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Ein Stück Heimat in der Fremde

Reiche Vergangenheit: Olympia Verona ist fünfzig geworden

„Guarda, Tonino! Hast Du gesehen? Weißt Du noch?“ Im Vereinsheim des SV Unterjesingen läuft eine Dia-Show, lebhaftes Gestikulieren unter den über hundert Gästen, Zwischenrufe auf italienisch und deutsch. Olympia Verona wurde vor ziemlich genau 50 Jahren gegründet und war damit im Landkreis der erste Fußballverein für Arbeitsmigranten. Heute lebt der Verein fast nur noch in der Erinnerung der Mitglieder. Zum Jubiläum waren sie von weit angereist: aus Norddeutschland, aus der Schweiz – und nicht zuletzt aus Italien. Nur der Gründer und die Seele des Vereins war nicht dabei: Domenico „Mimo“ Scipioni ist wenige Monate vor der Jubiläumsfeier gestorben.

03.11.2011
  • Bernhard Schmidt

Und immer wieder der gleiche Kommentar bei der Jubiläumsfeier auf dem Unterjesinger Vereinsgelände: „Schade, dass Mimo das nicht mehr erleben darf.“ Domenico Scipioni hatte zusammen mit einigen Landsleuten den Verein 1961 ins Leben gerufen und dem Fußballverein den Namen gegeben. Mimo, eigentlich aus der Region Lazio stammend, so erzählt die Witwe Elisabeth Scipioni, hatte mit 18 Jahren beim Erstligisten Hellas Verona angeheuert. Eine große Profi-Karriere stand dem begabten A- Jugend-Torhüter aus der Region Lazio bevor. Doch weil sich der junge Heißsporn im Endspiel um die italienische Meisterschaft mit einem Schiedsrichter angelegt hatte, sperrte ihn der italienische Verband für acht Jahre.

Nach dem Abschiedsspiel gegen den SSC Neapel kehrte Scipioni dem Heimatland den Rücken, folgte den Werbern aus dem Wirtschaftswunderland jenseits der Alpen. Er ging nach Deutschland – mit wenig Gepäck und noch weniger Sprachkenntnissen. Erste Station war Entringen, wo er in einem Gipswerk Arbeit fand und beim TGV Entringen an der Seite des langjährigen DFB-Präsidiumsmitglieds Alfred Sengle den Kasten sauber hielt. Eigentlich, erzählt Elisabeth Scipioni, sollten es nur ein paar Jahre in Germania werden. Letztlich wurde daraus ein engagiertes und erfülltes Leben im Tübinger Revier.

Die Trikots spendierte das Tübinger Dekanat

Der Fußball wirkte auch in Scipionis Fall als Integrationshilfe: Der Keeper aus Bella Italia spielte nach dem Entringer Intermezzo beim VfL Sindelfingen und beim SV 03 Tübingen, der in der Bodensee-Liga gerade seine erfolgreichste Zeit erlebte. Doch Mimo Scipioni, „in Deutschland daheim, als Italiener geboren und als Italiener gestorben“, wie seine Frau sagt, suchte mehr als Siege und Punkte die Heimat in der Fremde, die landsmannschaftliche Verbundenheit.

So war mit Mimos tatkräftiger Hilfe auf dem Gelände der ehemaligen Topf-Fabrik Beka in Tübingen Anfang 1960 eine Mannschaft von italienischen Freizeitkickern entstanden, die, kaum aus der Taufe gehoben, immer größeren Zulauf bekam. Gegen den Ball traten in den Gründerjahren bevorzugt Beschäftigte von Beka, vom Waschmaschinenhersteller Zanker oder vom Textilbetrieb Egeria – allesamt Firmen, die heute längst abgewickelt sind.

Die Gegner der ersten Tübinger Betriebsmannschaft kamen zunächst aus dem benachbarten Reutlinger Revier, und sie brachten den Hobbykickern aus der Universitätsstadt einige empfindliche Niederlagen bei. Nach der bewährten Umarmungstaktik betrieb Scipioni umgehend den Zusammenschluss der beiden Freizeitmannschaften. 1961 war der neue Verein geboren und bekam den Namen von Scipionis unglücklicher erster Kicker-Liebe Hellas Verona.

