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Gruppe 91: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Reicher Gönner für ein Herbert-Rösler-Museum gesucht

Er wollte kein zweiter Chagall oder Picasso werden, aber nach Ansicht seiner Anhänger gehört er in diese Riege. Herbert Rösler starb 2006 in Tübingen – doch seine Künstlerkommune „Gruppe 91“ lebt weiter und sucht jetzt nach einer langfristigen Bleibe für Röslers Vermächtnis.

24.07.2015
  • Lorenzo Zimmer

Tübingen. Leichte Pianomusik umfängt den Besucher der G91-Halle zwischen B27 und B28, am Ortsausgang Richtung Reutlingen. Diese sehr nüchterne, pragmatische Verortung verschweigt, dass es hier so gar nicht weltlich zugeht. Wo die Musik herkommt, ist undefinierbar. Sie scheint einfach in der Luft zu liegen. Hier lagert es – das Vermächtnis des Künstlers Herbert Rösler. Grafiken, Malerei, Mode, Schmuck, Skulpturen, Möbel und zahllose Entwürfe.

Reicher Gönner für ein Herbert-Rösler-Museum gesucht
Dieser Raum ist brandschutzrechtlich besonders heikel: Linda Li, Dina Linikche, Werner Witte und Klaus König in ihrer kleinen Galerie im G91-Bau.Bilder: Metz

Rösler war in den Sechzigern Chefdekorateur des Plattenlabels Electrola, schmückte die Wagnerfestspiele in Bayreuth oder die Tournee der berühmten Maria Callas. 1968 kam es zu einem Umbruch in seinem Leben, er fand zu Jesus, gab seinen Beruf auf und gründete die Künstlerkommune „Gruppe 91“ – benannt nach der Nummer des Kölner Stadtteils Ostheim. In den Siebzigern mietete er mit seinen Anhängern einen Gutshof am Bodensee. Dann ein schwerer Schicksalsschlag: Bei einem Autounfall verlor Rösler beinahe vollständig sein Augenlicht. Die Sanitäter brachten ihn ins Krankenhaus nach Tübingen – die Mitglieder der „Gruppe 91“ folgten ihm.

„Und irgendwie sind wir dann hier hängengeblieben“, sagt Linda Li, Prima inter pares der „Gruppe 91“. Sie nimmt einen Schluck Wasser aus dem selbstbemalten Glas. Überhaupt: Alles hier scheint selbstgemacht zu sein. Die Uhr, ein orientalisch anmutendes Reittier, die dem Betrachter sofort vermittelt: Hier tickt die Zeit ein bisschen anders. Der Schmuck, die Regale, die Möbel – vieles glitzert und funkelt, doch die Grundfarbe ist immer weiß.

Nach Röslers Tod im Jahr 2006 bewahrten die Mitglieder der „Gruppe 91“ seinen Geist, stellten seine Werke aus, setzten Entwürfe um, schufen eigene Kunst. Letztes Jahr starben Röslers Witwe Ischabella und Lea Michels – beide waren Mitglieder des Künstlerkollektivs. „Der demographische Wandel macht auch vor uns nicht Halt“, sagt Linda Li. Alle fünf verbliebenen Mitglieder sind über 60 – der für Röslers Literatur zuständige Klaus König über 70.

Reicher Gönner für ein Herbert-Rösler-Museum gesucht

Und genau das bereitet den Paradiesvögeln Kopfzerbrechen: „Wir wissen nicht, wie es mit Herberts kulturellem Schatz weitergeht, wenn wir mal nicht mehr sind oder nicht mehr die Kraft haben, uns darum zu kümmern“, sagt Linda Li traurig. Doch im nächsten Moment lächelt sie wieder, und blickt hoffnungsvoll aus den stark geschminkten Augen. „Aber wir geben unseren Mut nicht auf.“ Klar ist: Im angestammten Zuhause der Gruppe zwischen Hawks-Heim und Schützenhaus kann es nicht ewig weitergehen.

Die Stadt hat öffentliche Ausstellungen in der Halle aus Brandschutzgründen untersagt. „Wir müssten mindestens eine fünfstellige Summe investieren, um die Auflagen einzuhalten“, sagt Werner Witte. Brandschutzwand, anderes Dämmmaterial im Dach, Fluchtwege. „Drei von unseren fünf Mitgliedern gehen arbeiten, um unser aller Leben zu finanzieren“, sagt Linda Li. Da bleibt kein Geld für einen aufwändigen Umbau der Halle. Und selbst wenn sich der Umbau finanzieren ließe, müsste die Halle auch nach den neuesten Plänen dem Bau des Schindhautunnels weichen.

Deswegen sucht die Gruppe nach einem reichen Spender: „Wir träumen von einem Kunstliebhaber mit viel Geld, der mit uns Herberts Schatz erhalten will“, sagt Linda Li. „Ein Rösler-Museum wäre unser Wunsch. Damit die Kunst und ihre Botschaft von einer neuen Welt weiterleben, wenn auch wir leiblich nicht mehr hier sind.“ Doch mit den Mechanismen des kapitalistischen System kommen alle Mitglieder nicht so ganz zurecht: „Tauchst du zu tief, ersäufst du – aber springst du zu hoch, schlägst du dir den Kopf an“, sagt Linda Li.

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24.07.2015, 12:00 Uhr

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