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Rettung für Kaiser‘s Tengelmann
Nun dürfen Edeka und Kaiser's Tengelmann doch noch gemeinsame Sache machen. Rewe steht der Fusion nicht mehr im Weg, will allerdings einen Ausgleich dafür. Wie der konkret aussieht, ist noch nicht bekannt. Foto: dpa
Handel

Rettung für Kaiser‘s Tengelmann

Rewe macht den Weg frei, damit Konkurrent Edeka die angeschlagene Lebensmittelkette übernehmen kann. Dafür gibt es einen Ausgleich. Die 15 000 Beschäftigten werden ihre Arbeitsplätze behalten.

02.11.2016
  • DPA

Mülheim/Ruhr. Die Verkaufsliste für die ersten 100 Filialen lag schon auf dem Tisch. Zu alt, nicht modern genug – manche Supermärkte von Kaiser's Tengelmann gelten bei Kunden nicht gerade als erste Wahl. Seit Jahren schreibt die Kette rote Zahlen. Konkurrent Edeka will trotzdem seit Langem das Filialnetz übernehmen – und löste damit ziemliches Hickhack aus.

In dem Streit geht es nicht nur um Läden, sondern auch um rund 15 000 Beschäftigte. Kassiererinnen, Verkäuferinnen, Lagerarbeiter. Nun scheint eine Rettung in letzter Sekunde greifbar. Doch es sind noch viele Fragen offen und bei einigen Beschäftigten herrscht Skepsis. Der Berliner Betriebsratsvorsitzende Volker Bohne warnte im „Tagesspiegel“ umgehend vor zu großer Euphorie. Zu oft hatten die Beschäftigten schon ein Wechselbad der Gefühle erlebt.

„Wir wissen nichts“, sagte Bohne mit Blick auf das zwischen den Parteien vereinbarte Stillschweigen. Klar ist nur so viel: Nach Darstellung des Wirtschaftsministeriums in Berlin kann Edeka nun endlich Kaiser‘s Tengelmann übernehmen. Der Konkurrent Rewe habe sich im Zuge eines Interessenausgleichs bereits erklärt, seine Beschwerde gegen den Fusionsstopp zurückzuziehen. Gerade finanziell muss aber noch einiges geklärt werden.

Was bekommt Rewe als Ausgleich? Nach dpa-Informationen soll der Edeka-Konkurrent nicht leer ausgehen. Das Kölner Unternehmen soll von Edeka eine Reihe von Filialen in Berlin erhalten und im Gegenzug bis spätestens zum 11. November seinen Widerstand gegen die zuvor von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erteilte Ministererlaubnis für die Fusion aufgeben. Eine Einigung darüber soll möglichst noch in dieser Woche erfolgen.

Der Kaufpreis ist noch unbekannt. Auch über die abzugebenden Filialen wurde noch keine Einigung erzielt. Beobachter gehen davon aus, dass etwa jede zweite Filiale in Berlin an Rewe gehen könnte. Branchenkreise rechnen dabei jedoch nicht mit einem weiteren Veto des Bundeskartellamts. Die Läden in Bayern sollen dagegen komplett bei Edeka bleiben.

Viele offene Details

Unklar ist vor allem, an wen rund 100 vorwiegend in Nordrhein-Westfalen gelegene Filialen gehen könnten. Gerade viele dieser Läden hatten in der Vergangenheit tiefrote Zahlen geschrieben. Für Außenstehende ist das Gezerre um die Supermarktkette seit Langem kaum noch nachvollziehbar – hinter den Kulissen geht es darum, dass sich die Großen noch ein paar Marktanteile im umkämpften Supermarktgeschäft sichern wollen.

Wirtschaftsminister Gabriel und Verdi-Chef Frank Bsirske zeigten sich dagegen vor dem Hintergrund des erst in einem Schlichtungsverfahren unter Leitung von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) erzielten Ergebnisses optimistisch. „Ich gehe nicht davon aus, dass es noch irgendeinen Stolperstein für den Vollzug der Schlichtungsvereinbarung geben kann“, sagte Gabriel am Montag. Bsirske sprach von einem sehr guten Tag für die Beschäftigten, deren Arbeitsplätze auf Jahre hinaus gesichert seien.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht die jüngste Einigung mit Skepsis. DGB-Chef Reiner Hoffmann verwies auf Rückschläge nach früheren Signalen der Hoffnung. „Wir hatten ja schon mal einen Kompromiss gehabt, der hatte gerade mal 24 Stunden gedauert“, sagte er am Montagabend in der ARD. Die Voraussetzungen zur Sicherung der Arbeitsplätze der rund 15 000 Beschäftigten seien nun aber „auf jeden Fall deutlich besser“.

Nach mehr als zwei Jahren Unsicherheit hatte Tengelmann-Eigentümer Karl-Erivan Haub zuletzt massiv Druck gemacht, um eine Lösung zu erreichen. Binnen weniger Tage sollten mögliche Käufer ihr Interesse an den bereits angebotenen Filialen in Nordrhein-Westfalen mitteilen. Bei einer Zerschlagung hätten die Kaiser‘s-Tengelmann-Beschäftigten deutlich schlechter dagestanden als bei dem jetzt angestrebten Verkauf im Rahmen der Ministererlaubnis. Bei einer Zerschlagung wären Tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr gewesen. Für Haub wäre eine Zerschlagung der defizitären Kettete möglicherweise am Ende sogar lukrativer gewesen als der Komplettverkauf, glauben Experten. Gerade bei den attraktiven Märkten hätte ein Wettbieten die Preise in die Höhe treiben können.

Neben den geschäftlichen Interessen spielten auch persönliche Abneigungen eine Rolle bei dem Verfahren. Immer wieder hatten sich vor allem Tengelmann-Chef Haub und Rewe-Chef Alain Caparros in Interviews gegenseitig mit Vorwürfen überzogen. Haub warf dem Rewe-Chef „Zerstörungswut“ vor und macht keinen Hehl daraus, dass er die Angebote des Managers zur Rettung von Kaiser‘s Tengelmann für schlichtweg „unseriös“ hielt.

Caparros warf Haub seinerseits vor, „sich als Sonnenkönig aufzuführen“ und die Suche nach einer Lösung zu torpedieren. dpa

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02.11.2016, 06:00 Uhr

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