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74-jährige Tübingerin war zu schlau für die Betrüger

Rentnerin trickste bundesweit agierende Enkeltrick-Bande aus

Eine 74-jährige Tübingerin wurde ihnen zum Verhängnis: Die beiden mutmaßlichen Drahtzieher einer bundesweit agierenden Betrügerbande müssen sich derzeit vor dem Landgericht Tübingen verantworten. Gestern schilderte ein Kriminalbeamter, wie die Betrüger vorgingen.

03.11.2015
  • Dorothee Hermann

Tübingen. Das angeklagte Ehepaar und dessen mindest acht Komplizen sollen mit dem sogenannten Enkeltrick vor allem von älteren Frauen fünfstellige Summen erbeutet haben. Im Tatzeitraum von Ende Juni 2014 bis Ende Januar 2015 wurde auch eine Tübinger Rentnerin angegangen, die den Betrugsversuch jedoch durchschaute. Den beiden Beschuldigten wird gemeinschaftlicher gewerbsmäßiger Betrug oder der Versuch dazu angelastet.

Bereits im Januar 2014 kam es in Tübingen zu sieben Fällen von versuchtem Enkeltrick, sagte gestern vor dem Landgericht ein 45-jähriger Kriminalbeamter. Damals kamen die Anrufe von polnischen Rufnummern. Die betroffenen älteren Frauen informierten die Polizei. „Allen fiel der Betrug auf.“ Die Betrüger hatten die potenziellen Opfer offensichtlich nach Vornamen wie Herta, Martha, Berta, Magdalene, Elisabeth oder Ilse aus dem Telefonbuch ausgesucht.

Eine von ihnen war die Tübinger Rentnerin, die die Bande auffliegen ließ, unterstützt durch Tipps von der Polizei. Als am 18. September 2014 erneut ihr Telefon klingelte, ging sie zum Schein auf den Anrufer ein, der sich so gemeldet hatte: „Hallo Ilse, erkennst du mich nicht mehr? Du musst mich doch erkennen!“ Die 74-Jährige fragte zurück: „Bist du nicht der Christian?“ So lautet der Name ihres Neffen. Es folgte eine Lügengeschichte: Der Anrufer benötige sofort 50 000 Euro für ein Immobiliengeschäft. Als die Tübingerin sich weigerte, für eine angebliche Rückzahlung der Summe ihre Bankverbindung anzugeben, wurde der Anrufer misstrauisch. Die Aktion wurde abgeblasen. Der Geldabholerin, die bereits in Tübingen unterwegs war, nutzte das nichts mehr. Sie wurde festgenommen. Der Kontaktanruf war diesmal von einer Telefonnummer in Spanien gekommen, so der Kriminalbeamte.

Die Tübinger Kriminalpolizei schickte ein Foto und eine Personenbeschreibung der Abholerin bundesweit an Kollegen – und stieß auf weitere Taten. Im aktuellen Prozess geht es um zehn Fälle, wobei es fünfmal beim Versuch geblieben war. Stets wurden mindestens zehntausend Euro gefordert. Die beiden Angeklagten sollen als mutmaßliche Drahtzieher der Bande stets den Löwenanteil der Beute erhalten haben, jeweils mindestens 60 Prozent.

Nur einen Tag vor dem Abstecher nach Tübingen hatte die Geldabholerin in Wuppertal einer 89-Jährigen 10 000 Euro abgenommen. Dabei war die 28-Jährige von einer Überwachungskamera über der Haustür erfasst worden, die der Sohn der alten Dame angebracht hatte. Ein weiteres Foto – aus einer polizeilichen Tempokontrolle – zeigte sie und ihren Mann: Sie waren, von der Autobahn A 81 kommend, auf dem Weg nach Tübingen mit überhöhter Geschwindigkeit durch Pfäffingen gerast – ausgerechnet am Tag eines Blitzmarathons der Polizei.

Der Kriminalbeamte umriss, welch umfassende Vorbereitung nötig ist, damit der Enkeltrick funktioniert. Zwei Personen sitzen in der Regel im Ausland, sagte er. Einer ruft die potenziellen Opfer an und überzeugt sie, er sei ein Verwandter und benötige dringend Geld. Im Betrügerjargon heißt dieser Anrufer „Keiler“. Dieser bemühe sich nun, die ausgeguckte Zielperson so lange an der Strippe zu halten, bis der jeweilige Geldabholer an der Tür klingelt – um zu verhindern, dass das Opfer den echten Verwandten oder die Polizei kontaktiert. Der Geldabholer wird als „Läufer“ bezeichnet.

Dem „Keiler“ stehe ein Logistiker zur Seite, der die Abholer steuert und eventuell ein Taxi besorgt: In einem der angeklagten Fälle wurde beispielsweise das Opfer per Taxi zum Geldabheben gefahren, sagte der Kriminalbeamte. Der Prozess wird am Dienstag, 10. November, fortgesetzt.

Info Vorsitzender Richter: Martin Streicher; Beisitzerin: Diana Scherzinger; Schöffen: Helmut Hämmerle, Katarina Mallok. Staatsanwalt: Bernhard Henn. Verteidiger: Wolfgang Küpper-Fahrenberg, Julia Mende, Peter Mende, Thomas Mende.

Die beiden Angeklagten im aktuellen Tübinger Enkeltrick-Prozess, ein Ehepaar aus Frankfurt/Main im Alter von 50 und 54 Jahren, wurden vom Ermittlungsführer der Kriminalpolizei Tübingen mehrfach „Zigeunerkreisen“ zugeordnet. Die 50-Jährige steht im Verdacht, der Kopf einer bundesweit agierenden Bande zu sein. Ihre drei Söhne sollen als sogenannte Keiler bei den ausgeguckten Opfern angerufen haben. Als eine 28-Jährige, die als Geldabholerin für die Gruppierung fungierte, im September 2014 in Tübingen verhaftet wurde, soll sich das Ehepaar sofort aus Deutschland abgesetzt haben. Weil sie um ihre Wohnung in Frankfurt und monatliche Sozialleistungen in Höhe von zirka 3000 Euro fürchteten, sagte der Kriminalbeamte, fanden sie sich Anfang Mai im Frankfurter Sozialrathaus ein – wo bereits die Polizei wartete.

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