Kurz darauf schon eröffnete Hellas den Spielbetrieb in einer landesweiten, nur italienischen Mannschaften vorbehaltenen Liga, die bis Anfang der 80er Jahre nach einer langen Saison ihren Meister kürte. Die ersten Trikots, erinnert sich Elisabeth Scipioni, spendete das katholische Dekanat in Tübingen. Hellas, 1965 umbenannt in Olympia Verona, mischte von Anfang an die Liga auf, holte sich zweimal den Titel im „Ländle“, spielte auch einmal ein Finale im imposanten Rund des Karlsruher Wildparkstadions.

Schwaben unter italienischer Sonne

Auf den ersten ausländischen Verein im Landkreis hatte allerdings keiner gewartet, Hellas Verona suchte lange und oft vergeblich nach einer fußballerischen Heimat. Denn die früher häufig als „Spaghettifresser“ geschmähten Kicker hatten damals schon als Gegner einen schlechten Ruf, als Dauergäste auf dem eigenen Grün waren sie noch weniger gelitten. So spielte Verona mal auf dem oft von Wildschweinen umgepflügten Wald-Acker zwischen Lustnau und Bebenhausen. Oder sie fanden mal bei der TSG, dem SV 03, beim TSV Lustnau oder beim TB Kirchentellinsfurt vorübergehend Zuflucht.

Zuletzt, das heißt Anfang der 80er Jahre, dockte Olympia Verona, einmal mehr im Windschatten von Domenico Scipioni, endgültig beim SV Unterjesingen an. 16 Jahre lang führte Mimo das SVU-Vereinsheim. Ziemlich genau bis zur Jahrtausendwende, als der Sturm „Lothar“ am zweiten Weihnachtstag 1999 das Dach der Gaststätte hinweg fegte. Noch heute rühmen die Gäste Mimos Pizza. Der umtriebige Vereinswirt verköstigte auch schon einmal mit seinem mobilen Pizza-Ofen die Kreis-Sportjugend in ihrem Lager in Schellbronn.

Mit den Jahren seien auf den Sportplätzen der Region auch die ausländerfeindlichen Sprüche weniger geworden, erinnert sich Walter Scipioni, Sohn des Vereinsgründers. „Die Deutschen waren doch froh, wenn wir kamen. Da waren gleich ein paar Zuschauer mehr auf dem Platz“, sagt Scipioni junior, der sich vor allem um den Unterjesinger Frauenfußball Verdienste erworben hat.

Hellas oder Olympia Verona war immer mit einem großen Tross unterwegs. Üblicherweise mit Frau, Kind und Kegel folgte der Anhang den Spielern zu den Auswärtspartien. „Für mich waren die gemeinsamen Ausflüge auf die Sportplätze immer das Größte“, erinnert sich Walter Scipioni an seine Kindheit. „Für uns Italiener war das ein Stück Heimat in Deutschland“, ergänzt Pasqualin Guerino, Hellas-Veteran aus Reutlingen. Die Herkunft habe damals noch keine Rolle gespielt: „Ob aus dem Norden oder dem Mezzogiorno – wir fühlten uns alle als Italiener“, sagt Guerino in Anspielung auf die aktuellen Sezessionsbestrebungen in der alten Heimat.

Noch mehr als die Fußballspiele förderten die vielen gemeinsamen Feiern und die zahlreichen Ausflüge in die alte Heimat den Vereinszusammenhalt. Treibende Kraft war einmal mehr Mimo Scipioni. Anfang der 70er-Jahre, als die Italiener bei der TSG Tübingen zu Gast waren, knüpfte und pflegte Mimo die deutsch-italienische Partnerschaft zu seinem Geburtsort Canale Monterano. In der 4000-Seelen-Gemeinde nahe Rom zeugt heute noch die zentrale „Piazza Tübingen“ von den langjährigen Kontakten. In schöner Regelmäßigkeit tankte die Reisegruppe aus Schwaben die italienische Sonne am nahe gelegenen Lago Bracciano, dem Wasserspeicher der italienischen Hauptstadt, oder in der antiken Weltstadt Rom. Ausflugsziele waren außerdem Venedig und Florenz.

Mimo Scipioni plante und organisierte nicht nur die großen Vereinsausflüge, er sorgte auch für deren Finanzierung. Die sportlichen Kontakte nach Verona, wo die Olympia-Kicker regelmäßig an Turnieren teilnahmen, einmal sogar das Einlagenspiel der Erstliga-Begegnung Verona gegen Inter Mailand bestreiten durften, nutzte Mimo immer wieder, um bei den dort ansässigen Firmen Süßigkeiten wie die begehrten Weihnachtskuchen Panettone oder Spielzeug zu sammeln. Bei der Tübinger Befana, dem alljährlichen großen italienischen Kinderfest im Januar, wurden dann die Waren mit einer Tombola gewinnbringend unter die Leute gebracht.

