Kuba und Ludwigsburg ausgebildete Regisseur „Sauacker“ bei einer Vorpremiere im Tübinger Kino Arsenal.

Ursprünglich wollte Müller drei Höfe porträtieren. „Nachdem ich die Kienles kennengelernt hatte, war mir aber klar: Mit solchen Protagonisten geht man besser in Tiefe“, erzählt er im Interview mit dem TAGBLATT.

Tatsächlich hätte man von schwäbischen Bauern nicht unbedingt erwartet, dass sie vor laufender Kamera so ungeniert nicht nur über wirtschaftliche Sorgen, sondern auch über private und familiäre Probleme sprechen. Daneben spürte der Regisseur schnell, dass es im Verhältnis zwischen Alt- und Jungbauern brodelt. Was für einen Dokumentarfilm, der nicht nur Fakten, sondern auch Emotionen liefern will, ein Glücksfall ist.

Eineinhalb Jahre hat Müller „wie ein Familienmitglied“ am Alltag der Kienles teilgenommen. Und der sieht so aus: Um über die Runden zu kommen, trägt Vater Konrad, 60, mitten in der Nacht Zeitungen aus. Sohn Philipp, 30, arbeitet tagsüber im Stahlwerk, hat einen Zweitjob als Hausmeister, und geht, wenn andere Feierabend haben, aufs Feld und in den Stall. Für seine Freundin bleibt ihm unter diesen Umständen so gut wie keine Zeit – so dass diese verständlicherweise irgendwann das Weite sucht. Doch trotz allen Rackerns und Verzichtens operiert der Betrieb weit jenseits der Rentabilität. Beim Beratungsgespräch auf dem Amt rät man Philipp durch die Blume, den Bettel doch besser hinzuschmeißen.

Doch genau das wollen die Kienles um keinen Preis. „Man kann doch nicht wegwerfen, was die Vorfahren in zehn Generationen aufgebaut haben“, sagt Philipp, den man sich mit seinem Ford Mustang und den modischen Koteletten allerdings auch gut in der Großstadt vorstellen kann. Über den Weg in die Zukunft geraten sich Vater und Sohn aber immer öfter in die Haare. Philipp will in moderne Technik investieren, bringt eine Umstellung auf Bio ins Spiel; Konrad mahnt zur Vorsicht und will lieber weiterwurschteln wie bisher. Der Sohn drängt den Vater, ihm den Hof zu übergeben, doch der Senior fühlt sich noch zu jung fürs Altenteil. So wird die Wirtschaftsstudie mehr und mehr von einem beinahe archaischen Generationskonflikt überlagert.

Trotz des völlig offenen Endes plant Tobias Müller keine Fortsetzung des Films. Sein Anliegen, die Bevölkerung für die Nöte der bäuerlichen Landwirtschaft zu sensibilisieren, habe er auch so erreicht. Denn letztlich, so der Regisseur, seien es die Verbraucher, die über das Wohl oder Wehe von Höfen wie dem der Kienles entscheiden. Wer für Milch und Schnitzel nur Dumpingpreise zu zahlen bereit ist, muss eben damit leben, dass es bald keine Bauern mehr gibt.

Regisseur Tobias Müller war mit seiner Bauernhof-Doku "Sauacker" im  Arsenal
Ein Film übers Bauernsterben: Regisseur Tobias Müller mit Konrad und Philipp Kienle.

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26.06.2014, 12:00 Uhr

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