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Die unberechenbare Wirklichkeit

Requiem auf einen Kriminalroman: Dürrenmatts „Versprechen“ auf der LTT-Bühne

Teil zwei des LTT-Premierenwochenendes bringt am Samstag eine Romanadaption auf die Werkstattbühne des Landestheaters. Oberspielleiter Christoph Roos inszeniert „Das Versprechen“ nach Friedrich Dürrenmatts Roman. Dramaturgin Kerstin Grübmeyer sprach vorab mit dem Regisseur.

04.12.2014

Kerstin Grübmeyer: „Das Versprechen“ handelt von der besessenen Suche eines Kommissars nach dem Mörder eines kleinen Mädchens. Woher kommt eigentlich der Titel?

Christoph Roos: Kommissar Matthäi wird zu Beginn an den Tatort gerufen, an dem das kleine Mädchen ermordet wurde. Danach muss er die Eltern des Mädchens informieren, eine der eindrucksvollsten Szenen des Romans und hoffentlich auch unserer Bühnenfassung. Die Mutter des Mädchens fragt Matthäi, wer ihre Tochter umgebracht habe. Er sagt ihr, das würde er schon herausfinden. Da fordert sie ihn auf, das zu „versprechen“, und zwar bei seiner „Seligkeit“. Nun ist zwar unser Kommissar Matthäi kein besonders religiöser Mensch, aber dennoch ist er von dieser Begegnung erschüttert und spürt danach eine ganz andere Verantwortung als für alle seine früheren Fälle. Er hat ein Versprechen gegeben und muss es halten.

Der Roman Friedrich Dürrenmatts ähnelt stark dem bekannten Film „Es geschah am hellichten Tag“ mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe. Wie kommt das und was ist im Roman anders als im Film?

Für den Film hat Dürrenmatt 1957 im Auftrag des Schweizer Fernsehens ein Drehbuch geschrieben. Er wollte auch schon für den Film ein anderes Ende, eben kein Happy End, konnte sich aber nicht durchsetzen. Deshalb bearbeitete er den Stoff nochmal als Roman, jenseits des „Pädagogischen“, und lässt einen banalen Zufall verhindern, dass Kommissar Matthäi den Mörder fassen kann. Er kritisiert in „Das Versprechen“ den Hang der Krimiautoren und Filmemacher, eine Wirklichkeit zu behaupten, die mit Logik zu bewältigen sei – in Dürrenmatts Sicht eine Lüge, eine Illusion, da die Wirklichkeit eben nicht immer der Logik, dem kriminalistischen Spürsinn gehorcht, sondern sehr oft dem Zufall. Die Hauptfigur Matthäi scheitert an dem Glauben, dass der Welt mit Logik beizukommen sei. Und damit wird aus dem Roman ein „Requiem auf den Kriminalroman“.

In einem Roman entsteht die Atmosphäre einer Geschichte über die Sprache, die Beschreibungen. In der Theaterfassung am LTT wechseln sich Erzählpassagen mit Dialogszenen ab, aber der Schwerpunkt liegt auf dem Dialog. Was für eine Rolle spielen die Bühne und die Kostüme?

Der Raum, den unsere Ausstatterin Anja Ackermann gestaltet hat, ist sehr minimalistisch, bietet aber die Möglichkeit, viel mit Licht zu machen, damit Akzente zu setzen und Atmosphäre zu schaffen. Und Musik ist sehr wichtig. Der Musiker Markus Maria Jansen, mit dem ich schon oft zusammengearbeitet habe, entwirft ganz eigene Sounds und musikalische Landschaften für unsere Inszenierung. Wir proben ja noch, insofern rede ich mehr über eine Vision als über ein fertiges Produkt, aber ich stelle mir vor allem die erste Hälfte des Stücks sehr düster vor, ungemütlich und unheimlich. Ein bisschen wie ein Spiegelbild des Kommissars – und der Welt, wie er sie empfindet.

Nichts ist freundlich oder angenehm. Wie sollte es auch. Es beginnt mit einer Kinderleiche. Die ist bei uns zwar nicht zu sehen. Aber nicht nur in den Gesichtern der Menschen, die sie betrachten, muss sich das Grauen widerspiegeln, sondern eben auch in der ganzen Stimmung. Was ist das für eine Welt, in der so etwas geschieht? Und wie kann man darin leben, ohne verrückt zu werden? Und wie können wir diese Welt zum Leben erwecken? Natürlich entwickelt sich aus dieser Atmosphäre heraus dann eine neue und wieder eine neue, schließlich stecken in dem Stoff auch helle, hoffnungsvolle Momente. Die Bühne ermöglicht außerdem ein sehr nahes, direktes und genaues Spiel, fast ein bisschen filmisch und sehr dicht. Daran arbeiten wir, dass es packend wird und den Zuschauer nicht loslässt.

Info Die Premiere am morgigen Samstag, 6. Dezember beginnt um 20 Uhr in der LTT-Werkstatt. Weitere Vorstellungen am 13., 21. und 30. Dezember sowie am 10. und 23. Januar.

Requiem auf einen Kriminalroman: Dürrenmatts „Versprechen“ auf der LTT-Bühne
Regisseur Christoph RoosBild: LTT

Im Wald wird die Leiche der kleinen Gritli Moser gefunden. Beim Überbringen der schrecklichen Nachricht verspricht Kommissar Matthäi den Eltern, den Mörder zu finden. Ein Hausierer gerät unter Verdacht, gesteht unter Druck im Verhör die Tat und erhängt sich. Der Fall scheint abgeschlossen. Doch Matthäi hat Zweifel und ermittelt auf eigene Faust weiter. In der festen Überzeugung, einem perversen Wiederholungstäter auf der Spur zu sein, pachtet er die Tankstelle an einer viel befahrenen Bundesstraße und nimmt eine junge Frau mit ihrer Tochter bei sich auf. So will Matthäi den Mörder fischen; denn der Erfolg beim Fischen hängt vom richtigen Ort und vom richtigen Köder ab. „Das Versprechen“ handelt von einem Mann, der – süchtig nach der Aufklärung eines Verbrechens – fast selbst zum Täter wird. Dürrenmatt stellt auf spannende Weise die Frage zur Diskussion: Heiligt der Zweck die Mittel? Wann verkehrt sich das Gute ins Gegenteil? Wie wird aus Moral Unmoral, aus Recht Unrecht?

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04.12.2014, 12:00 Uhr

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