Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Wirtschaftlicher Glücksfall

Reporter Philipp Maußhardt freut sich auf zwei ruhige Tage

Philipp Maußhardt steckt gerade in einer echten Win-Win-Situation. Genau in diesem Moment sitzt er vermutlich da und denkt darüber nach, dass er wirklich alles richtig gemacht hat. Er hat genügend Zeit, darüber nachzudenken und auch Ruhe. Außerdem wird er dabei super betreut.

01.12.2012

Und, was für einen Schwaben nicht unerheblich ist, er spart nicht nur Geld dabei, sondern gewinnt auch noch dazu.

Wer irgendwie überzeugt werden muss, dass Journalist wirklich der schönste Beruf der Welt ist, der sollte sich das Maußhardtsche Schicksal zu Gemüte führen.

Philipp Maußhardt ist Reporter. Er lebt in Tübingen, schrieb früher einmal im Dienste des TAGBLATTs und produziert nun rasante Storys für große Blätter. Er beschreibt darin, wie er, obwohl er nicht reiten kann, sieben Tage auf einem alten Klepper durch Siebenbürgen hoppelt: „Der Gaul, den sie Pferd nannten“ („Die Zeit“, 2011). Und er verfasste eine echte Enthüllungsreportage über die obskuren „Geheimnisse meines toten Nachbarn“ („Der Tagesspiegel“, 2012). Oder er erkundet die freie Liebe bei den Huzulen, einem Gebirgsvolk aus den östliche Karpaten für den „Playboy“.

Maußhardt kann man also durchaus als rasenden Reporter bezeichnen, der sich unerschrocken jeder Aufgabe stellt, der sich sogar schon als Waldorflehrer versuchte, als Hobby-Weinbauer oder Event-Koch. Dass so ein Mann auch ab und zu das Bedürfnis nach Ruhe und Abgeschiedenheit hat, wer könnte ihm das verdenken?

Gestern also ist er in einen Hort der Ruhe eingefahren – in das Haus oder einen seiner Nebentrakte, das unten abgebildet ist. Die Herberge liegt im Kanton Zürich hat 67 Betten, für den Aufenthalt sorgen 45 Angestellte. Das sei „besser als im Ritz“, sagt Maußhardt. Und geradezu genial: Es kostet ihn keinen Cent. Kunststück, denkt sich der gewiefte Kenner des PR-Journalismus: Maußhardt schreibt wohl eine Hotel-Empfehlung für ein Hochglanz-Magazin, wird nun ein ganzes Wochenende im Luxushotel hofiert und nach allen Regeln der Schweizer Küche verköstigt.

Maußhardt sieht das ganz anders. Er findet nämlich, er habe sich das Ganze schwer verdient, weil er schon tausende von Euros auf Schweizer Banken eingezahlt habe. Und nur deshalb, weil er es immer eilig hatte auf seinem Weg nach Italien und zurück. Wie gesagt, rasender Reporter! Beim letzten Mal, als er es eilig hatte, betrug die Quittung: 350 Franken. Zur Erinnerung: Die Schweiz ist dieses Land, das noch keine Euros eingeführt hat, 350 Franken entsprechen knapp 300 Euro.

Dabei hatte Maußhardt die Geschwindigkeitsbeschränkung nur um lächerliche 17 Stundenkilometerchen überschritten. Ja, die Schweiz ist ein teures Land! Also fasste Maußhardt einen Plan. Er wolle die Geldstrafe absitzen, verlangte er keck von der Obrigkeit. Sein Wunsch wurde ihm erfüllt.

Allerdings nicht sofort. „Ich habe versucht, es zu beschleunigen“, sagt er, aber es dauerte dann ein Jahr, bis man endlich ein Plätzchen für ihn freihatte.

Gestern um 9.30 Uhr trat er seine Haftstrafe an, und morgen um 9.30 Uhr soll er entlassen werden. „Ich habe so viel Stress unter der Woche, ich brauch‘ wirklich mal Ruhe“, sagte er vor seiner Abreise erwartungsfroh. Freilich erhofft er sich auch noch andere Anregungen von seinem Aufenthalt: nette Bekanntschaften zum Beispiel, auch eine gute Vollversorgung, vielleicht ein paar kulinarische Entdeckungen.

Gerne will er auch in die Küche des Hauses einsteigen, genauer: mithelfen. Schließlich sei er es gewohnt, für viele Esser zu kochen. Er selber nimmt nicht allzu viel mit in den Knast – gerade mal ein Buch (Bodo Kirchhoff „Erinnerungen an meinen Porsche“) und ein kleines Sortiment an Gewürzen (für alle Fälle).

Die Küche der Justizvollzugsanstalt Bachtel wäre allerdings gut beraten, wenn sie das Nachwürzen unnötig machte. Denn Maußhardt wird seinen Eindruck von ihr, nach seinem Aufenthalt der Zeitschrift „Feinschmecker“ verkaufen. Und auf seiner Fahrt nach Bachtel testet er einen 650 PS-starken Mercedes für das Reutlinger Männermagazin „Ramp“, und seine Erfahrungen im Knast wird gewinnbringend er an den „Stern“ abführen. „Wirtschaftlich betrachtet“, so sagt Maußhardt, „ist das Ganze für mich ein Glücksfall.“ Nur eine Sache gibt ihm zu denken, wieso in der Hausordnung des Männergefängnisses steht, dass jeder Insasse bei der Aufnahme Kondome ausgehändigt bekomme. Ulla Steuernagel

Reporter Philipp Maußhardt freut sich auf zwei ruhige Tage
Ph. Maußhardt

Reporter Philipp Maußhardt freut sich auf zwei ruhige Tage
Hier wird der Reporter für zwei Nächte wohnen. Privatbilder

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

01.12.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball