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Religiöse Weltreise
Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625/1650. Foto: Deutsches Historisches Museum
Reformation

Religiöse Weltreise

Die Ausstellung „Luthereffekt“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin richtet den Blick auf 500 Jahre Protestantismus, von Deutschland bis Korea.

12.04.2017
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. An Martin Luther führt natürlich kein Weg vorbei. Und doch unterscheidet sich die Ausstellung „Der Luthereffekt“, die heute im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffnet wird, ganz wesentlich von ihren beiden Schwestern in Wittenberg („Luther! 95 Schätze – 95 Menschen“) und auf der Wartburg in Eisenach („Luther und die Deutschen“). Während an den beiden Wirkungsstätten des Reformators der einflussreiche Theologieprofessor und aufsässige Mönch selbst im Mittelpunkt steht, widmet sich die erste nationale Sonderausstellung im Jubiläumsjahr der weltweiten Wirkungsgeschichte der Reformation, ihrer Ausstrahlung auf andere Kontinente.

Reformation? Schon dieser Singular ist falsch, sagen die Ausstellungsmacher in Berlin, einer Stadt übrigens, auf deren Boden Luther nie einen Fuß gesetzt hat. Vielmehr handelte es sich bei jenem Ereignis, dessen 500. Jahrestag wir jetzt feiern, um den Auslöser einer ganzen Reihe von Reformationen, für die Transformation einer Idee in viele Ausprägungen – für das Entstehen unterschiedlicher Religionen. Es ist dieser „Blick nach draußen“, den Gereon Sievernich, der Direktor des Martin-Gropius-Baus, hervorhebt und der die Berliner Schau nicht nur für deutsche, sondern auch für internationale Besucher anziehend machen dürfte.

Zwar stammen die großen Umwälzer der katholischen Glaubenslehre aus Europa, allen voran Johannes Calvin, Martin Luther und Philipp Melanchthon, doch finden sich deutliche Spuren der Reformation bis heute auch in Nordamerika, Asien und Afrika. Folgerichtig lädt das Deutsche Historische Museum im Gropius-Bau zu einer Weltzeitreise durch fünf Jahrhunderte und über vier Kontinente ein, es richtet den Fokus über Luther hinaus auf „lutherische Großmächte“ wie Schweden, auf das „Gelobte Land“, das für viele Protestanten die Vereinigten Staaten von Amerika wurden, auf Korea und Tansania, wo europäische Missionare offenkundig nachhaltige Arbeit leisteten.

Der globale „Luthereffekt“ illustriert den Protestantismus in seiner ganzen geographischen und spirituellen Bandbreite, und die Berliner Ausstellung bemüht sich, diesem Anspruch auch mit einer Vielfalt von Darstellungsformen gerecht zu werden. Dazu gehört neben den wohl unvermeidlichen Büchern, Karten und liturgischen Objekten in Vitrinen sowie informativen Videostationen auch eine Installation des Berliner Künstlers Hans Peter Kuhn, der mit Alurohren, Lichteffekten und Klangelementen dem von der Reformation bewirkten Wandlungsprozess im Verhältnis der Menschen zu Gott wie auch der Kirchenspaltung nachspürt.

Konfliktreiche Geschichte

Erstmals in Europa zu sehen sind 30 Gemälde des südkoreanischen Künstlers Kim Ki-chang, der den Lebensweg Christi in der Person eines konfuzianischen Gelehrten nachzeichnet. Überhaupt Südkorea: Dort bekennen sich fast 20 Prozent der Bevölkerung zum protestantischen Glauben, und es wird interessant sein zu beobachten, welche Rolle die Christen dort bei den Bestrebungen zur Wiedervereinigung der verfeindeten Nachbarn auf der koreanischen Halbinsel spielen werden – Vorbild Deutschland?

Thematische Fäden ziehen sich durch die gesamte Ausstellung. Sie beleuchten die durchaus konfliktreiche Geschichte der Reformationen, das Verhältnis von Frauen und Männern in der Kirche, die Bedeutung von Missionen und Migration, den Aspekt der Sprache und Bildung im Prozess der konfessionellen Pluralisierung. Martin Luther wird in diesem Kontext nicht gleich zur Nebensache, aber die Rolle des Wittenberger Predigers für die Ausbreitung einer Glaubensrichtung, der sich heute mehr als 800 Millionen Menschen auf der Erde zugehörig fühlen, wird denn doch ein gutes Stück relativiert.

Stattdessen begegnet der Museumsbesucher anderen Akteuren der Reformation, deren Namen nicht so geläufig sind wie jener des berühmten Kirchenpatrons und Ablasskritikers. Als mutige Kämpferin gegen das Zölibat trat zum Beispiel die Altenburgerin Ursula Weyda hervor, an deren Schriften erinnert wird.

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf wiederum führte die Herrenhuter Glaubensgemeinschaft an und sorgte für die Ansiedlung des Protestantismus in der wilden Weite von Pennsylvania. Oder all die anderen Methodisten, Presbytianer und Puritaner, die – durch Calvin inspiriert – die britischen Kolonien in Nordamerika missionierten.

Wirkungen und Wechselwirkungen der Reformation sind bloß durchschaubar, wenn man „weltweit ausgreift“ (Sievernich), wie es die Ausstellung im Gropius-Bau vormacht. Es gibt Parallelitäten zu entdecken und Widersprüche zu erklären. Der Anstifter aus Deutschland, die europäische Religionsbewegung, die Erweckung des Glaubens in Amerika, Asien und Afrika – nur eine Gesamtschau auf Ereignisse und Entwicklungen, die im 16. Jahrhundert ihren Ausgang nahmen, wird der Bedeutung der Reformation für die Weltgeschichte gerecht.

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12.04.2017, 06:00 Uhr

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