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Rendite schlägt Weltrekord
US-Konzern: Discovery besitzt die TV-Rechte für Olympia. Foto: dpa
Olympia

Rendite schlägt Weltrekord

Das Scheitern von ARD und ZDF in den Verhandlungen über die Vergabe der Fernsehrechte für die Spiele weckt bei vielen Sportlern und Verbänden Existenzängste.

09.12.2016
  • ARMIN GRASMUCK

Ulm. Der leidenschaftliche Sportanhänger weiß es zu schätzen, wenn er bei den Olympischen Spielen in der ersten Reihe sitzen kann. Er hat sich daran gewöhnt, und die großen Momente, die er vor dem Fernseher miterlebte, trägt er auch Jahrzehnte später noch im Herzen. Unvergessen, wie der legendäre Kommentator Bruno Moravetz mit sonorer Stimme im ZDF brummte: „Wo ist Behle?“ – und die ganze Sportnation eine gefühlte Ewigkeit auf die Loipe im tief verschneiten Lake Placid starrte und wartete, bis der deutsche Langläufer endlich wieder auftauchte. Der Pulsschlag stieg auch im eigenen Wohnzimmer, als Jörg Wontorra, damals in Diensten der ARD, in Los Angeles den Schwimmer Michael Groß mit Worten zur Goldmedaille peitschte: „Flieg, Albatros, flieg!“

In diesem Sommer berichteten die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bis zu 21 Stunden täglich von Olympia aus Rio de Janeiro. Mehr als 54 Millionen Menschen schalteten mindestens einmal die Live-Übertragungen oder Hintergrundberichte im ersten oder zweiten Programm ein. Es war wahrscheinlich die letzte Präsentation der gigantischen Sportfestspiele in dieser Art.

150 Millionen Euro waren zu viel

ARD und ZDF haben die Übertragungsrechte an den amerikanischen Medienkonzern Discovery verloren, auch im Poker um die Sublizenzen den Kürzeren gezogen und in der Konsequenz, zumindest in den Jahren 2018 bis 2024, keinen direkten Zugriff mehr auf die Olympischen Spiele. Es scheiterte am Geld. Die 150 Millionen Euro, die Discovery verlangte, war den deutschen Anstalten zu hoch. „Wir müssen erkennen, dass die Forderungen bei Weitem über dem liegen, was von uns verantwortet werden kann“, sagte Ulrich Wilhelm, der für die Sportrechte der ARD verantwortliche Intendant.

Discovery plant Olympia über die frei empfangbaren Konzerntöchter wie Eurosport und auf Bezahlkanälen im Fernsehen und Internet zu übertragen. Die Amerikaner garantieren „eine umfassende Verbreitung der Olym- pischen Spiele in Deutschland und übertreffen damit die Anforderungen des IOC sowie die rechtlichen Vorgaben“, wie sie in einer Nachricht verlauten ließen.

In der Praxis wird Discovery, das die Olympia-Rechte für die Rekordsumme von 1,3 Milliarden Euro erwarb, jedoch mit Vehemenz und vielen Finessen daran arbeiten, die Ausgaben mit dem entsprechenden Aufschlag wieder einzuspielen. Die Rendite schlägt den Weltrekord. So lautet die Formel, auf die sich die höchsten Herren des Internationalen Olympischen Komitees geeinigt zu haben scheinen. Unter der Regie des aus Tauberbischofsheim stammenden IOC-Präsidenten Thomas Bach werden die Spiele nach rein kommerziellen Aspekten filetiert. Großes Geld für großen Sport. Die Olympioniken orientieren sich an den Fußballern, die das Geschäftsmodell mit ihren Welt- und Europameisterschaften, Champions League und Bundesliga perfektioniert haben.

Der Sport droht auf der Strecke zu bleiben. Weniger populäre Disziplinen wie Curling, Skeleton oder Eiskunstlauf, Bogenschießen, Synchronschwimmen und die Rhythmische Sportgymnastik werden nach der Arithmetik des kommerziellen Fernsehens mittelfristig komplett von der Bildfläche verschwinden. Aber auch für vermeintliche Quotenbringer wie die alpinen Skifahrer, Biathleten oder Leichtathleten sind die Olympischen Spiele das Maß aller Dinge. Der Umfang der staatlichen Sportförderung und die Beiträge der kleinen und größeren Unterstützer aus der Industrie orientiert sich an den Erfolgen im interkontinentalen Vergleich – und an der damit verknüpften Präsenz in der Öffentlichkeit. Der Athlet, der bei Olympia keinen Auftritt im Fernsehen hat, ist in diesem Zusammenhang nur die Hälfte wert.

Die Ersten, die sich aus Angst vor dem Absturz zu Wehr setzen, sind die Snowboarder. „Ich verstehe Thomas Bach nicht, dass er sich nicht für seine Heimat einsetzt“, sagte Verbandschef Hanns- Michael Hölz. Die Snowboarder fürchten, dass ARD und ZDF ohne Olympia-Bilder ihren Aufwand auch bei Wettkämpfen wie den Weltcups reduzieren. Für die Snowboarder, die neben klassischeren Sportarten wie Ski alpin oder Biathlon um TV-Zeit buhlen, sei das fatal. „Wir brauchen auch die Vorbereitungsrennen von Olympia, um die Bevölkerung auf die Spiele vorzubereiten“, sagte Hölz. „Wir brauchen die besten Möglichkeiten, dass sich unsere Athleten im heimischen Markt präsentieren können.“

Ein Umdenken bei der Vergabe von Fernsehrechten fordert der Präsident des Deutschen Handballbunds, Andreas Michelmann: „Wir müssen im gesamten Sport Obacht geben, dass Geld bei den Entscheidungen nicht solch eine große Rolle spielt, damit nicht der gesamte Sport Schaden nimmt.“

In den Tagesthemen gab Volker Herres, der Programmdirektor der ARD, derweil das Versprechen, seine Anstalt würde gemäß dem öffentlichen Auftrag auch zukünftig in voller Breite über Sport berichten. Es klang wie ein schwacher Trost, der Spitzenplatz bei Olympia ist weg.

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09.12.2016, 06:00 Uhr

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