„Er war wie ein Kerze, die an beiden Seiten brannte“, beschreibt Sohn Walter des Vaters rastloses Engagement. Diese Umtriebigkeit müsse er von den Vorfahren geerbt haben, vermutet die Witwe Elisabeth Scipioni. In ziemlich direkter Linie, so haben die Nachforschungen der italienischen Verwandtschaft ergeben, stamme ihr Mann nämlich von Scipio Africanicus ab, jenem römischen Feldherren, der im zweiten punischen Krieg in der Schlacht von Zama die Karthager entscheidend schlug.

Beim Italiener gab’s nicht nur die beste Pizza

Schon ein kurzer Blick auf die Feiergesellschaft im Unterjesinger Vereinsheim macht deutlich: Olympia Verona war nicht lange ein Verein ausschließlich für Italiener. „Wir waren schon multi-kulti, da hat der SSC Tübingen noch davon geträumt“, sagt Walter Scipioni. Einige französische Soldaten aus der Tübinger Garnison haben schon für Olympia gespielt, einige Engländer, ein Schotte, ein paar Afrikaner, auch ein Student von der Insel Martinique.

Nicht zu vergessen die Deutschen, die bei Olympia das genossen, was sie in anderen Vereinen vermissten. Wie Michael Hüls beispielsweise, der zusammen mit Raimondo Chiacciera das Jubiläumsfest auf die Beine gestellt hat: „Die Kameradschaft wurde immer groß geschrieben. Die vielen gemeinsamen Aktionen haben uns zusammenwachsen lassen.“ Auch Dietmar Müller hat Verona immer die Treue gehalten. „Ich hätte sicher auch höher spielen können, aber bei Olympia war’s einfach am schönsten.“ Und Mimo war auch ein großzügiger Gastgeber. 1990, als die Deutschen in Italien Weltmeister wurden, brachte er einige alte Tübinger Kickerkollegen bei seinen Verwandten in Rom unter.

Als sich Olympia Verona dem SV Unterjesingen angeschlossen hatte war das Ende der Aktiven-Mannschaft besiegelt. Heute nimmt Olympia nicht mehr am offiziellen Spielbetrieb teil. Nur noch zu ganz speziellen Anlässen wie zu der Beerdigung des Gründers und Namensgebers im Juni oder zur Jubiläumsfeier im September kommen die Olympia-Veteranen zusammen. Mehr denn je zehrt der Verein von der reichen Vergangenheit.

In der Saison 82/83 war Olympia als B-Liga-Meister in die A-Liga aufgestiegen, ein Jahr später ging Olympia ganz offiziell als zweite Mannschaft des SV Unterjesingen ins Rennen. Weil Olympia Verona aber immer wieder seine besten Kicker an die in der Bezirksliga spielende Unterjesinger Erste abgeben musste, stieg der Club ein Jahr später aus der A-Liga wieder ab.

Es war der Anfang vom Ende: Viele Spieler wechselten nun zum ASCI Rottenburg, dem anderen Team mit überwiegend italienischen Spielern. „Wir waren fußballerisch oft stärker, mussten aber immer wieder Spieler an die Erste abgeben. Das hat vielen nicht gepasst“, sagt Walter Scipioni. Dieser Aderlass habe seinem Vater sehr weh getan, erinnert er sich. „Aber letztlich war er selbst schuld. Er war halt durch und durch ein Vereinsmensch.“ Und damit doch viel deutscher als viele Deutsche.

Reiche Vergangenheit: Olympia Verona ist fünfzig geworden

Reiche Vergangenheit: Olympia Verona ist fünfzig geworden
Ein Fußball-Verein, drei Generationen: Zum Jubiläum kamen die Veteranen von Olympia Verona noch einmal zusammen, tauschten Erinnerungen aus und traten in Unterjesingen mit zwei Mannschaften zu einem unterhaltsamen Nostalgie-Kick an. Das Spiel endete 2:2, die anschließende Runde im Vereinsheim um 0:30 Uhr. Bild: Rippmann

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03.11.2011, 12:00 Uhr

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